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Über den Januskopf der Liebe.

Zerteiltes Leid

Interview mit David Wonschewski.

David Wonschewski, Periplanetas Vorzeige-Melancholiker, hat seinen ersten offiziellen Liebesroman geschrieben. „Zerteiltes Leid“ ist die Geschichte von Janusz Jaroncek, eine gescheiterte Existenz am Rande der Gesellschaft. Seine Welt droht endgültig zusammenzubrechen, als man seine große Liebe tot auffindet – und ihn des Mordes beschuldigt. Sarah Strehle sprach mit dem Berliner Autor über die Positiv-Überfrachtung der Liebe, das Problem mit der Freiheit und über den sogenannten „Durchschnittsbürger“.

Nach deinem letzten Werk „Geliebter Schmerz“ hast du einen Liebesroman – mit Happy End – nicht ausgeschlossen und gesagt: „Männer sind in einem gewissen Alter bekanntlich zu den seltsamsten Dingen fähig.“ Inwiefern hat sich das nun bei „Zerteiltes Leid“ bewahrheitet?

David Wonschewski: Niemand zeigt der Liebe ungeschoren die kalte Schulter, auch ich nicht. Dass es nun allerdings so schnell ging, ist auch für mich frappierend. Nach meinen ersten beiden Büchern hatte ich wirklich geglaubt, die Liebe gezähmt, sie im Griff zu haben. Und nun das. Über mich hergefallen ist die Liebe und hat mich mächtig vermöbelt. Hat: „Nimm dies!“, und: „Nimm das!“ gebrüllt.
Daher habe ich mich der Liebe in „Zerteiltes Leid“ aus einem Schatten heraus genähert. Ich greife sie nicht an, stelle sie auch nicht in Frage. Aber ich hinterfrage sie. Schließlich ist der Begriff „Liebe“ derart positiv überfrachtet. Was seltsam ist, gehen doch permanent Leute daran kaputt.

David Wonschewski (Foto: Marion A. Müller)Ist dies auch der Grund, warum du dich dem Genre „Liebesroman“ auf so unkonventionelle Art näherst?

David Wonschewski: Die konventionelle, bis zum Erbrechen durchexerzierte Herangehensweisen hat der Liebe doch längst ihren Zauber genommen. Wenn jemand zu mir sagt: „Ich liebe dich“, mag ich schon gar nicht mehr antworten: „Ich liebe dich auch!“, weil das jede romantische Situation zerstört und jedes aufrichtige Gefühl zu Plastik verkommen lässt. Wir sollten der Liebe ihre Schattenseiten, ihre partielle Widerlichkeit und Janusköpfigkeit zugestehen. Sie menschlicher machen. Anstatt den Menschen an ein vollkommen überhöhtes, ihm schief und linkisch aufgepfropftes Ideal anzugleichen. Wenn der Mensch für die Liebe geschaffen sein will, dann muss zunächst die Liebe für den Menschen geschaffen sein.
Aus dem durchaus verbreiteten menschlichen Gedanken- und Handlungsdilemma heraus – beständig den Weg der Liebe kreuzen zu müssen, obschon man ihr kaum über den Weg trauen kann – entstand in mir das Bedürfnis, die Geschichte eines Mannes zu schreiben, der liebt. Kompromisslos, absolut, aufrichtig. Auch romantisch, träumerisch, sehnsüchtig. Ein Mann, der angetrieben – oder viel mehr – getrieben wird vom hohen Ideal ewiger Treue. So besehen ist der Untertitel „Liebesroman“ für mich gerechtfertigt, denn ich habe einen solchen nach meiner Definition geschrieben.

Wie lautet deine Definition von Liebe?

David Wonschewski: Die Liebe ist ein guter Nährboden für Depression und Suizid, Liebe löst regelmäßig Gewalt aus, angefangen beim trojanischen Krieg bis hin zur kleinen Kneipenschlägerei. Nicht zu vergessen, dass beinahe jede glückliche Liebesgeschichte bedrückte und am Boden zerstörte Randfiguren hervorbringt. ‚Eine fiese Möpp ist die Liebe‘, hat ein Kölner mal zu mir gesagt. Nach vorne grinsen, nach hinten kräftig auskeilen.
Da ist was dran.

Menschen verlangt es nach klaren Rollenverteilungen: Mann und Frau. Täter und Opfer. Schwarz und Weiß. Warum, glaubst du, brauchen wir diese klaren Grenzen?

David Wonschewski: Weil sich die Menschen vor Desorientierung fürchten, anstatt in ihr aufzugehen. Wenn ich etwas länger darüber nachdenke, lande ich schlussendlich bei dem ebenfalls viel zu positiv besetzten Begriff der Freiheit. Auch so ein angeblich hohes Gut, an dem Menschen zerbrechen. „Freedom’s just another word for nothing left to lose“, heißt es bekanntlich schon in „Me and Bobby McGee“ von Kris Kristofferson. Mir scheint, vollständige Unabhängigkeit und Schwerelosigkeit sind Zustände, für die der Mensch nicht gemacht ist. Er braucht Fußfesseln.
Wir behaupten immerzu, dass wir Grenzen einreißen, nicht in Stigmata und Klischees denken, Vorurteile und Schubladisierungen minimieren wollen. Aber das sagen wir eben nur. Die Angst vor dem Nichts, die Furcht vor der Undefinierbarkeit hindert uns daran, dieses Geplapper auch mal anständig umzusetzen.

