Veröffentlicht am

Lies mal, wer da spricht

Grimmatorium

Interview mit Ralph Mönius.

„Grimmatorium“, das Debüt von Ralph Mönius, ist über vierhundert Seiten dick geworden und nicht nur umfänglich beachtlich. Der jüngste Neuzugang unter den Periplanetanern hat sich ein Paralleluniversum geschaffen. Und die bunteste WG ever.

Seit 2012 hat Ralph nun schon diese „Stimmen“ im Kopf, die an die Grimmschen Märchenfiguren erinnern. Doch statt sich behandeln zu lassen, fing er an, ihre Geschichten aufzuschreiben. Doch auch damit gaben sich die Stimmen nicht zufrieden und so spinnt der Regensburger Autor die Geschichten immer weiter und vertont sie sogar auf dem eigenen YouTube-Channel.  Sarah Strehle sprach mit ihm über brutale Märchen, Stimmen im Kopf und über das, wovor immer alle Angst haben: die Zukunft.

Lies mal, wer da spricht weiterlesen

Veröffentlicht am

Mehr Ungleichheit für alle!

Die Gleichheit der Blinden

Ein Interview mit der „Gamesbikeliteratin“ Nora Beyer.

In die „Gleichheit der Blinden“ schickt Nora Beyer zwei ungewöhnlich fantasiebegabte Protagonistinnen auf eine gefährliche Reise. Kernfrage des dystopischen Fantasy-Romans ist, welche Auswirkungen es hätte, wenn flächendeckend eine gesellschaftliche Gleichstellung aller Menschen eingeführt werden würde.
Da Nora Beyer nicht nur passionierte Literatin, sondern auch noch leidenschaftliche Mountainbikerin, glühende Games-Journalistin und angehende Doktorandin (Thema: Morality and Ethics in Computer Games) ist, freuten wir uns auf ein äußerst „abgefahrenes“ Interview.

Mehr Ungleichheit für alle! weiterlesen

Veröffentlicht am

Neugier, New York und etwas Seemannsblut

Interview mit Ole Pankow.

Mit seinem Hauptstadtthriller „Genquotient 8713“ legt Ole Pankow ein spannendes Debüt vor und bereichert damit unsere Krimi-Edition. Damit war er Anfang des Jahres auf Lesetour, signierte fleißig Bücher und schreibt mittlerweile auch schon an der Fortsetzung. Wir sprachen mit dem Autor über Boote, Amerika und das Deutsche Fernsehen. Außerdem erfuhren wir, was in fünf Jahren passieren wird.

Neugier, New York und etwas Seemannsblut weiterlesen

Veröffentlicht am

Über Nachtfalter, den Jakobsweg und die Leidenschaft der Künstler

Jesko Habert

Ein Interview mit Slam-Poet Jesko Habert.

Es gibt Bücher, die sind so hübsch, dass man sie gar nicht aus der Hand legen möchte. Die Märchen aus einer grausamen Welt von Jesko Habert gehören da dazu. Aber das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss, denn die metaphernreiche Lyrik des Berliner Kiezpoeten ist nah an den Figuren, am Zeitgeist, am politischen Geschehen.
Noch dazu ist es unser erstes „Mitmachbuch“, das da in der Edition MundWerk erscheint: Der Leser wird nämlich dazu angehalten, selbst aktiv zu werden und mit der Schere Verborgenes auf den Seiten freizulegen, mit Hilfe eines Stifts Neues zu entdecken oder hinter das Geheimnis eines Gedichts im Morse Code zu kommen.
Bei so viel überbordender, genialer Kreativität mussten wir dem Autor einfach ein paar Fragen stellen:

JESKO HABERT "Märchen aus einer grausamen Welt" - periplanetaAuf Deinem Cover ist ein Nachtfalter zu sehen. Ist das ein „Selbstporträt“, weil Du gerne abends unterwegs bist, oder wie kam es dazu?
Jesko: Der Nachtfalter entstammt dem Text „Hymne der Nachtfalter“. Er ist ein Symbol für die Poeten und Künstler, die aus ihren Verschlägen ins Scheinwerferlicht flattern. Eigentlich sind Nachtfalter ja schöne Tiere – aber gegenüber den oft grellbunten Schmetterlingen werden sie dann doch eher misstrauisch beäugt. Außerdem gibt es eine Nachtfalterart mit dem herrlichen Namen „Prozessionsspinner“ – und ich finde, das passt auch sehr gut zu uns Bühnenpoeten. Es geht also gar nicht darum, ob ich mich damit selbst darstelle, sondern um einen Lebensstil und die Sicht der Gesellschaft darauf. Aber um es plakativ zu machen: Ja, ich bin auch ein Nachtfalter.

