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Eiertänze am Ostermontag

Schottenrock, Eier, Ostern, Bühne, Periplaneta

Lesebühne Vision und Wahn im April.

von Janina Jung

Wer auch an christlichen Feiertagen Kultur genießen wollte, besuchte am Ostermontag, den 2.4.2018 die Lesebühne Vision & Wahn im Periplaneta Literaturcafé. Bereits beim Eintreten empfängt mich eine lockere aufgeschlossene Atmosphäre. Das Thema des Abends lautete „Eiertanz“, also definitiv von Ostern inspiriert.

Thomas Manegold, einer der Stammleser der monatlichen Lesebühne, leitete den Abend mit einer Rede über das Fasten und der Erläuterung ein, dass man mit Bier nicht abnehmen könne. Damit erntete er bereits zu Beginn sehr viele Lacher und widersprach damit seiner eigenen Aussage, dass er nicht für die Comedy zuständig sei. Eiertänze am Ostermontag weiterlesen

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Ungewöhnlich hoch zwei

Doppel-Nominierung für Periplaneta zum Ungewöhnlichsten Buchtitel des Jahres.

Zum vierten Mal in Folge steht Periplaneta auf der Shortlist zum „Ungewöhnlichsten Buchtitel“, ein Titel der seit 2014 jährlich von der Buchcommunity Was liest Du? auf der Leipziger Buchmesse verliehen wird. Gleich zwei unserer Bücher haben es unter die Top 10 der 2017er Auswahl geschafft.
Marion Alexa Müller: Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren
und
Calvin Kleemann: Der Funke schweigt, wenn Feuer träumt.

Bis zum 7. März hast Du jetzt Zeit, Deinen Favoriten zu wählen – wir freuen uns natürlich über jede Unterstützung –, und zwar hier: www.ungewoehnlichster-buchtitel.de.

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Brotlose Kunst (Video)

Robert Rescue in seinem neuesten Kurzfilm!

Einer unserer liebsten Berliner Lesebühnenautoren ist nun unter die Darsteller gegangen. Das Jobcenter wird es freuen – der Clip hat nämlich so was von Self-Fulfilling Prophecy … Zusammen mit Nils Heinrich (und Frank Sorge in einer Nebenrolle) steht er unter der Leitung von Martin Nudow vor der Kamera. Die Story basiert auf einer von Robert Rescues Kurzgeschichten aus seinem Buch Zum Glück hab ich wenigstens Pech.
Phänomenal! Also wenn Robert DAFÜR keine Wagenladungen voll Butterbrötchen bekommt, dann wissen wir auch nicht 🙂

 

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Das ist alles Robert Rescue

Neue Gewinner-Geschichten vom Berliner Brauseboy

Neue Geschichten von Berlins smoothestem Lesebühnenautor.

Herr Rescue hat gerade viel zu tun. Mit den Brauseboys strickt er den, wie wir finden, einzig relevanten Jahresrückblick, der während des allendjährlichen Weltuntergangs im Comedy Club Kookaburra aufgeführt wird. Trotzdem hatten wir gemeinsam so viel Zeit, mit Teil 3 seiner Kurzgeschichtenreihe die gnadenlose Erfolgsserie der Rescueschen Opfertexte weiterzuführen. Unschwer zu erkennen ist: Herr Rescue hat es geschafft, weshalb er mittlerweile auch nur noch Gewinnertexte schreibt. Wir sind jetzt schon gespannt, vor welchem Statussymbol wir das Cover seines vierten Kurzgeschichtenbandes shooten werden. Nun werden wir aber erst einmal die vielen traurigen Plätze in Deutschland,  die sich im Winter immer  um die toten, in Schraubzwingen geklemmten Bäume herum bilden, zu fröhlicheren Orten machen.

ACHTUNG! Bis zum Jahresende gibt es zu jeder Bestellung eines Buches von Robert Rescue eine handsignierte Robert-Rescue-XXL-Autorgrammkarte. Ob man will oder nicht.

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Über Nachtfalter, den Jakobsweg und die Leidenschaft der Künstler

Jesko Habert

Ein Interview mit Slam-Poet Jesko Habert.

