Veröffentlicht am

LeseZelten in Kreuzberg

Lesezelt by Philipp S Tiesel

Melanie Jacobsen erlebnisberichtet vom Mittenwalder Straßenfest.

So. Mauerpark, check. Klunkerkranich, check. Cooles Café mit handgerösteten Bohnen und einem extrem überteuerten Cappuccino, check.
Die meisten der Hipster-Hotspots in dieser Stadt kann ich von meiner To-Do Liste abhaken. Doch ein Straßenfest habe ich mir noch nicht angeschaut. An diesem Samstag Nachmittag ändert sich das, denn meine Chefin Marion Alexa Müller liest in dem Lesezelt auf dem Mittenwalder Straßenfest und das will ich nicht verpassen. Organisiert vom Carpathia Verlag sollen heute sieben AutorInnen aus sieben unabhängige Verlage (Verbrecher, acabus, VHV, Satyr, duotincta, Carpathia und Periplaneta) ihre Bücher vorstellen .

Ich nehme die U-Bahn bis zur Gneisenaustraße und finde das Straßenfest auch sofort. Belustigt schaue ich mir die vielen unterschiedlichen Ständen an: Neben dem einer christlichen Motorradfahrergesellschaft verkauft eine italienische Familie ihre alten Sachen, auf der anderen Straßenseite wird südindisches und äthiopisches Essen angeboten. Kinder spielen zwischen den Buden oder schauen mit offenen Mündern einer Bachi-Ki-Do-Gruppe zu, die fleißig dem Publikum ihr Können beweist. Ganz hinten steht eine Bühne, gerade ist dort ein türkisches Konzert in vollem Gange. Ach ja, am Eingang unterhalten sich vor einem Feuerwehrwagen ein paar komplett uniformierte Feuerwehrmänner mit neugierigen Passanten. Ich suche kurz nach einer verbindenden Gemeinsamkeit aller Stände, gebe aber schnell auf und lasse mich einfach von der regen Atmosphäre gefangen nehmen. Das hier ist Berlin, da braucht man keine Vereinheitlichung, keine Etiketten.

Der Büchertisch neben dem Lesezelt. Foto: R.S.Plaul

Weil Marion erst um 19:30 Uhr dran ist, lausche ich erst einmal den anderen Autoren. Das ist zunächst schwer, denn die Bachi-Ki-Dos sind genau neben dem Lesezelt und kämpfen zu lauter Hip-Hop Musik. Deshalb bekomme ich leider von dem durch Berlin flanierenden O. und seiner scharfen Beobachtungsgabe, gelesen von Nadir Biskin aus der Anthologie „Flexen. Flâneusen* schreiben Städte“ kaum etwas mit.

Nadire Biskin und Victoria Hohmann. Foto: Ph.S. Tiesel

Irgendwann gewöhne ich mich an den Geräusch-Input und kann mich in die unterschiedlichen Geschichten hineindenken. Da ist zum Beispiel „Operation Romulus“ von Carsten Zehm, ein spannender Roman, der während des Zweiten Weltkrieges spielt und so einiges an Action verspricht.
Thilo Bock von den Brauseboys bringt mich und den Rest der Zuschauer mit den Texten aus seinem Buch „Der Berliner ist dem Pfannkuchen sein Tod“ gehörig zum Lachen und ist mit seinem Versprechen, den Käufern seines Buches ein Bärchen hineinzuzeichnen, höchst erfolgreich.

Thilo Bock liest. Foto: Ph.S.Tiesel

Das Programm im Dreiviertelstundentakt beschert den Zuhörern ein Höchstmaß an Abwechslung, denn auch einige Episonen aus „Zwischenland“, dem Wenderoman von Kathrin Wildenberger, werden gelesen und Tibor Baumann erzählt in „Was du nie siehst“ aus der Perspektive eines Blinden, der sein Handy verloren hat.
So ganz jugendfrei sind die Texte nicht immer. Das wird aber nur ein Mal zum Problem: Als in Maik Gereckes Kurzprosaband „Zerschlagen“ einer der Charaktere „Verdammte Scheiße!“ ruft, kommt ein empörtes „SHH!“ von einem der am Lesezelt Vorbeilaufenden.

Die Temperaturen sinken rasant, bis ich mich gezwungen sehe, meinen Schal aus meiner Tasche zu kramen und ihn wie im tiefsten Winter mehrmals um meinen Hals zu wickeln. Jetzt müsste es doch bald so weit sein, hoffe ich bibbernd … Irgendwann betritt dann endlich Marion das Lesezelt und macht es sich mit ihrem Buch „Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren“ gemütlich.

Die Chefin bei der Arbeit. Foto: R. S. Plaul

Es ist, wie erwartet, ein schöner Abschluss: die Kurzgeschichten erzählen von Tieren, die es im Leben mit ihren ziemlich menschlichen Problemen gar nicht so leicht haben. Marion gibt alles: Schafs- und Hühnergeräusche hallen durch die Straßen Kreuzbergs und geben den unterkühlten Zuschauern für heute noch einen letzten Grund zum Grinsen. Auch ich lächele zufrieden. Und bin nun überzeugt, dass diese Form von Entertainment weit unterhaltsamer sein kann als überbewertete Hipstercafés.