Was schätzt Du an Künstler-Kollegen am meisten?
Jesko: Wenn sie sich auch weiterhin normal mit Nicht-Künstlern unterhalten können. Das ist leider gar nicht so selbstverständlich. Gleichzeitig schätze ich natürlich an vielen, dass sie die Chancen, die sich ihnen bieten, nutzen, um etwas zu verändern. Sei es bei einem einzigen Zuhörer oder bei den Massen. Dass sie Alternativen denken und andere Lebensentwürfe einfach durchziehen, auch wenn man ihnen jahrelang gesagt hat, dass das nicht geht.

Du gibst auch Slam-Workshops. Was möchtest Du dort den Menschen beibringen?
Jesko: Es geht nicht darum, dass jetzt jeder auf einer Slam-Bühne stehen muss. Es ist aber ein tolles Mittel vor allem für jüngere Menschen, aus sich herauszukommen. Schreiben ist eine unglaublich mächtige Tätigkeit, die Dinge aus dir herausholen kann, von denen du nicht mal wusstest, dass sie da sind. Viele Künstler und Poeten waren zu Schulzeiten ja auch eher die Außenseiter, bevor sie dieses Potential für sich entdeckt haben. Wenn man das dann im Slam-Kontext noch damit verbinden kann, die Angst vor dem Laut-Aussprechen zu überwinden und Selbstsicherheit zu gewinnen, ist das eigentlich die perfekte Kombination.

Was hältst Du von der Einstellung, dass jeder Mensch ein Künstler sein kann?
Jesko: Oft hört man ja als Künstler, dass man ein „tolles Talent“ habe. Ich finde, das wertet die Arbeit des Künstlers ab – als würde ihm das alles einfach so geschenkt. Da steckt aber viel Arbeit hinter, über Jahre hinweg. Was einem geschenkt wurde, ist vielmehr die Motivation und der Spaß an eben dieser Tätigkeit. Die führt dazu, es einfach immer weiter zu machen.
Ein durchschnittlicher Mathematiker rechnet die Pi-Zahl bis, ähm … (guckt die zweite Nachkommastelle online nach) bis 3,14 und sagt dann: „Jetzt reicht’s aber.“ Einem talentierten Mathematiker reicht selbst die zwanzigste Ziffer nicht, es geht immer noch besser. Natürlich kann also jeder Mensch ein guter Mathematiker sein – wenn er so viel Motivation hat. Haben die meisten Menschen halt nicht.
Das ist nicht anders mit Künstlern: Wir wollen eben immer noch eine Nachkommastelle weiter. Natürlich könnte das jeder. Aber die wenigsten wollen. Das hat was mit Spaß an der Sache zu tun, aber auch mit Leidenschaft, die bis ins Physische geht: Mein früherer Bandkollege hat Kopfschmerzen bekommen, wenn er mehrere Tage nicht Gitarre gespielt hat (deshalb ist er so verdammt gut). Wenn ich zu lange keinen Text mehr geschrieben habe, fühle ich mich matt und müde.
Das ist halt die andere Seite: Man sucht sich seine Leidenschaft eben nicht selber aus.

Der Jesko - periplaneta - Bild: J. HumburgDu bist alleine den Jakobsweg gewandert. Wie hat sich dadurch Dein Blick auf die Großstadt Berlin verändert?
Jesko: Interessanterweise kann man tausend Kilometer allein laufen, an manchen Tagen keinem Menschen begegnen, und ist trotzdem nicht einsam. In einer Stadt wie Berlin ist das oft anders: Wir versinken im Alltag, huschen von der Arbeit in die U-Bahn in unsere bildschirmbeleuchteten Zimmer, und merken vielleicht gar nicht, dass unser Nachbar genauso Lust auf ein gemeinsames Kochen hätte. Das kann dir auf so einer Wanderung halt nicht passieren.

