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Theresa Rath bei Periplaneta

Lesung im Kreativzentrum

Lauscht man in den frühen Abendstunden Theresa Raths Texten bei einem schmackhaften Bier, so drängt sich unaufhaltsam die Frage auf, wie – zum Teufel – schafft dieses Mädchen das?

Mit ihren zarten 19 Jahren steckt sie so manchen grauköpfigen Wortakrobaten in die Tasche – und das mit verblüffender Leichtigkeit. Hinter dem Rednerpult fängt sie immer wieder mit eindringlichen Blicken die Aufmerksamkeit der Zuhörer ein – auch wenn sie das gar nicht nötig hat, denn ihre gehaltvollen Texte sprechen für sich.

Für diesen Abend bei Periplaneta hatte Theresa Rath einige Gedichte aus ihrem Debüt „Kleines Mädchen mit Hut“ ausgewählt. Sie las aber auch unveröffentlichte Kurzgeschichten, die sie zuvor im Silbenstreif-Studio für ihr neues Buch, das im Frühjahr 2011 erscheinen soll, eingesprochen hatte.

Die angehende Juristin eröffnete den Abend mit einem Gedicht mit dem Titel „Ich will dich“ aus ihrem Lyrikband „Kleines Mädchen mit Hut“; ein Gedicht, mit dem Theresa keineswegs in unbedarften Versen eine neue Liebschaft herbeisehnt, wie der Titel vielleicht vermuten lässt. Stattdessen analysiert sie schonungslos und scharfsichtig die modernen Forderungen an eine Beziehung, inmitten einer unersättlichen Gesellschaft, in der die Menschen immer egozentrischer und egoistischer werden. Was ist jenes zweifelhafte Konstrukt, das wir heute „Beziehung“ nennen? Die möglichst vollständige Erfüllung all unserer persönlichen Bedürfnisse?

Zum Nachdenken bewegten auch ihre noch unveröffentlichten Kurzgeschichten. Sie erzählen von Anonymität und Gewalt, Gier und Freundschaft, über unerfüllte Liebe und Verlust. Mit melancholischer jedoch nachdrücklicher Stimme schildert Theresa Rath das Schicksal eines Dominus, dessen gnadenlose Brutalität plötzlich kindlichem Sanftmut weicht oder aber die Geschichte einer Freundschaft, die unter den schonungslosen Bedingungen der Wüste zusammenzubrechen droht. Ihre Erzählungen berühren zutiefst, lassen den Zuhörer jedoch gelegentlich immer wieder schmunzeln.

Besonders interessant war der Text „Häkchenmädchen“, mit dem Theresa Rath an den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam in Zürich teilgenommen hatte. Er erzählt die Geschichte eines Erfolgsmädchens, dass alles scheinbar Wünschenswerte in sich vereint: Bildung, Kultur, Charakter und Intellekt. Doch sie will sich nicht mehr den Forderungen unserer Gesellschaft beugen und irgendeinem zweifelhaften Ideal entsprechen, sie will ihre eigene Form finden, einfach sie selbst sein. Ein Text, der autobiographische Züge vermuten lässt.
Theresa zieht das Publikum nicht nur mit mit ihren geistreichen Texten, sondern auch mit ihrer einzigartigen Persönlichkeit in ihren Bann. Beendet sie ihre Texte, herrscht erst einmal einige Sekunden Stille, bevor  aufrichtiger Applaus einsetzt. Das sind jene Sekunden, in denen die Zuhörer noch gänzlich versunken sind und auch dringend bedürfen, um wieder in das lauschige Literaturcafe auf ihre Sitzplätze zurückzukehren.

Nach der Lesung wurden noch einige weitere Flaschen Bier der wirklich empfehlenswerten Hausmarke Leikeim über die Theke gereicht. Als nicht nur der Geist, sondern auch der Körper erfüllt war, trat man zufrieden – wenn auch ein bisschen schwankend – den Heimweg an.

Von Jenny Jacoby

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