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Fernweh

Fernweh 1 - periplaneta

von Silvia Klein

Fernweh ist eines meiner Lieblingswörter in der deutschen Sprache. Zum einen, weil es dieses Gefühl perfekt beschreibt: Es tut weh, es ist wie ein Schmerz, ein Ziehen, das einen in die Ferne treibt. Zum anderen, weil es einer dieser Wörter ist, für die es in vielen Sprachen keine Übersetzung gibt. Im Englischen heißt es „wanderlust“. Das mag ich auch, hat aber eine andere Konnotation. Hier geht es um Freude und der Blickwinkel ist anders: Er liegt nicht auf der Richtung (in die Ferne), sondern auf einer Aktivität (to wander). Im Spanischen und Niederländischen gibt es kein eigenes Wort für dieses Phänomen, es wird umschrieben mit „drang naar verre landen“, was so viel heißt wie „der Drang nach fernen Ländern“, auf Spanisch ist es fast das gleiche mit „nostalgia de paises lejanos“ also „Nostalgie für weit entfernte Länder“. Ich könnte noch eine Weile so weitermachen, aber erstens sind das alle Sprachen, die ich spreche, und zweitens säßen wir dann noch ewig hier. Auf jeden Fall mag ich, dass es im Deutschen ein eigenes Wort für dieses Gefühl gibt, das mich so oft packt.

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Gib Gummi!

Ente Badewanne

Von wissenschaftlichen Quitscheenten und Schaumbädern.

Wenn ich an Quietscheentchen denke, erinnere ich mich sofort an meine Kindheit und wie ich mit acht Jahren zusammen mit meinem kleinen Bruder in der Badewanne saß und wir die zwei Enten (es mussten natürlich zwei sein, damit kein Streit entsteht) immer wieder zum Quietschen gebracht und unter Wasser gedrückt haben, damit sie dann wie von Zauberhand von ganz alleine wieder an die Wasseroberfläche ploppten.
Mittlerweile stehen die Enten auf der Fensterbank im Bad und werden nicht mehr benutzt; es gibt allerdings tatsächlich Erwachsene, die mit Quietscheentchen forschen. Manche erinnern sich vielleicht noch an die Meldung in den Nachrichten von Anfang 1992, dass ein Frachter aus Hongkong auf dem Weg in den US-Staat Washington unterwegs war, und dann bei einem Sturm drei Container mit insgesamt knapp 29.000 Spielzeugtieren über Bord gingen.

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Maskierte Invasoren aus Amerika

Waschbaer

Ein Peripherieartikel über Waschbären.

Am 12. April 1934 entließ Forstmeister Wilhelm Freiherr Sittich von Berlepsch am hessischen Edersee vier nordamerikanische Waschbären in die Freiheit. Den vorgebrachten Grund, das Bereichern der heimischen Fauna, schien man damals für eine ehrenwerte Sache zu halten. Elf Jahre später entkamen gut 25 Exemplare aus einer brandenburgischen Pelztierfarm. Hier und da passierte dann und wann wohl Ähnliches und jetzt haben wir den Salat: Heute gehört Procyon lotor offiziell zu den „100 schlimmsten invasiven Arten“ in Europa. Er hat bei uns keine natürlichen Feinde, und an neue Nahrung und Lebensräume passt er sich dermaßen gut an, dass er sich in weiten Teilen Deutschlands wohlfühlt.

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Die Ur-Vernichter

Ameise

Ein Peripherieartikel über Treiberameisen von Alexander Blumtritt.

Über das Cover von „Die Gleichheit der Blinden“ von Nora Beyer krabbeln Ameisen. Ein insektenaffiner Mensch wie ich denkt bei dieser Verbindung von Titel und Motiv augenblicklich an Treiberameisen. Darunter zählt der Zoologe diverse Ameisenarten in Mittel- und Südamerika, Afrika und Asien, die mehr oder weniger nah verwandt sind, sich aber durch eine gemeinsame Eigenschaft auszeichnen: Sie sind „nature’s primordial exterminators“, wie es ein Ameisenforscher ausdrückte. Die Ur-Vernichter.

Ausführungen über diese Tiere lesen sich wie Horror-Science-Fiction. Jeden Tag verlassen Hunderttausende bis Millionen Arbeiterinnen einer Kolonie ihr Nest und gehen als gigantische Marschsäule auf Raubzug durch den Dschungel. Die Armee der amerikanischen Art Eciton burchellii kann 200 Meter lang und 20 Meter breit werden. Alles, was ins Schema fällt und nicht entkommen kann – Insekten, Spinnen, Würmer, kleine Wirbeltiere –, wird getötet und vor Ort mit riesigen Mundwerkzeugen zerlegt. Einzelne Ameisen schaffen die Beute ins Nest, wo sie an die Larven verfüttert wird. Soldaten, bedeutend größer als die Arbeiterinnen, flankieren den Heerzug mit weit aufgerissenen Zangen und sichern den Weg. Wenn Hindernisse überwunden werden müssen, bilden die Arbeiterinnen Brücken oder Säulen.

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Von Arschlöchern, Apathen und Antihelden

betrunkener Frosch

Ein Peripherieartikel über sympathisch-unsympathische Protagonisten.

Ob Helden oder Antihelden. Die wenigsten Roman-Protagonisten sind perfekt. Ein perfekter Mensch – den es ja auch im echten Leben nicht gibt – würde schließlich wenig Stoff liefern für eine spannende Geschichte. Interessante literarische Figuren haben Schwächen, Macken, Marotten und Laster, weil auch wir Schwächen, Macken, Marotten und Laster haben. So können wir mit ihnen mitfühlen und uns mit ihnen identifizieren.
In der kulturwissenschaftlichen Rezeptionstheorie gehen manche Wissenschaftler sogar davon aus, dass ein Werk nur dann spannend sein könne, wenn der Rezipient sich mit einer Figur identifizieren kann. Ein Held wird also durch uns und unsere Sympathie erschaffen – und ist somit doch tatsächlich Ansichtssache.

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