Veröffentlicht am

Fernweh

Fernweh 1 - periplaneta

von Silvia Klein

Fernweh ist eines meiner Lieblingswörter in der deutschen Sprache. Zum einen, weil es dieses Gefühl perfekt beschreibt: Es tut weh, es ist wie ein Schmerz, ein Ziehen, das einen in die Ferne treibt. Zum anderen, weil es einer dieser Wörter ist, für die es in vielen Sprachen keine Übersetzung gibt. Im Englischen heißt es „wanderlust“. Das mag ich auch, hat aber eine andere Konnotation. Hier geht es um Freude und der Blickwinkel ist anders: Er liegt nicht auf der Richtung (in die Ferne), sondern auf einer Aktivität (to wander). Im Spanischen und Niederländischen gibt es kein eigenes Wort für dieses Phänomen, es wird umschrieben mit „drang naar verre landen“, was so viel heißt wie „der Drang nach fernen Ländern“, auf Spanisch ist es fast das gleiche mit „nostalgia de paises lejanos“ also „Nostalgie für weit entfernte Länder“. Ich könnte noch eine Weile so weitermachen, aber erstens sind das alle Sprachen, die ich spreche, und zweitens säßen wir dann noch ewig hier. Auf jeden Fall mag ich, dass es im Deutschen ein eigenes Wort für dieses Gefühl gibt, das mich so oft packt.

Fernweh 2 - periplaneta

Dieses Wort beinhaltet viel, hat mehrerer Dimensionen. Für mich ist es vor allem eins: Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Entspannung, nach Aufregung, danach, für eine Weile einfach zu verschwinden. Ich will in den Zug steigen und nach einiger Zeit in einer Stadt oder einem Land aussteigen, in dem ich noch nie war. Ich will mich treiben lassen, ganz unvoreingenommen. Ich will spontan in diesem Café einkehren, dort in der Seitengasse den kleinen gemütlichen Buchladen entdecken und dann nebenbei über all die Sehenswürdigkeiten stolpern, die ich schon so oft auf Fotos gesehen habe. Reisen ist eine Entdeckungsreise, für fremde Orte, andere Kulturen aber zu einem großen Teil auch zu sich selbst. Wie fühle ich mich, wenn ich mich auf einmal in Menschenmassen wiederfinde, die meine Sprache nicht teilen, wenn ich mich nicht ausdrücken kann, fünf Mal erklären muss, was ich will? Was mache ich, wenn ich mich verlaufe? Habe ich so viel Angst davor, dass ich die Augen nie von der Navigationsapp auf meinem Handy lasse oder vertraue ich und lasse mich einfach treiben? Spreche ich mit fremden Menschen, ergreife die Chance auf spannende Gespräche oder laufe ich mit Blick nach unten durch die Straßen? Wie viel traue ich mich wirklich? Kann ich Gefahr gut einschätzen? All das sind Fragen, die sich einem beim Reisen stellen. Reisen muss nicht immer Sandstrand und deutsche Ferienclubs sein, bequem und angenehm, aber auch ohne neue Eindrücke. Es kann auch schwierig sein und Unbekanntes schürt oft Angst. Aber man lernt dabei, dass die meisten Menschen eigentlich ganz nett sind, man mehr kann als man denkt und sich auch aus unangenehmen Situationen gute Geschichten ergeben können.
Es ist immer das, was man daraus macht. Man kann als unsensibler Tourist durch die Welt gehen, seinen Fußabdruck überall hinterlassen und stur seinen Blickwinkel beibehalten oder man kann loslassen, Neues entdecken und einfach mal beobachten und zuhören.

Fernweh 3 - periplaneta
Fotos: Thomas Manegold


Das vermisse ich. Das ist das, nach dem ich Fernweh habe. Es gibt viele Gründe, nicht reisen zu können. Vielleicht hat man Verpflichtungen, die einen an Ort und Stelle halten. Vielleicht fehlt das Geld. Vielleicht befindet man sich auch inmitten einer Pandemie. Gerade auf jeden Fall kann ich nichts gegen mein Fernweh tun, außer vielleicht alte Fotos anzusehen. Wobei, eine Sache gibt es da dann doch: Geschichten. Geschichten entführen uns in fremde Welten, lassen uns unsere für eine kurze Zeit vergessen. Auch hier können wir uns weigern, wirklich zuzuhören, nebenbei immer eine Ablenkung wie den Fernseher laufen zu lassen oder wir können uns fallen lassen, wirklich versuchen zu verstehen und einfach zu genießen. Ich glaube, jedes Buch hat das Potential, Fernweh zumindest für einen Moment zu lindern.

Manche können das aber besonders gut, wie zum Beispiel „Frigg“ von Barbara Fischer. Darin begibt sich die Protagonistin nämlich auch auf eine Reise in ein Land, das ganz anders ist als unseres, ist voller Begeisterung und Offenheit und lernt dadurch eine ganze Menge über sich selbst.