Es gibt Bücher, die sind so hübsch, dass man sie gar nicht aus der Hand legen möchte. Die Märchen aus einer grausamen Welt von Jesko Habert gehören da dazu. Aber das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss, denn die metaphernreiche Lyrik des Berliner Kiezpoeten ist nah an den Figuren, am Zeitgeist, am politischen Geschehen.
Noch dazu ist es unser erstes „Mitmachbuch“, das da in der Edition MundWerk erscheint: Der Leser wird nämlich dazu angehalten, selbst aktiv zu werden und mit der Schere Verborgenes auf den Seiten freizulegen, mit Hilfe eines Stifts Neues zu entdecken oder hinter das Geheimnis eines Gedichts im Morse Code zu kommen.
Bei so viel überbordender, genialer Kreativität mussten wir dem Autor einfach ein paar Fragen stellen:

JESKO HABERT "Märchen aus einer grausamen Welt" - periplanetaAuf Deinem Cover ist ein Nachtfalter zu sehen. Ist das ein „Selbstporträt“, weil Du gerne abends unterwegs bist, oder wie kam es dazu?
Jesko: Der Nachtfalter entstammt dem Text „Hymne der Nachtfalter“. Er ist ein Symbol für die Poeten und Künstler, die aus ihren Verschlägen ins Scheinwerferlicht flattern. Eigentlich sind Nachtfalter ja schöne Tiere – aber gegenüber den oft grellbunten Schmetterlingen werden sie dann doch eher misstrauisch beäugt. Außerdem gibt es eine Nachtfalterart mit dem herrlichen Namen „Prozessionsspinner“ – und ich finde, das passt auch sehr gut zu uns Bühnenpoeten. Es geht also gar nicht darum, ob ich mich damit selbst darstelle, sondern um einen Lebensstil und die Sicht der Gesellschaft darauf. Aber um es plakativ zu machen: Ja, ich bin auch ein Nachtfalter.

Was schätzt Du an Künstler-Kollegen am meisten?
Jesko: Wenn sie sich auch weiterhin normal mit Nicht-Künstlern unterhalten können. Das ist leider gar nicht so selbstverständlich. Gleichzeitig schätze ich natürlich an vielen, dass sie die Chancen, die sich ihnen bieten, nutzen, um etwas zu verändern. Sei es bei einem einzigen Zuhörer oder bei den Massen. Dass sie Alternativen denken und andere Lebensentwürfe einfach durchziehen, auch wenn man ihnen jahrelang gesagt hat, dass das nicht geht.

Du gibst auch Slam-Workshops. Was möchtest Du dort den Menschen beibringen?
Jesko: Es geht nicht darum, dass jetzt jeder auf einer Slam-Bühne stehen muss. Es ist aber ein tolles Mittel vor allem für jüngere Menschen, aus sich herauszukommen. Schreiben ist eine unglaublich mächtige Tätigkeit, die Dinge aus dir herausholen kann, von denen du nicht mal wusstest, dass sie da sind. Viele Künstler und Poeten waren zu Schulzeiten ja auch eher die Außenseiter, bevor sie dieses Potential für sich entdeckt haben. Wenn man das dann im Slam-Kontext noch damit verbinden kann, die Angst vor dem Laut-Aussprechen zu überwinden und Selbstsicherheit zu gewinnen, ist das eigentlich die perfekte Kombination.

Was hältst Du von der Einstellung, dass jeder Mensch ein Künstler sein kann?
Jesko: Oft hört man ja als Künstler, dass man ein „tolles Talent“ habe. Ich finde, das wertet die Arbeit des Künstlers ab – als würde ihm das alles einfach so geschenkt. Da steckt aber viel Arbeit hinter, über Jahre hinweg. Was einem geschenkt wurde, ist vielmehr die Motivation und der Spaß an eben dieser Tätigkeit. Die führt dazu, es einfach immer weiter zu machen.
Ein durchschnittlicher Mathematiker rechnet die Pi-Zahl bis, ähm … (guckt die zweite Nachkommastelle online nach) bis 3,14 und sagt dann: „Jetzt reicht’s aber.“ Einem talentierten Mathematiker reicht selbst die zwanzigste Ziffer nicht, es geht immer noch besser. Natürlich kann also jeder Mensch ein guter Mathematiker sein – wenn er so viel Motivation hat. Haben die meisten Menschen halt nicht.
Das ist nicht anders mit Künstlern: Wir wollen eben immer noch eine Nachkommastelle weiter. Natürlich könnte das jeder. Aber die wenigsten wollen. Das hat was mit Spaß an der Sache zu tun, aber auch mit Leidenschaft, die bis ins Physische geht: Mein früherer Bandkollege hat Kopfschmerzen bekommen, wenn er mehrere Tage nicht Gitarre gespielt hat (deshalb ist er so verdammt gut). Wenn ich zu lange keinen Text mehr geschrieben habe, fühle ich mich matt und müde.
Das ist halt die andere Seite: Man sucht sich seine Leidenschaft eben nicht selber aus.