David Wonschewski (Foto: Marion A. Müller)

Der Großteil aller Stalkingopfer sind Frauen. Warum neigen Männer eher dazu, zum Stalker zu werden?

David Wonschewski: Instinkte und Gene machen mit Sicherheit einen großen Teil dieses geschlechterspezifischen Verhaltens aus. Wirklich ausschlaggebend ist für mich aber ein anderer Aspekt: die bewusste Grenzüberschreitung, der Kick der maßlosen Übertreibung – Männer sind dafür anfälliger als Frauen.
Erst jüngst sah ich eine Dokumentation über den Flugpionier Otto Lilienthal. Mit seinen selbstgebauten Holzblechkonstruktionen ist er die steilsten Abhänge runtergebrettert. Purer Wahnsinn. Wieder und wieder, bis er sich dabei das Genick gebrochen hat. So irre wäre doch eine Frau niemals gewesen, oder? Vielleicht sind auch das alles nur Vorurteile und von mir plattgewalzte Klischees, aber ich bin mir sicher, die moderne Luftfahrt konnte nur von Männern „erfunden“ werden. Nicht qua Intelligenz, sondern dank hoffnungsloser Selbstüberschätzung.
Stalking ist vermutlich nichts anderes. Liebe kann so geil aussichtslos sein, dass man schon ein Mann sein muss, um sich daraus einen Kick zu ziehen.

Würde also eine Welt, die von Frauen regiert wird, friedlicher aussehen?

David Wonschewski: Wenn ich mir betrachte, wie Frauen in Konkurrenzsituationen miteinander umgehen, habe ich wenig Hoffnung, dass eine solche Welt auch nur im Ansatz friedlicher, schöner oder besser wäre als unsere jetzige. Allerdings glaube ich, dass Frauen nachhaltiger und weitsichtiger agieren können. Das ist aber auch gar nicht der entscheidende Punkt. Der ist für mich, dass die Männer ihre Chance hatten und es nachweislich verbockt haben.

Dein Protagonist sieht sich als „anders“ und meint damit „nicht normal“. Was ist für dich ein normaler Mensch?

David Wonschewski: Mir ist noch kein Mensch begegnet, der nicht normal war. Es ist nicht sonderlich angesagt das auszusprechen, aber: Wir werden letztlich doch alle von der Stange produziert, sind von außen wie von innen alle nahezu deckungsgleich. Optik, Verhalten, Sehnsüchte – das wird doch alles standardisiert ein- oder angebaut. Genau das geht vielen von uns aber offenbar so sehr gegen den Strich, dass wir uns möglichst weit verrenken, um als „anders“ dazustehen. Individualisierung ist für mich der Beleg einer flächendeckenden Misanthropie.
„Durchschnitt“ war mal ein positiv besetzter Begriff, ein „Durchschnittsbürger“ zu sein kein Manko, sondern ein Ideal. Und heute? Heute sagt mir einer, dass er gerne RTL schaut, Fan von Bayern München ist und beim Finanzamt arbeitet. Und schon wechsle ich die Straßenseite, um nicht mit so einer voraussehbaren Person gesichtet zu werden. Dabei sind mein Beruf – Schriftsteller – und meine Hauptthemen – Tod, Angst, Suizid, Liebe – viel abgestandener und abgeschmackter als RTL und Finanzamt. Das Einzige, was den einen Spießer vom anderen Spießer unterscheidet, ist also der Fußballverein. Der Versuch „anders“ zu sein, ist immer lächerlich und nie von Erfolg gekrönt, offenbart schlimmstenfalls sogar den Grad der individuellen Verzweiflung. … Sage ich.

Die Verzweiflung darüber, nicht normal zu sein oder sein zu können, lässt andere Menschen dagegen Ärzte aufsuchen. Was sagst du ihnen?

David Wonschewski: Da halte ich es wie der Psychiater, Theologe und Teilzeit-Kabarettist Manfred Lütz: Wir behandeln klar die Falschen. Das Problem sind nicht die Leute, die das Gefühl haben, irre zu sein. Unser Problem sind die Leute, die stumpf davon ausgehen, klar bei Sinnen zu sein. Schließlich fahren die im trügerischen Glauben einer eigenen Unfehlbarkeit alles vor die Wand. Derweil alle anderen verantwortungsbewusst und rechtzeitig vom Gas gehen. Wir brauchen nicht weniger verzagte Menschen, wie brauchen mehr davon.

Vielen Dank für das Interview.