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Märchen: Folterschrift oder Kinderbuch?

Wald und Nebel

Märchen damals und heute…

Der goldene Oktober ist vorbei und draußen ziehen sich seit Tagen wabernde Nebelschwaden über die fast gänzlich kahlen Bäume, deren Äste wie dürre Finger hinauf zum dunkelgrauen Himmel zeigen. Der beißende Wind treibt die letzten Blätter umher und lässt die Balken knarren. Ich blicke nach draußen. Die Stimmung könnte unheimlich, gar bedrohlich wirken, doch keins der unguten Gefühle dringt zu mir vor. Ich sitze auf dem Sofa meiner Eltern. Eingewickelt in eine rote Decke, und mit einer Tasse Kakao in meiner Hand lausche ich der Stimme meiner Mutter, wie sie mir aus dem roten Buch vorliest, das seit ich denken kann die Reihen unseres weißen Bücherregals ziert. Meine Mutter senkt ihre Stimme, die Geschichte ist zuende. Doch sie kommt gar nicht erst dazu, das Buch zuzuklappen, da protestieren meine Schwester und ich, um auch noch die nächste Geschichte hören zu dürfen.

So oder so ähnlich darf man sich die Märchensonntage vorstellen, bei denen uns die Zeilen der Gebrüder Grimm wieder und wieder an Orte entführten, an denen Hexen, Prinzessinnen, tapfere Ritter und sprechende Tiere einen realen Stellenwert hatten. Wenn ich damals über den Ursprung dieses wichtigen Teils meiner Kindheit Bescheid gewusst hätte…

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Düüüüüüsenzuch – Auf den Spuren vergessenen DDR-Vokabulars

Bereits der Titel von Mikis Wesensbitters Erzählungsband „Guten Morgen, du schöner Mehrzweckkomplex – Geschichten aus Ostberlin“ bereitet Leser*innen darauf vor: Zum Teil spielt der Roman in einer fremden Welt, die ihre ganz eigene Sprache hat – zumindest kommt es Nachwende-Kindern wie mir so vor.

Nach der Lektüre des Buches ich jetzt, dass Fans der entsprechenden Musikrichtung als „Heavy Metallisten“ bezeichnet wurden und Brote „Bemmen“ waren, und mir sind auch alte Bekannte wie der „D-Zug“ (wie in „Eine alte Frau ist doch kein …“) wiederbegegnet.

Allerdings habe ich mich zum ersten Mal gefragt, wofür eigentlich das „D“ steht. Leider nicht für „Düüüüüüüsenzuch“ wie Lektorin Sarah nicht ganz ernst in stilechtem Sächsisch vorschlug. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen „Durchgangszug“, das Äquivalent eines ICE.

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Panzerbeere vs. Alligatorbirne – Wissenswertes über die Avocado

Obwohl sie zweifellos ein Symbol urbaner Kultur sind, kommen Avocados in Felix Bartschs Großstadt-Satire „Wer Avocado sagt, muss auch Bionade sagen“ exakt einmal vor – im Titel. Diesem verdanke ich übrigens eine Geschäftsidee. Ich habe den Buchtitel während des Lektorats regelmäßig mit AvoBio abgekürzt – und war völlig überrascht, als ich herausfand, dass der Name noch keine Marke ist. Jetzt muss ich mir nur noch ein avocadohaltiges Produkt einfallen lassen.

Avocado-Kontroversen (Avocontroversen?)

Vielleicht realisiere ich aber dann vorzugsweise eine Produktidee mit synthetischen Avocados (biologisch abbaubarer Topfweihnachtsbaumschmuck?), denn die Früchte sind umstritten und nicht ungefährlich.  Das als „Avocado Hand“ bezeichnete Ergebnis abgerutschter Messer beim Avocado-Schneiden hat schon den einen oder anderen Fan der dunkelgrünen Frucht in die Notaufnahme gebracht, weswegen in England eine Zeitlang warnende Etiketten im Gespräch waren. Panzerbeere vs. Alligatorbirne – Wissenswertes über die Avocado weiterlesen

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Kindchenschema

Oder: Ich kann nichts dafür, es ist mein Brutpflegemechanismus.