Der Jesko - periplaneta - Bild: J. HumburgDu bist alleine den Jakobsweg gewandert. Wie hat sich dadurch Dein Blick auf die Großstadt Berlin verändert?
Jesko: Interessanterweise kann man tausend Kilometer allein laufen, an manchen Tagen keinem Menschen begegnen, und ist trotzdem nicht einsam. In einer Stadt wie Berlin ist das oft anders: Wir versinken im Alltag, huschen von der Arbeit in die U-Bahn in unsere bildschirmbeleuchteten Zimmer, und merken vielleicht gar nicht, dass unser Nachbar genauso Lust auf ein gemeinsames Kochen hätte. Das kann dir auf so einer Wanderung halt nicht passieren.

Wenn man Deine Texte liest, hat man den Eindruck, dass Du Konsum gegenüber kritisch eingestellt bist. Was ist für Dich Luxus?
Jesko: Zeit.

Was glaubst Du: Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus?
Jesko: Das kommt drauf an, ob ich gerade optimistisch bin und mit (klugen) Kindern rede, oder pessimistisch mit verstockten Erwachsenen … Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus zwei Extremtypen sein: In Europa werden wir zwar mehr Zeit für Künste und soziales Engagement haben, vielleicht einen kostenlosen Nahverkehr und einen bedeutenden Teil erneuerbarer Energien, zivile Drohnen versorgen selbst abgelegene Regionen mit nötigen Waren und die Wirtschaft wird allein aus Effizienzgründen nachhaltiger geworden sein. Gleichzeitig werden ebendiese Drohnen die Städte mit Kameras überwachen und nur von den unvorhersehbaren, zunehmenden Unwettern zu Fall gebracht werden. Die Mauern um Europa werden dichter, und jenseits der Grenzen wird es ähnlich (schlecht) aussehen wie heute. Oder schlimmer. Außer in China, das uns wirtschaftlich überholt haben wird, aber sich mit den sozialen Errungenschaften trotzdem Zeit lassen wird. Es wird keine Filmdystopie, aber auch nicht der Traum der gerechten und nachhaltigen Gesellschaft. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, und in zehn Jahren sind wir den noch nicht mal ansatzweise gelaufen.

Jesko Habert Vision & Wahn

Bonusfrage – Du bist ja Lyriker: Fällt Dir spontan ein Vierzeiler zu „Reimzwang“ ein?

Jesko:
Wenn man sich sicher ist, dass man ohne es nicht sein kann
Der Kopf verliert den Fokus, so wie wenn man zu viel Wein trank
Man es zu lange bleiben ließ, zum Schein dann Prosa reinzwang
Dann: Ist man sicherlich ein Opfer eines Zwangsneurosen-Reimzwang‘

Periplaneta ist kollektiv begeistert 🙂

Vielen Dank, Jesko, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast!

Das Interview führte Marry.

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Kindchenschema

Oder: Ich kann nichts dafür, es ist mein Brutpflegemechanismus.

Ruckartiges Stehenbleiben, aufgerissene Augen, entzücktes Aufkreischen: „Oooh süüüüß!“ Während ich noch wie berauscht dem flauschigen Welpen hinterherblicke, der da gerade um die Ecke biegt, ernte ich meistens genervte Blicke von meiner Begleitung. Sobald das kleine Fellknäuel dann aus meinem Sichtfeld entschwunden ist, erwache ich aus einer Art Trance, senke meine Stimmlage um ein paar Oktaven, und ärgere mich, mal wieder die Kontrolle (und ein Stück meiner Würde) verloren zu haben. Was haben nur diese schlappohrigen, kurzbeinigen Wesen an sich, dass ich mich regelmäßig selbst vergesse und in der Öffentlichkeit blamiere? Das gleiche Spiel erlebe ich bei Freundinnen auch, allerdings vor allem beim Anblick weniger haariger Kreaturen: Babys und Kleinkinder. Die beeindrucken mich zwar nicht so wie Welpen, aber lassen mich doch nicht vollständig kalt – zumindest solange sie keine Geräusche von sich geben oder diverse Körperflüssigkeiten absondern.