Melanie Jacobsen über das Mittewalder Straßenfest am 07.09.19; initiiert von mog61

Veröffentlicht am

Das war Halloween 2018

Kürbis sein für eine Nacht

Wen sieht man so spät des Nachts durch Berlin
gestikulierend labern und dancen?
Es sind die Kinder, die sich wimmernd und frierend
krümmen im Donner der Flatulenzen,
von gelantinegetriebenen Winden des Grauens,
auf Resten kindlicher Darmflorapleiten,
als logische Folge exzessiven Verdauens
längst abgelaufener Süßsaurigkeiten.

Und ein paar Dichter und denkende Wesen
an einem süßsaurigkeitsbefreiten Thresen.

Es gab Süßes und Saures, Gruseliges und Lustiges, Absurdes und Psychothrilliges am 31. Oktober 2018 bei uns. Im mehr als vollen Café präsentierten Thomas Manegold, Sascha Dinse und Sarah Strehle Gedichte, Lovecraft und Schauergeschichten. Quietschende-fiepsende-die-Haare-zu-Berge-stehen-lassende Sounds entlockte Caspar Pan seinem eigens gebauten Instrument „Expanderella“. Ein grandioser Abend. Und weil es so grandios war, kann man das gar nicht in schaurig-schöne Worte kleiden. Also gibts hier den visuellen Rückblick:

Das war Halloween 2018 weiterlesen

Veröffentlicht am

Rot-Grün-Schwäche im Periplaneta Literaturcafé

Matthias Niklas Vision und Wahn

Erlebnisbericht von Hilke Grabenkamp.

Die Vision und Wahn am 1. Oktober war meine erste Lesebühne im Periplaneta Literaturcafé. Laut Veranstaltungsbeschreibung erwartete mich Folgendes: Texte, Wissen, Bier und Kuchen. Wie genau das alles eine gute Kombination ergeben sollte, war mir erst mal ein Rätsel … Zunächst wunderte mich, dass einige Gäste schon weit vor geplantem Veranstaltungsbeginn im kleinen Literaturcafé in der Bornholmer Straße eintrudelten. Doch langsam wurde mir klar, dass schon der Aufbau der Bühne durch den Veranstalter ToM und die schlagfertigen Kommentare durch Sarah von der Theke äußerst amüsant und sehenswert sind.

Rot-Grün-Schwäche im Periplaneta Literaturcafé weiterlesen

Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

“Cats sleep everywhere“

Viola Nordsieck @ Lange Nacht der Subkultur

Erlebnisbericht Lange Nacht der Subkultur.

Am Freitagabend, den 21. September, kamen fünf Künstler aus dem In- und Ausland im proppenvollen Periplaneta Literaturcafé zusammen, um für die vierteljährliche Lange Nacht der Subkultur auf der Bühne zu stehen. Vorgetragen wurden dabei die unterschiedlichsten Werke – allesamt wie immer weit abseits des Mainstreams. Bis auf den letzten Platz war das Periplabeta Literaturcafe besetzt. Auf Stühlen, Sofa und dem Boden sitzend lauschte das Publikum den skurillen Werken, die die fünf Künstler zum Besten gaben. “Cats sleep everywhere“ weiterlesen

Veröffentlicht am

Von Sanddorn und Plazenta-Tatar

VERA bei Vision & Wahn (c) Gert Schober

Lesebühne Vision & Wahn am 3. September 2018.

Mit dem Monatsthema „Kreidezeit“ startete die periplanetarische Lesebühne in den Herbst. Unter dem Einfluss von reichlich Kuchen, Bier und Apfelschorle gaben unsere Künstler Alles auf der Bühne.  Robert Rescue (Brauseboys) erzählte von Sanddorn-versifften Urlaubsinseln, Minimalismus und Seepferdchen-Pyjamas. Neu-Periplanetaner Henrik Lode bekam für beide Texte Zwischenapplaus, denn sie beinhalteten das Monatsthema „Kreidezeit“. Und das bei Texten mit faulen Friedhofsgrabgräbern und Müttern, die ihre Plazentas doch ziemlich skurril wiederverwerten. Thomas Manegold berichtete über sein kulturelles Exil in der Provinz sowie gesellschaftlich-prägende Daumenschrauben. Spontan war Hannah Haberberger noch ins Line-Up reingerutscht mit einem Text über die Trennungs-Melancholie von schulzeitlichen Skaterboys. Die Singer-Songwriterin VERA begleitete den Abend mit zarten, wunderbar vollen Klängen und füllte so den ganzen Raum mit ihrer kräftigen Stimme und hinreißenden Songs.

Den visuellen Rückblick gibt es hier. Von Sanddorn und Plazenta-Tatar weiterlesen