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Düüüüüüsenzuch – Auf den Spuren vergessenen DDR-Vokabulars

Bereits der Titel von Mikis Wesensbitters Erzählungsband „Guten Morgen, du schöner Mehrzweckkomplex – Geschichten aus Ostberlin“ bereitet Leser*innen darauf vor: Zum Teil spielt der Roman in einer fremden Welt, die ihre ganz eigene Sprache hat – zumindest kommt es Nachwende-Kindern wie mir so vor.

Nach der Lektüre des Buches ich jetzt, dass Fans der entsprechenden Musikrichtung als „Heavy Metallisten“ bezeichnet wurden und Brote „Bemmen“ waren, und mir sind auch alte Bekannte wie der „D-Zug“ (wie in „Eine alte Frau ist doch kein …“) wiederbegegnet.

Allerdings habe ich mich zum ersten Mal gefragt, wofür eigentlich das „D“ steht. Leider nicht für „Düüüüüüüsenzuch“ wie Lektorin Sarah nicht ganz ernst in stilechtem Sächsisch vorschlug. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen „Durchgangszug“, das Äquivalent eines ICE.

War im allgemeinen Sprachgebrauch keine RGV (Rauhfutter verzehrende Großvieheinheit)

Das war nur der Anfang meiner Recherchen über mittlerweile ungebräuchliche DDR-Begriffe. Auch, weil bei diesen eine gewisse Skepsis angebracht ist. Zum Beispiel wird gerne die „Raufutterverzehrende Großvieheinheit“ (abgekürzt als RGV, auch bekannt als Kuh) als Beispiel für die Absurdität von DDR-Sprache angeführt. Das Problem dabei: Der Begriff war nie wirklich Teil der Alltagssprache und auch nie DDR-spezifisch, denn „Großvieheinheit“ wird noch heute als Recheneinheit in der Land- und Forstwirtschaft genutzt, um Tiere verschiedener Arten und Altersklassen zusammenzurechnen.

Lippersdorfer_EngelEin weiteres berühmtes DDR-Wort, das womöglich nie tatsächlich im Gebrauch war, ist die „Flügeljahresendfigur“ oder auch „Jahresendfigur m.F.“ – im allgemeinen Sprachgebrauch bekannt als Engel. Bodo Mrozek, Autor des „Lexikon für bedrohte Wörter“ ist für Spiegel Online der Frage nachgegangen, ob das je wirklich jemand unironisch gesagt hat. Seine Recherche hat ihn zum Magazin „Eulenspiegel“ geführt, in dem sich die erste nachgewiesene Erwähnung einer Jahrensendfigur findet. Eulenspiegel-Mitarbeiter Ernst Röhl, der für eine der ersten schriftlichen Erwähnungen verantwortlich ist, versicherte jedoch, das Wort auf einem Verkaufsschild gesehen zu haben. Mrozek gelang es also nicht, die Frage nach der Existenz von „Jahresendflügelfiguren“ befriedigend zu beantworten. Ähnliche Vorsicht scheint beim Wort „Erdmöbel“ für Sarg angebracht.

Dagegen hat es das „Winkelement“ (Fähnchen) sogar in den Duden geschafft. Wikipedia liefert im Artikel zu „Sprachgebrauch in der DDR“ Eindeutschungs-Schätze wie den „akrobatischen Volkstänzer“ (Breakdancer) oder „Brettsegeln“ für Windsurfen.

Ich war überrascht zu erfahren, dass „Aktendulli“ ein DDR-Begriff war und die im ehemaligen Westen gebräuchlichere Variante (die ich noch nie gehört hatte) „Heftstreifen“ lautete.

Eine Umfrage bei Zeitzeugen (also ein Post in der Familienwhatsappgruppe) bescherte mir unter anderem folgende Wörter:

  • verhonepiepeln – jemanden verarschen (wahrscheinlich nicht DDR-exklusiv)
  • Dederon – Nylon
  • Broiler – Brathähnchen
  • Urst – krass, sehr
  • Halbkreisingenieur – Reinigungsfachkraft
  • Krustastube – Pizzarestaurant (Krusta – Pizza)
  • Fallsbeutel – Beutel, den man für den Fall dabei hatte, dass es etwas Seltenes zu kaufen gab

Der schon genannte Wikipedia-Artikel führt übrigens nicht nur einzelne Wörter auf, sondern pflanzt einem beim Lesen auch das merkwürdige Bild von Sportlern in den Kopf, die ihr Training mit „Sport frei!“ beginnen – dass der Gruß noch 2015 in Gebrauch war, wie der kurze Wikipedia-Eintrag dazu berichtet, kann ich nicht so richtig glauben.

Nicht schlecht sind auch die – gerne gereimten – Werbesprüche, die z.B. die „kleine, flotte Biene“ Teppichkehrmaschine anpreisen.

Einige Wörter erweisen sich als verblüffend langlebig, so hat mich z.B. das Wort „Staniolkappe“ in einem in den frühen 2000ern erschienen Jugendbuch so lange verwirrt, bis ich herausfand, dass es sich um einen Aluhut handelte.

Das Fazit meiner Recherchen: Einigen besonders schrägen DDR-Begriffen sollte man mit gesunder Skepsis begegnen, aber es gab auch für heutige Ohren sehr gewöhnungsbedürftige Wortkonstruktionen, die wohl tatsächlich im Gebrauch waren.

Große Premiere des neuen Buches von unserem Ost-Fachmann Mikis Wesensbitter ist fast schon traditionell am 9.11.2018 im Periplaneta Literaturcafé. Vielleicht gibts ja noch Karten: Veranstaltung

 

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