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Panzerbeere vs. Alligatorbirne – Wissenswertes über die Avocado

Obwohl sie zweifellos ein Symbol urbaner Kultur sind, kommen Avocados in Felix Bartschs Großstadt-Satire „Wer Avocado sagt, muss auch Bionade sagen“ exakt einmal vor – im Titel. Diesem verdanke ich übrigens eine Geschäftsidee. Ich habe den Buchtitel während des Lektorats regelmäßig mit AvoBio abgekürzt – und war völlig überrascht, als ich herausfand, dass der Name noch keine Marke ist. Jetzt muss ich mir nur noch ein avocadohaltiges Produkt einfallen lassen.

Avocado-Kontroversen (Avocontroversen?)

Vielleicht realisiere ich aber dann vorzugsweise eine Produktidee mit synthetischen Avocados (biologisch abbaubarer Topfweihnachtsbaumschmuck?), denn die Früchte sind umstritten und nicht ungefährlich.  Das als „Avocado Hand“ bezeichnete Ergebnis abgerutschter Messer beim Avocado-Schneiden hat schon den einen oder anderen Fan der dunkelgrünen Frucht in die Notaufnahme gebracht, weswegen in England eine Zeitlang warnende Etiketten im Gespräch waren.

Darüber hinaus führt der enorme Wasserverbrauch bei der Aufzucht der Frucht, gekoppelt mit der großen Nachfrage in den USA und Europa zu enormer Wasserknappheit in einigen Anbaugebieten. In Mexiko werden Wälder gerodet, um Avocado-Plantagen Platz zu machen. Auch werden Avocados nicht immer von Arbeitern geerntet, die sich fachgerecht vor den ausgebrachten Pestiziden schützen.

Außerdem hat eine Avocado in der Regel einen langen Weg hinter sich, wenn sie in einem deutschen Supermarkt ankommt (was sie in der Regel mit viel Gesellschaft tut, 2015 wurden 45.000 Tonnen Avocados nach Deutschland eingeführt). Sie ist tagelang in Schiffen unterwegs und muss während dieser Zeit sorgfältig verpackt und gekühlt gelagert werden, was dazu führt, dass ihre CO2-Bilanz nicht allzu schön aussieht.

Die (allerdings tatsächlich sehr leckere und gesunde) Avocado ist jedoch nicht nur Gegenstand von Debatten über Umwelt und Produktionsbedingungen, sondern auch das Symbol einer ganzen Generation, ist sie doch ein Lieblingsmotiv auf Instagram und für viele unverzichtbarer Brunch-Bestandteil (interessanterweise bei weitem nicht nur für die Generation, mit der sie gerne assoziiert wird).

2017 machte sich der australische Millionär Tim Gurner sehr unbeliebt. Der Grund: sein Statement, Millennials würden sich keine Häuser leisten können, weil sie ihr Geld lieber für Kaffee und Avocadotoast ausgäben. Das war kein kluger Kommentar, besonders dann nicht, wenn man den eigenen Wohlstand geerbt hat.

Explosive Botanik

Einige der spannendsten Fakten über diese Frucht sind jedoch nicht in den Debatten um Brunchgewohnheiten und deren ökologische und soziale Konsequenzen zu finden, sondern tatsächlich in den vermeintlich trockenen Informationen, wie sie Wikipedia zur botanischen Kategorisierung und Geschichte der Avocado ausspuckt.

So ist die Avocado kein Gemüse, wie man angesichts ihrer Farbe und ihres Geschmacks vermuten würde, sondern eine Beere (ja, Botanik kann ziemlich kontraintuitiv sein – googelt mal Erdbeere+Scheinfrucht). Allerdings ist sie keine Panzerbeere, wie es z.B. Kürbisse und Melonen sind.

Außerdem hieß die Avocado nicht immer so. Die Azteken, die sie zuerst kultivierten, nannten sie „ahuacatl“ – Hodenfrucht. Und auch in Deutschland hatten sie mehrere Namen: Zum Beispiel wurde sie auch „Butterfrucht“ genannt und trug eine Zeitlang den absolut großartigen Namen „Alligatorbirne“, der meiner Meinung nach dringend zurückgebracht werden sollte.

Noch eine Geschäftsidee: ein billig produzierter Actionfilm, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Titel: „Panzerbeeren vs. Alligatorbirnen“. Ich stelle mir eine zweistündige, erbitterte Auseinandersetzung zwischen verfeindeten Obstsorten vor. Mit reichlich Explosionen, natürlich. Ich bin mir sicher, dass dieser Film die Protagonisten von „Wer Avocado sagt, muss auch Bionade sagen“ mit einer hübschen Auswahl trashiger Zitate versorgen würde, auf die sie im passenden Moment ironisch zurückgreifen können.

Swantje Niemann

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