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In Frankfurt sind Schusswaffen anscheinend recht normal

Thorsten Morawietz - periplaneta

Ein Interview mit Thorsten Morawietz.

2020 ist in der Edition Totengräber der Thriller “DER ELIMINIERER” von Thorsten Morawietz erschienen. Ein Auftragsmörder und eine Auftragsmörderin reisen darin um die Welt und erledigen allerhand Botschafter, Pädophile und Wirtschaftsbosse. Dabei schafft “DER ELIMINIERER” den Balanceakt zwischen ernster Crimestory und einer wunderbar überzeichneten Persiflage des Genres. Das ist mitunter krasser Humor in einer bösen Welt, in der die Rollen GUT und BÖSE erschreckend klar verteilt sind, auch wenn sie dicht beieinander liegen.

Laura Alt hat mit dem Autor, Theatermenschen und Abenteurer Thorsten Morawietz über Gewalt, über die Kunst- und Kulturszene während der Covid-19-Pandemie und über den Dreh der Kurzfilme gesprochen, die im Buch als weitere Kapitel hinter QR-Codes versteckt sind.

Der „Killer“ in Deinem Roman sehnt sich ständig an den Strand von Tulum im Mexiko. Hast Du auch einen solchen Sehnsuchtsort?

T.M.: Jede Menge, Bagan in Myanmar mit seinen tausend Pagoden zum Beispiel oder die Ruinen von Angkor Wat. Das Problem mit solchen Sehnsuchtsorten jedoch ist, dass sich die unwirkliche Schönheit dann sehr rasch als trügerisch entpuppt. Auch an den schönsten Plätzen dieser Welt kann man weder sich selbst noch der Welt entfliehen.

Thorsten Morawietz in Don Carlos
Thorsten Morawietz als Don Carlos (© Die Dramatische Bühne)

Wieso bist Du Schauspieler?

T.M.: Das war quasi ein Nebenprodukt, ich wollte Stücke schreiben und inszenieren und gerade zu Anfang war es schwer, Schauspieler engagieren und bezahlen zu können. Ich habe mich dann aber sehr schnell in die Schauspielerei verliebt. Und als Autor immer selbst auf der Bühne zu stehen, ist wunderbar und auch sehr nützlich, da man so jeden Abend, tausendmal, genau die Reaktionen des Publikums mitbekommt, um diese dann immer besser berechnen zu können.

Was war Dein Impuls, um selbst mit dem Schreiben anzufangen?

T.M.: Als Theaterregisseur hatte ich von Anfang an den Drang, selbst die Figuren zum Leben zu erwecken, die klassischen Stoffe neu zu bearbeiten oder ganz eigene Stücke zu realisieren. Nun ist man im Theater immer eingeschränkt, im Roman hingegen ist alles möglich, Schießereien, außerirdische Invasionen und was immer man sich erträumt.

Die meisten Figuren in „Der Eliminierer – Duo des Todes“ sind sozial Ausgestoßene: Auftragsmördern, Prostituierte, Bettler und Junkies. Ist soziale Stigmatisierung ein zwangsläufiger Bestandteil von Gesellschaften?

T.M.: Unbedingt und gerade an den Ausgestoßenen lässt sich das Wesen einer Gesellschaft ganz gut erkennen. Selbst Serienmörder und Kannibalen sind wohl gar nicht so weit entfernt von uns „normalen“ Menschen, sie haben die gleichen Wünsche und Sehnsüchte, nur sind diese ins Riesenhafte und Monströse übersteigert.

Du beschreibst das Gefühlsleben und die geheimen Wünsche und Gedanken von Kannibalen, Pädophilen, Mördern. Wie läuft dieser Schreibprozess ab, wie versetzt Du Dich gedanklich in ihre Lage?

T.M.: Ich fand schon immer die menschlichen Grenzsituationen interessant. Wie sieht es in der Seele des sogenannten Kannibalen von Rothenburg aus, was denkt ein Josef Fritzl, der seine Tochter jahrelang in einem Kellerverlies gefangen gehalten hat, über sich selbst?

Krimis und Thriller gehören zu den beliebtesten Film- und Buchgenres. Warum lieben die Menschen Gewalt, Mord und Totschlag?

T.M.: Die menschliche Zivilisation hat (zum Glück!) einen Schutzwall um viele Aspekte unserer Persönlichkeit gebaut, sie behütet uns vor unseren eigenen Aggressionen und Lüsten. Doch dahinter lebt diese dunkle Seite in jedem von uns weiter und der Mensch genießt es zutiefst, aus der sicheren Entfernung diese Abgründe mitzuerleben. Aber neben dem Kitzel des Absonderlichen können solche dunklen Geschichten vielleicht ein wenig dabei helfen, uns selbst zu verstehen.

(Wie) wird sich die Kulturszene durch die aktuelle Pandemie und die Maßnahmen dagegen verändern?

T.M.: Das ist im Augenblick noch kaum abzuschätzen. In den nächsten Monaten wird es eine Vielzahl von Werken geben, die sich mit dem Thema selbst auseinandersetzen. Ich hoffe, dass die Unbeschwertheit und Fröhlichkeit, die immer auch zum Theater gehörte, bald wieder ihren Raum erhält.

Trailer zu “Der Eliminierer”

Im Buch gibt es zusätzliche Kapitel, die Du in Form von Kurzfilmen realisiert hast. Wie kamst Du auf diese Idee?

T.M.: Das ist quasi eine Erweiterung des Schreibens, gerne würde ich auch noch ein Theaterstück mit den Figuren des Romans realisieren oder einen Spielfilm.

Wie läuft so ein Dreh ab? Muss man da vorher der Polizei Bescheid geben, dass in der Nacht ein Glatzkopf mit Gewehr auf einem Dach stehen wird – alles aber „nur“ ein Filmdreh ist?

T.M.: Wir haben das zumeist einfach „wild“ gedreht, ohne behördliche Genehmigungen einzuholen. Das war auch gar kein großes Problem, in Frankfurt sind Schusswaffen anscheinend recht normal. Wir haben aber immer sehr aufgepasst, denn da kann theoretisch jederzeit ein Sondereinsatzkommando einfallen, und man bekommt, falls man es überlebt, nachher die Rechnung für den Einsatz gestellt.

Sind weitere Bücher in Planung?

T.M.: Ein Roman über Dostojewski und dessen kranke Persönlichkeit, über seine Spielsucht und seine Liebe zum Untergang. Und einen Science-Fiction-Roman, welcher halb in einer vorgeschichtlichen Vergangenheit spielt, in welcher Außerirdische über die Erde herrschen und halb in einer postapokalyptischen Zukunft, in den Trümmern unserer Zivilisation. Und wieder ein Filmroman über einen Serienkiller, der mithilfe einer Website und eines Romans seine Anhänger zu Morden bewegt und in den Wahnsinn treibt

Vielen Dank für das Interview.

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