Wenn man Deine Texte liest, hat man den Eindruck, dass Du Konsum gegenüber kritisch eingestellt bist. Was ist für Dich Luxus?
Jesko: Zeit.

Was glaubst Du: Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus?
Jesko: Das kommt drauf an, ob ich gerade optimistisch bin und mit (klugen) Kindern rede, oder pessimistisch mit verstockten Erwachsenen … Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus zwei Extremtypen sein: In Europa werden wir zwar mehr Zeit für Künste und soziales Engagement haben, vielleicht einen kostenlosen Nahverkehr und einen bedeutenden Teil erneuerbarer Energien, zivile Drohnen versorgen selbst abgelegene Regionen mit nötigen Waren und die Wirtschaft wird allein aus Effizienzgründen nachhaltiger geworden sein. Gleichzeitig werden ebendiese Drohnen die Städte mit Kameras überwachen und nur von den unvorhersehbaren, zunehmenden Unwettern zu Fall gebracht werden. Die Mauern um Europa werden dichter, und jenseits der Grenzen wird es ähnlich (schlecht) aussehen wie heute. Oder schlimmer. Außer in China, das uns wirtschaftlich überholt haben wird, aber sich mit den sozialen Errungenschaften trotzdem Zeit lassen wird. Es wird keine Filmdystopie, aber auch nicht der Traum der gerechten und nachhaltigen Gesellschaft. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, und in zehn Jahren sind wir den noch nicht mal ansatzweise gelaufen.

Jesko Habert Vision & Wahn

Bonusfrage – Du bist ja Lyriker: Fällt Dir spontan ein Vierzeiler zu „Reimzwang“ ein?

Jesko:
Wenn man sich sicher ist, dass man ohne es nicht sein kann
Der Kopf verliert den Fokus, so wie wenn man zu viel Wein trank
Man es zu lange bleiben ließ, zum Schein dann Prosa reinzwang
Dann: Ist man sicherlich ein Opfer eines Zwangsneurosen-Reimzwang‘

Periplaneta ist kollektiv begeistert 🙂

Vielen Dank, Jesko, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast!

Das Interview führte Marry.

Veröffentlicht am

Über Macken, Tarantino und das Geldverdienen

Ein Interview mit Marien Loha.

Auf dem Cover zu dem neuen Roman von Marien Loha ist auf lila Hintergrund ein blauäugiges Dalmatiner-Zwergpony zu sehen, das gerade durch eine Blutpfütze gelaufen ist. Reichlich schräg ist das. Waren da etwa Drogen im Spiel?!
Gewissermaßen ja, denn „Baking Bad – In roten Pfützen spielt man nicht“ ist eine Verbrechersyndikatsgeschichtenparodie mit einem hohen Anteil an bewusstseinsverändernden Substanzen – natürlich rein literarisch gesehen. In dem tarantinoesken Thriller wird der unbedarfte Eddy durch seltsame Zufälle zum Leibkonditor eines Drogenring-Bosses, der wiederum ein Faible für die Farbe Lila, Kuchen und ein ungewöhnliches Haustier hat. Wie – um alles in der Welt – kommt man denn auf so was?! Also haben wir uns mit Marien Loha über seinen zweiten Roman unterhalten.

Marien Loha is baking bad - periplaneta

Was hat Dein Buch mit der Fernsehserie „Breaking Bad“ zu tun?
Marien: Es geht zwar um Drogen und um einen Typ, der eher zufällig in das Milieu rutscht, doch der Titel entstand lange nach der Fertigstellung des Buches. Aber tatsächlich hat mich die Serie zu den Kapitelvorschauen inspiriert. Wie in der Serie gibt es auch hier Vorschausequenzen aus unterschiedlichen Perspektiven, die erst mal einen ‚Hä?!?‘-Effekt auslösen und später hoffentlich ein ‚Ach, das war damit gemeint‘. Ich mache dem Leser die Deutung allerdings wesentlich schwerer.

