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Panzerbeere vs. Alligatorbirne – Wissenswertes über die Avocado

Obwohl sie zweifellos ein Symbol urbaner Kultur sind, kommen Avocados in Felix Bartschs Großstadt-Satire „Wer Avocado sagt, muss auch Bionade sagen“ exakt einmal vor – im Titel. Diesem verdanke ich übrigens eine Geschäftsidee. Ich habe den Buchtitel während des Lektorats regelmäßig mit AvoBio abgekürzt – und war völlig überrascht, als ich herausfand, dass der Name noch keine Marke ist. Jetzt muss ich mir nur noch ein avocadohaltiges Produkt einfallen lassen.

Avocado-Kontroversen (Avocontroversen?)

Vielleicht realisiere ich aber dann vorzugsweise eine Produktidee mit synthetischen Avocados (biologisch abbaubarer Topfweihnachtsbaumschmuck?), denn die Früchte sind umstritten und nicht ungefährlich.  Das als „Avocado Hand“ bezeichnete Ergebnis abgerutschter Messer beim Avocado-Schneiden hat schon den einen oder anderen Fan der dunkelgrünen Frucht in die Notaufnahme gebracht, weswegen in England eine Zeitlang warnende Etiketten im Gespräch waren. Panzerbeere vs. Alligatorbirne – Wissenswertes über die Avocado weiterlesen

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Kindchenschema

Oder: Ich kann nichts dafür, es ist mein Brutpflegemechanismus.

Ruckartiges Stehenbleiben, aufgerissene Augen, entzücktes Aufkreischen: „Oooh süüüüß!“ Während ich noch wie berauscht dem flauschigen Welpen hinterherblicke, der da gerade um die Ecke biegt, ernte ich meistens genervte Blicke von meiner Begleitung. Sobald das kleine Fellknäuel dann aus meinem Sichtfeld entschwunden ist, erwache ich aus einer Art Trance, senke meine Stimmlage um ein paar Oktaven, und ärgere mich, mal wieder die Kontrolle (und ein Stück meiner Würde) verloren zu haben. Was haben nur diese schlappohrigen, kurzbeinigen Wesen an sich, dass ich mich regelmäßig selbst vergesse und in der Öffentlichkeit blamiere? Das gleiche Spiel erlebe ich bei Freundinnen auch, allerdings vor allem beim Anblick weniger haariger Kreaturen: Babys und Kleinkinder. Die beeindrucken mich zwar nicht so wie Welpen, aber lassen mich doch nicht vollständig kalt – zumindest solange sie keine Geräusche von sich geben oder diverse Körperflüssigkeiten absondern.

Um meinen augenrollenden Freunden zu beweisen, dass es sich bei einem Ausbruch dieser Art um einen Automatismus handelt, dem ich und andere machtlos unterliegen, recherchiere ich im Bereich Tier- und Menschenkinder. Ich stoße auf den Begriff des Kindchenschemas.

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Die verbotenen Bücher

Installation auf der documenta erinnert an vergangene und aktuelle Zensur.

Was haben die Bibel und Harry Potter gemeinsam? Beide Bücher waren einmal verboten oder zumindest der Zensur unterworfen – und sind es auch heute noch an bestimmten Orten der Welt. Deshalb sind sie zwei der über fünfzigtausend verbotenen Bücher, welche die argentinische Künstlerin Marta Minujín in ihrer Installation „The Parthenon of Books“ derzeit auf der documenta in Kassel ausstellt. Die documenta ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen für zeitgenössische Kunst, die alle fünf Jahre stattfindet. Austragungsort ist dieses Jahr vom 10. Juni bis zum 17. September wie immer Kassel und bis zum 16. Juli zusätzlich Athen. Die verbotenen Bücher weiterlesen

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Tödliche Weihnachten

Mehr Liebe, mehr Geschenke, mehr Umsatz, mehr Herzinfarkte.