Um meinen augenrollenden Freunden zu beweisen, dass es sich bei einem Ausbruch dieser Art um einen Automatismus handelt, dem ich und andere machtlos unterliegen, recherchiere ich im Bereich Tier- und Menschenkinder. Ich stoße auf den Begriff des Kindchenschemas. Dabei handelt es sich um bestimmte Proportionen und Züge eines Kindergesichts, die bei Erwachsenen als Schlüsselreiz wirken und einen Brutpflegemechanismus auslösen. Dazu gehören zum Beispiel große Augen, eine hohe Stirn, ein runder Umriss des Kopfs – ein Babyface eben. Interessanterweise lässt sich dieser Mechanismus laut dem Magazin Spektrum der Wissenschaft auch auf Tiere übertragen, die eben diese Merkmale aufweisen. So löse eine Wüstenspringmaus mehr Sympathie aus als ein Feldhase, ein Mops eher als ein Jagdhund, ja sogar ein Rotkehlchen wecke aufgrund des Kindchenschemas stärkere Zuneigung und Schutzinstinkte als eine Krähe.

Es ist also tatsächlich ein Urinstinkt, meine erste Natur sozusagen, die mich beim Anblick eines Welpen überwältigt. Das erklärt natürlich auch, warum diese Reaktion eher bei Frauen, die in der Evolution nun mal direkt für die Brutpflege verantwortlich waren, als bei Männern ausgelöst wird. Allerdings, das ergeben meine Recherchen, gibt es unter Forschern die Meinung, dass das Kindchenschema auch einen Einfluss auf die Attraktivität einer Frau hat. Kleines Kinn, große Augen, hohe Stirn – die Merkmale, die ein Kindergesicht ausmachen, wurden an einer erwachsenen Frau von den meisten Testpersonen als besonders attraktiv empfunden. Als Prototyp dieses Babyface gilt zum Beispiel Brigitte Bardot.

Ziemlich gruselig, wenn man mal darüber nachdenkt. Wenn ein Mann also auf der Straße einer Frau mit kindlichem Gesicht hinterherschaut und ich einem Welpen, dann handelt es sich im Grunde um den gleichen Instinkt. Mit unterschiedlichen Absichten. Hoffentlich.

Die Vorteile der Niedlichkeit reichen jedoch noch viel weiter. Die Marketingbranche zum Beispiel nutzt das Schema gnadenlos aus und lässt sogar Autos, die eher von Frauen gekauft werden sollen, mit den entsprechenden Elementen im Design versehen (wer schon mal in die großen Augen eines Twingo oder in das Duckface einer Ente geschaut hat, weiß, was gemeint ist).

Dass auch sicherlich Buchcover nicht von dieser Verkaufsstrategie verschont bleiben, ist anzunehmen. Doch laut dem Zeitmagazin sind in den letzten Jahren eher leere Stühle und einsame Frauen in der Landschaft als emotionale Reize bei der Covergestaltung beliebt gewesen.

Einsamkeit des Hurenkindes

Mit dem Vorteil des Kindchenschemas, allerdings in einer eher sprachlichen Art und Weise, beschäftigt sich auch Matthias Niklas in seinem Beitrag in der neuen Vision & Wahn Anthologie „Die Einsamkeit des Hurenkindes“. In diesem erklärt der Lesebühnenautor die Verniedlichungsform, den sogenannten Diminutiv, auch noch zur Lösung des ewig diskutierten Gender-Problems in der deutschen Sprache. Warum eigentlich nicht gleich mit Kindchenschema die Welt retten? Denn wie der Autor so schön schlussfolgert:

Ein Männchen des Volkes wird bestimmt nicht so leicht Diktator wie ein Mann des Volkes, ein Äusländerlein macht einem patriotischen Europäerle nicht ganz so viel Angst, und vielleicht kriegen wir so sogar leichter ein Rüstungsexporteurchen hinter Gittern.

Vanessa Franke