Wir mussten beim Lesen dieser schrägen Geschichte öfters an Tarantino-Filme denken. Wurdest Du von seinem Stil inspiriert?
Marien: Auf jeden Fall! Auch stark von Guy Ritchie und generell von Filmen dieser Art. Mein Ziel war es, einen Gangsterfilm als Buch zu machen. Aber die Grundidee zur Anfangsszene und der Spitzname des Gangsterbosses ‚Die dicke lila Tunte‘ stammen aus einem kruden Traum.

Deine Charaktere haben alle irgendeine Macke und sind (egal ob gut oder böse) vielleicht gerade deswegen auf eine seltsame Art sympathisch. Eddy stottert, Lin hat eine Putzneurose, Monto glaubt, er sei ein Untoter. Was ist denn Deine persönliche Macke?
Marien: Ich habe keine so gravierende, doch die kleinen sind unzählbar 😉

Marien LohaMit welcher der Figuren würdest Du gerne einen Tag verbringen und warum?
Marien: Gute Frage … Mit Monto. Ich finde seine Geisteskrankheit am interessantesten (die gibt es übrigens wirklich).

An welchen Orten kommen Dir die besten Ideen fürs Schreiben?
Marien: Ideen kommen mir überall und das Handy zum Notizenmachen darf nie weit weg sein. Die Ideen, die ich auf dem Klo bekomme, nenne ich übrigens liebevoll „Scheißideen“.

Kannst Du mittlerweile von der Kunst leben oder womit verdienst Du sonst deinen Lebensunterhalt?
Marien: Da bekomme ich ja fast eine Lachsynkope (Ohnmacht vom Lachen)  🙂
Nein, ich kann davon nicht leben, aber zugegebenermaßen setzte ich darauf auch keine Priorität. Sicherlich kann man auch als Independent-Autor mit sehr vielen Auftritten und Aufwand das finanziell stemmen, aber das würde mir den Spaß an der Sache nehmen.
Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit IT-Administration für Firmen. Bei meinem sparsamen Lebensstil kann ich davon ganz gut leben, ohne 40 Stunden die Woche buckeln zu müssen.

Marien Loha by Gert Schober

Du hast aber auch eine eigene Lesebühne: OWUL. Was unterscheidet sie von den vielen anderen Lesebühnen, die es in Berlin gibt?
Marien: Ohne Scham kann ich behaupten, dass wir facettenreicher sind, was die Texe angeht (da kann auch mal ein trauriger Text einem lustigen folgen), wir zeigen viel mittels Beamer, wir sind politischer und haben eine interaktive Runde. Bei dem OWULrakel dürfen unsere Zuschauer Fragen aufschreiben, die sie schon immer mal beantwortet haben wollten und wir improvisieren bei den Antworten. Und natürlich sind wir schöner.

Ist ein dritter Roman schon in Planung?
Marien: Definiere ‚in Planung‘ ^^ Also Ideen habe ich für viele Bücher. Doch das wird noch dauern und ich arbeite da noch gar nicht dran. Jetzt wird erstmal Baking Bad in Umlauf gebracht, dann verfilmt, dann wird das ganze Geld versoffen, dann Entzug in einer Promiklinik – und dann sehen wir weiter.

Vielen Dank, Marien. Quentin Tarantino macht leider erstmal was anderes. Möge dennoch das Zwergpony mit Dir sein!

Das Interview führte Vanessa Franke.

Veröffentlicht am

Warum Zwillinge nicht ein und dieselbe Person sind.

Alisha & Laura-Marie Schulz: „Glampain“

Interview mit Alisha und Laura-Marie Schulz.

Gerade erscheint mit „Glampain“ der erste gemeinsame Roman der Zwillingsschwestern Alisha und Laura-Marie Schulz. Schon der Titel verrät, dass hier Glamour auf Skandal trifft. Die Protagonisten: das überhebliche Model Olivia Livington und Torina Dawn, eine Frau, die immer an das Gute im Menschen glaubt. Hervorragende Ausgangslage für einen Roman voller Skandale, aufdringlicher Paparazzi, zurückgewiesener Liebe und der ganz großen Frage, woran man heute noch glauben kann.
Nicht nur im Buch versuchen die beiden Autorinnen, darauf eine Antwort zu geben. Auch im Interview mit Periplaneta erklären sie, woran sie ganz persönlich heute noch glauben. Außerdem verraten sie, wie es sich als Zwilling lebt – und was dabei ganz besonders nervt.