Weihnachten ist das Fest der Liebe und Besinnlichkeit. Frieden auf Erden und Harmonie in den Herzen. Es geht nicht um Geschenke und Geld, die Kleinigkeiten sind entscheidend. Eine helfende Hand, eine selbstgebastelte Karte, liebe Worte, … jetzt steht das Miteinander im Vordergrund.
Oder?!?!

Timmy kennt den WeihnachtsmannAuch dieses Weihnachten werden Familien vor dem geschmückten Baum stehen und Kinder werden die Geschenke abzählen. Enttäuschte Aussagen wie „Letztes Jahr waren es mehr!“ und „Ich wollte aber ein PS4“ trüben die feierliche Stimmung. Dann schalten sich die Großeltern ein und erzählen von Früher, als sie nichts hatten und sich noch über Orangen und Nüsse gefreut haben. Das hat aber scheinbar noch nie ein Kind getröstet.
Denn im eingeschneiten London des Jahres 1840 spielt die Geschichte „Timmy kennt den Weihnachtsmann“ von Christian von Aster. Alles, was sich der kleine Timmy wünscht, ist ein stattliches Holzpferdchen. Doch er bekommt vom Weihnachtsmann nur ein winziges Päckchen: einen ollen Holzkreisel. Den haben sich die Eltern sozusagen vom Munde abgespart. Trotzdem ist seine Enttäuschung groß. Er wird im darauffolgenden Jahr bereits ab Januar die ganze Zeit darauf hinarbeiten, dass das nächste Weihnachtsgeschenk nicht auch wieder so armselig ausfällt.

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Schöne neue Realität

Warum Reality-TV Angst vor der Wirklichkeit macht und die Sehnsucht nach Fiktion weckt

Die Teenagertochter, die nicht versteht, dass die Eltern ihr die Nasen-OP nicht zum Geburtstag schenken wollen; das uneinsichtige Ehepaar, das sich zwei Autos und vier Handyverträge leistet und sich dann vom sympathischen und bereits leicht gestressten Schuldnerberater seine monatlichen Ausgaben vorrechnen lässt; der Familienvater, der sich ein Zubrot verdient, indem er pikante Videos von sich und seiner Frau auf einschlägigen Internetplattformen veröffentlicht – der Wahnsinn greift um sich, aber nicht in irgendwelchen Schundromanen, sondern lediglich, wenn man nachmittags den Fernseher einschaltet. Und während man noch offenen Mundes wie auf dem Sofa festgetackert sitzt und sich verzweifelt zu fragen beginnt, ob Fernsehen die Realität kopiert oder andersherum und wo man sich in diesem Fragespiel denn nun selbst befindet, haben sie sich schon ganz klammheimlich ins Unterbewusstsein eingeschlichen – die Trigger, die die Neugier kitzeln und mit der eigenen Lust am Voyeurismus spielen.

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Die Bildungsdefensive

Bybercap/ HerrSchmied

Über ein angestaubtes System & eine Schule, die es besser macht.

Manche Schulkritiker behaupten, bei den heute üblichen Unterrichtsmethoden blieb im Endeffekt nur etwa ein Prozent vom Unterrichtsstoff im Gedächtnis der Schüler hängen. 99 Prozent würden, kurz nachdem sie ins Hirn gepaukt oder geprügelt wurden, auch schon wieder vergessen. Nach dem Schulabschluss bliebe dann nur ein löchriges Allgemeinwissen zurück und nur ein einziges überbewertetes Kondensat: die Schulnote. Mehr nicht. Zu den Kritikern gehört auch Autor Nicolas Schmidt, beziehungsweise sein im Buch lebendig gewordenes Alter Ego Herr Schmied.

Diesem erscheint unser Schul- und Notensystem falsch und nicht mehr zeitgemäß. Mitten im Unterricht rutscht ihm aus Versehen eine inbrünstig geführte Rede heraus:

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