Ruckartiges Stehenbleiben, aufgerissene Augen, entzücktes Aufkreischen: „Oooh süüüüß!“ Während ich noch wie berauscht dem flauschigen Welpen hinterherblicke, der da gerade um die Ecke biegt, ernte ich meistens genervte Blicke von meiner Begleitung. Sobald das kleine Fellknäuel dann aus meinem Sichtfeld entschwunden ist, erwache ich aus einer Art Trance, senke meine Stimmlage um ein paar Oktaven, und ärgere mich, mal wieder die Kontrolle (und ein Stück meiner Würde) verloren zu haben. Was haben nur diese schlappohrigen, kurzbeinigen Wesen an sich, dass ich mich regelmäßig selbst vergesse und in der Öffentlichkeit blamiere? Das gleiche Spiel erlebe ich bei Freundinnen auch, allerdings vor allem beim Anblick weniger haariger Kreaturen: Babys und Kleinkinder. Die beeindrucken mich zwar nicht so wie Welpen, aber lassen mich doch nicht vollständig kalt – zumindest solange sie keine Geräusche von sich geben oder diverse Körperflüssigkeiten absondern.

Um meinen augenrollenden Freunden zu beweisen, dass es sich bei einem Ausbruch dieser Art um einen Automatismus handelt, dem ich und andere machtlos unterliegen, recherchiere ich im Bereich Tier- und Menschenkinder. Ich stoße auf den Begriff des Kindchenschemas.

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Die verbotenen Bücher

Installation auf der documenta erinnert an vergangene und aktuelle Zensur.

Was haben die Bibel und Harry Potter gemeinsam? Beide Bücher waren einmal verboten oder zumindest der Zensur unterworfen – und sind es auch heute noch an bestimmten Orten der Welt. Deshalb sind sie zwei der über fünfzigtausend verbotenen Bücher, welche die argentinische Künstlerin Marta Minujín in ihrer Installation „The Parthenon of Books“ derzeit auf der documenta in Kassel ausstellt. Die documenta ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen für zeitgenössische Kunst, die alle fünf Jahre stattfindet. Austragungsort ist dieses Jahr vom 10. Juni bis zum 17. September wie immer Kassel und bis zum 16. Juli zusätzlich Athen. Die verbotenen Bücher weiterlesen

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Tödliche Weihnachten

Mehr Liebe, mehr Geschenke, mehr Umsatz, mehr Herzinfarkte.

Weihnachten ist das Fest der Liebe und Besinnlichkeit. Frieden auf Erden und Harmonie in den Herzen. Es geht nicht um Geschenke und Geld, die Kleinigkeiten sind entscheidend. Eine helfende Hand, eine selbstgebastelte Karte, liebe Worte, … jetzt steht das Miteinander im Vordergrund.
Oder?!?!

Timmy kennt den WeihnachtsmannAuch dieses Weihnachten werden Familien vor dem geschmückten Baum stehen und Kinder werden die Geschenke abzählen. Enttäuschte Aussagen wie „Letztes Jahr waren es mehr!“ und „Ich wollte aber ein PS4“ trüben die feierliche Stimmung. Dann schalten sich die Großeltern ein und erzählen von Früher, als sie nichts hatten und sich noch über Orangen und Nüsse gefreut haben. Das hat aber scheinbar noch nie ein Kind getröstet.
Denn im eingeschneiten London des Jahres 1840 spielt die Geschichte „Timmy kennt den Weihnachtsmann“ von Christian von Aster. Alles, was sich der kleine Timmy wünscht, ist ein stattliches Holzpferdchen. Doch er bekommt vom Weihnachtsmann nur ein winziges Päckchen: einen ollen Holzkreisel. Den haben sich die Eltern sozusagen vom Munde abgespart. Trotzdem ist seine Enttäuschung groß. Er wird im darauffolgenden Jahr bereits ab Januar die ganze Zeit darauf hinarbeiten, dass das nächste Weihnachtsgeschenk nicht auch wieder so armselig ausfällt.

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