Das Setting eures Romans ist die Parfum- bzw. Mode-Branche. Wie wichtig ist das Thema „Mode“ in eurem Leben?
Laura: Lily Collins sagte mal: „Wear your clothes. Don’t let clothes wear you.“ Das drückt so ziemlich meine Einstellung dazu aus. Mir ist mein Stil wichtig, aber Trends spielen dabei keine Rolle, obwohl ich nebenbei in einem Mode-Geschäft arbeite, also Outfitberaterin bin und mitkriege, was so „in Mode“ ist. Die Wirkung meiner Kleidung o.Ä. hängt von mir ab. Insofern könnte ich auch einen Müllsack tragen, solange ich zufrieden damit bin und das ausstrahle.
Alisha: Mode beeinflusst mich nicht. Ich trage, was ich tragen will. Das ist meist vom Wetter abhängig oder welche Stimmung das bei mir auslöst. Oder auch, welchen Lippenstift ich heute tragen will.

Alisha Schulz

Du sammelst Lippenstifte. Was genau hat es damit auf sich?
Alisha: Für mich ist das so ähnlich wie eine Brille: Ich kann ohne gehen, aber irgendwas fehlt dann. Ohne Lippenstift fehlt mir was im Gesicht und ich empfinde es als etwas, das irgendwie zu mir gehört.

Was hat euch daran gereizt, Glampain in New York spielen zu lassen?
Alisha & Laura: New York ist für uns das Sinnbild von Schnelllebig-, Vergänglich- und Oberflächlichkeit. Ohne Erfolg bist du nichts. Als New Yorker bist du gezwungen, dich aus der Masse herauszuheben, um jemand zu sein, und nicht unterzugehen.

Wohin zielt eure Gesellschaftskritik noch?
Laura: Jeder lebt nur noch für sich selbst, sucht für sich den größten Vorteil aus allem. Immer häufiger erlebe ich, dass andere runtergemacht werden, damit ein anderer sich profilieren kann. Die Menschen sind immer weniger in der Lage zu teilen. Jeder redet nur noch, ohne zuzuhören.
Alisha: Die Gesellschaft könnte ohne Vorurteile und Selbstüberschätzung besser funktionieren. Plötzlich glauben viele, sie dürften sich über jede Person eine Meinung bilden und die dann auch in Besserwisserforen rumposaunen. Das ist dumm und sinnlos.

Wie sähe für euch eine gleichberechtigte Gesellschaft aus?
Alisha & Laura: Wenn alle gleich wären, egal welches Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Sexualität und alles, was noch dazugehört. Jeder hätte die gleichen Rechte, könnte alles machen, was er will, bekommt die gleichen Chancen, verdient in gleichen Jobs das gleiche Geld. Dass man mit jedem ohne Vorbehalte interagieren würde. Dass jeder die Farbe tragen kann, die er will und dass jeder lieben kann, was er will, wie er will, wen er will.

Olivia glaubt an sich, Torina an das Gute im Menschen. Woran glaubt ihr?
Alisha: An die Wissenschaft, weil es für alles eine logische Erklärung gibt. Ich bin Studentin der Geisteswissenschaft. Hier beruft man sich meist auf Interpretation und Spekulation, ohne nachweisbare logische Zusammenhänge. Gerade deswegen bin ich fasziniert davon, wie Naturwissenschaften funktionieren. Biologie, Chemie, Physik – es ist möglich, Verknüpfungen zu schaffen und Gesetzmäßigkeiten logisch herzuleiten.
Laura: Ich glaube, an den Glauben in etwas. An menschliches Potential. Wenn ich an etwas glaube und für etwas arbeite und dafür einstehe, kann ich etwas verändern. Solange mich etwas vorantreibt, bin ich nahezu unbesiegbar.

Ihr seid Zwillinge. Wie unterschiedlich bzw. ähnlich seid ihr euch?
Alisha & Laura: Da wir uns auch lange ein Zimmer geteilt haben, haben wir viel von dem mitbekommen, was der andere macht und wie er ist. Da wir aber auch noch andere Einflüsse unabhängig voneinander haben, sind wir uns zwar ähnlich, aber charakterlich sehr unterschiedlich gestrickt. Wir wissen, wie der andere funktioniert, ohne wie derjenige zu sein.

