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Von ehrlicher Kunst außerhalb des Affengeheges

Calvin Kleemann

Ein Interview mit Calvin Kleemann.

Calvin Kleemann ist leidenschaftlicher Bühnenpoet. Dem junge Performancekünstler ist Pathos und Theatralik alles andere als fremd, und doch ist er so authentisch, dass man aufspringen, zu ihm eilen und sagen möchte: „Setz dich einen Moment, beruhig dich, das geht vorüber.“ Nicht umsonst bekam er von der Bochumer Literaturszene den Beinamen „Der letzte Poet“ verpasst. Wir sprachen mit ihm über sein neues Buch „Sumpfblüte“, über seine kleine Tochter, Kinski und Florian Silbereisen.

Periplaneta: „Ich glaube, dass es zwei Möglichkeiten gibt, sein Leben zu leben. Entweder glüht man oder man brennt“, sagt einer Deiner Charaktere. In welchen Situationen wärst Du lieber jemand, der nur so lau vor sich hinglüht?
Calvin Kleemann: Ich glühe oft nur lau vor mich hin! Die Schriftstellerei hingegen schafft es, mich immer wieder neu zu entzünden und auf der Bühne brenne ich. Ich habe die Hoffnung, dieses Feuer auch an meine Leser und Zuhörer weitergeben zu können.

Du schreibst viel über „Verschleiß“. Was reibt Dich im täglichen Leben auf?
C.K.: Die „Verschleiß“-Thematik ist eine persönliche Abrechnung mit dem Gefühl „nur zu glühen“. Ich meine mit „Verschleiß“ die Resignation und den Hang zu fauler Gehorsamkeit. Murmeltiertage, Knechtschaft in der Arbeitswelt und das Gefühl, dass man dort, wo man sich aktuell befindet, nicht hingehört, während einem die Möglichkeiten fehlen, akut etwas an diesem Problem zu beheben.

Calvin Kleemann - Periplaneta

Einige Deiner Gedichte drehen sich um Angst. Welche Angst hast Du erfolgreich überwunden?
C.K.: Ganz ehrlich? Das Lampenfieber. Wenn ich mich vor vier-fünf Jahren auf eine Bühne stellen wollte, brauchte ich vorher mindestens eine Woche mentale Vorbereitung und drei Whisky-Sour vor dem Auftritt, um einigermaßen zitterfrei lesen zu können. Dazu verausgabte ich mich so stark, dass ich nach dem letzten Text zu nichts mehr fähig war. Heute kribbelt es manchmal noch ganz leicht, doch das ist ein beinahe schon angenehmer Nervenkitzel.

Mal angenommen, Du gingest mit Klaus Kinski in den Zoo. Ihr steht vor dem Affengehege. Was würde passieren?
C.K.: Ich möchte aktuell noch nicht über den Plot meines nächsten Buches sprechen 😉

Welches Buch würdest Du Marcel R.-R. empfehlen?
C.K.: Die Liedtextsammlung „Horror Vacui“ von Alexander Spreng: Die Musik und die Texte dieses Mannes begleiten mich nun schon seit über zehn Jahren. Das künstlerische Schaffen von ASP hat mich nicht nur durch Lebenshöhen und Tiefen begleitet, sondern auch mein vierzehnjähriges Ich dazu motiviert, Stift und Papier in die Hand zu nehmen.

Du hast mittlerweile eine kleine Tochter. Welche Erkenntnis hat sie Dich gelehrt?
C.K.: Regel Nummer 1: Nicht dem Sonnenlicht aussetzen!
Regel Nummer 2: Nicht mit Wasser in Berührung kommen lassen!
Regel Nummer 3: Nicht nach Mitternacht füttern!
Kleiner Scherz am Rande. Meine Tochter hat meinem Leben eine Richtung gegeben, die ich früher niemals für möglich gehalten hätte. Durch sie lernte ich, nicht nur als Mensch zu wachsen, sondern auch meine Rolle in diesem Leben anders zu bewerten. Ich bin den Weg der Selbstzerstörung sehr lange und sehr intensiv gegangen. Meine Tochter gab mir die Kraft, mich selbst zu hinterfragen und den wirklich wichtigen Dingen mehr Raum zu geben: Liebe, Vertrauen, Verantwortung und ein „Füreinander da sein“.

Unter welcher Voraussetzung würdest Du ihr davon abraten, Lyrikerin zu werden?
C.K.: Unter keiner. Ich würde ihr niemals davon abraten, ihre Gedanken auf diese Weise mit der Welt zu teilen.

Du rufst auf zur Selbstreflexion. In welchen Situationen ist Selbstbeschiss erlaubt?
C.K.: Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, … würde es jetzt an meiner Tür klingeln und Florian Silbereisen stünde vor meiner Tür und böte mir an, aus einem meiner Texte eine krass erfolgreiche Party-Schlagernummer zu machen, die mich bis an mein Lebensende mit finanzieller Unabhängigkeit segnet … dann würde ich wohl „nein“ sagen. Andererseits würde ich auch jeden verstehen, der direkt annehmen und sich ein Dirndl überwerfen würde.
Wo ziehen wir die Grenze zwischen „Selbstbeschiss“ und „fehlender Authentizität“? Die modernen „Deutschen Pop-Poeten“, die im Radio rauf und runter laufen und sich von jeglichen Meinungen distanzieren, fahren sicherlich gut damit und füttern eine Generation mit einer großartigen „Scheißegal-Mentalität“ heran.

Doch selbst wenn mir ein Mark Forster unter vier Augen sagen würde: „Ey, ich mach das nur für die Kohle!“, dann wäre er auch nicht mehr als ein sehr gut bezahlter Clown. Vielleicht beginnt der wahre Selbstbeschiss erst dann, wenn man sich im Angesicht seines Schaffens nicht mehr selbst in die Augen sehen kann. Und wann er erlaubt ist? Das muss wohl jeder selbst für sich entscheiden.
So, ich muss jetzt Schluss machen, es hat gerade an meiner Tür geklingelt.

Beim nächsten Interview verrätst Du uns bestimmt, ob es ein gewisser Herr Silbereisen gewesen war. Bis dahin alles Gute und Danke für Deine Zeit!

Das Interview führte Silvia Klein und Marion Müller