Das war wahrscheinlich so eine Zwillings-Klischee-Frage. Welche Klischees könnt ihr nicht mehr hören?
Alisha & Laura: Dass Zwillinge sich gleich anziehen müssen oder es von sich aus tun. Wir haben nicht den gleichen Geschmack, was Kleidung angeht. Individualität muss sein.
Das Muster wird auch gern auf andere Bereiche übertragen: Dass wir beispielsweise die gleiche Musik, die gleichen Filme und Bücher mögen. Sicherlich gibt es Überschneidungen, aber wir sind nicht dieselbe Person. Was am meisten nervt, dass grundsätzlich jeder glaubt, wir wüssten alles übereinander. Also absolut alles: Wo ist der andere gerade? Was isst der andere heute zum Mittag? Was zieht er heute an? Was hat der andere heute noch vor? …

Wie lebt es sich allgemein als „Zwilling“?
Alisha: Ein bisschen anders: Manchmal sind wir wie Geschwister, manchmal habe ich eher das Gefühl, wir wären verheiratet. Wir haben beide unsere eigenen Hobbys. Laura steht zum Beispiel total auf Anime, ich habe massenhaft Kosmetik. Wir treffen Freunde unabhängig voneinander, aber auch zusammen. Nichtsdestotrotz ist es uns wichtig, Zeit zusammen zu verbringen. Wir kennen einander am besten und haben auch ein gutes Verständnis für die Gedanken des jeweils anderen. Das ermöglicht uns auch, Bücher zusammen zu schreiben.

Gutes Stichwort. Wie sieht euer gemeinsamer Schreibprozess aus?
Alisha & Laura: Er entsteht sehr spontan und irgendwann gibt es immer mindestens drei Versionen eines Roman. Die erste entsteht immer sehr spontan. Meistens hat einer von uns ein Werk angefangen und der andere meint: Hey, das gefällt mir, da wär Platz für eine zweite Hauptfigur. Dann wird die ganze Idee noch mal gemeinsam ummodelliert. Anschließend machen wir uns mündlich einen groben Überblick, worum es gehen soll, und legen ein erstes großes „Ereignis“ fest und schreiben bis zu diesem Punkt. Währendessen kommen uns meistens noch mehr Ideen, die wir dann besprechen. So kommen wir nie ins Stocken. Und wenn das doch passiert, wissen wir, dass unsere Idee nicht funktioniert hat, und gehen zurück.
In der ersten Version geht es nur darum, die Geschichte zu beenden und überhaupt herauszufinden, was wichtig ist. Da sind natürlich noch Logikfehler drin. Aus dieser Rohversion filtern wir wichtige Ereignisse. Bevor wir uns dann an die zweite Version machen, plotten wir tatsächlich die ganze Geschichte. Da klappt auch nicht immer alles, aber die Probleme sind deutlich geringer, da wir einen Rahmen haben und die Figuren kennen. In der dritten Version überarbeiten wir die zweite, korrigieren und kürzen und lassen sie dann testlesen.

Laura-Marie Schulz

Und zum Schluss natürlich noch die wichtige Frage: Wie geht ihr mit aufdringlichen Paparazzi um?
Alisha: Ich bin dankbar, dass ich keine habe. Wenn ich welche hätte, würde ich mich wohl dauerhaft maskieren, damit keiner mich auf der Straße erkennt. Ich hab gern meine Ruhe.
Laura: Kommt auf meine Tagesform an. An manchen Tagen sehe ich mich in der Lage, mich vor eine Kamera zu stellen und mir Mühe zu geben, ein paar Fragen zu beantworten. An anderen halte ich den Paparazzi eine Rede darüber, wie absolut respektlos und schamlos ich ihre aufdringliche Art finde. Zuletzt würde ich mich wohl ebenfalls maskieren, mir einen Bodyguard zulegen und immer schnell wegrennen, weil aufdringliche Menschen ganz schöne Panik in mir auslösen können.

Knips! Danke für das Interview!