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Krieg, Staubflusen und Till-Schweiger-Filme

Lesebühne Vision & Wahn: ein Bericht von hinter der Theke.

V&W Aug 14 Matthias Niklas„Habt ihr noch Stühle?“, fragt fünf Minuten vor Veranstaltungsbeginn einer der Gäste schüchtern, während vorne noch schnell der letzte freie Barhocker für die Bühne abgezwackt wird. Circa 40 Leute passen ins Café, dann ist Schluss.
Noch vor einem Monat stand ich hier zur gleichen Zeit recht orientierungslos in der Gegend herum und wahrscheinlich meistens im Weg. Das war der erste Tag meines Praktikums bei Periplaneta. Heute stehe ich hinter der Theke und bin gespannt auf den Abend. Das Motto „Kann das nicht einer der Praktikanten machen?“ passt da natürlich wunderbar. Kurz nach acht schalte ich die Bühnenbeleuchtung an, drehe die Musik runter und ziehe dem Kühlschrank den Stecker. Das monotone Summen verstummt, es wird still im Raum.
Für gewöhnlich wird bei der monatlichen Lesebühne auch gerne mal am Thema vorbeigeschrieben, heute haben sich jedoch einige Mühe gegeben. So zum Beispiel der Poetry Slammer Matthias Niklas, offiziell auch gerade Praktikant hier. Diese Bezeichnung hat er allerdings kaum verdient, denn er schafft es, von einer fein säuberlich recherchierten Wikipedia-Definition des Begriffes Praktikant binnen fünf Minuten den Bogen zu schlagen zu Gestümper jeglicher Art, sei es in Israel, den USA oder der Ukraine.

Auch Stammmitglied und Brauseboy Robert Rescue hält sich an die Vorgabe und erzählt von Praktika beim französischen Fernsehen und im Drogeriemarkt. Wie er da steht, in schlichter Jeans und Hemd, und noch darüber rätselt, warum er sich an die Chefin in der Drogerie besser erinnert, als an die Französin, der er seinen ersten Liebesbrief schrieb, kann man sich ihn so ganz und gar nicht beim Sortieren von Cremedosen und Parfums vorstellen.

tom und marry

Marion Alexa Müller startet an diesem Abend mit einer Quizfrage: „Wer kennt den Satz ‚Aus großer Kraft folgt große Verantwortung‘?“ (Auflösung gibt es hier) Der Gewinner erhält selbstredend einen Preis: die original mit Logo verzierte, im Dunkeln leuchtende Periplaneta-Schabe. Vom Thema Praktikanten haben wir uns inzwischen völlig wegbewegt, aber immerhin geht es um eine ungewöhnliche Ausbildung, nämlich die zum Superhelden.

Thomas Manegolds Protagonist dagegen sinniert übers Fortpflanzen und Anpflanzen, das Erschaffen kleiner Klone seiner selbst und erotische Phantasien mit der Myfarm-Bäuerin.

Die erste Hälfte neigt sich mit Marien Loha, der einen Ausschnitt aus seinem neuen Roman Waschbär im Schlafrock liest, und mit Musik von Hans Solo dem Ende zu, dann geht es in die Pause.
Fenster und Türen aufzureißen, ist inzwischen bitter nötig geworden, denn wenn 40 Menschen 40 Minuten in einem Raum sitzen, steigt auch die Temperatur auf gefühlte 40 Grad. Davon lässt sich hier jedoch keiner die Laune verderben. Künstler, Freunde, Stammgäste und alle, die einfach mal reingeschneit sind, finden sich draußen mit Bier und Zigarette zusammen. Ich verkaufe Getränke und suche mir dabei einen strategisch klugen Platz in der Nähe des Gratiskuchens.

Hans und Katharina, Vision und Wahn

In der zweiten Hälfte wird es zunächst lyrisch. Wieder einmal geht es nach Israel. „In Palästina sterben Kinder“, beginnt Thomas Manegold ein Gedicht, das er zwar 2006 geschrieben hat, das aber auch genauso gut erst wenige Tage alt sein könnte. Es ist die Mischung aus ernsten und leichten Tönen, die diesen Abend ausmacht. Krieg, Staubflusen, norwegische Alkoholpreise und Till-Schweiger-Filme. Dazwischen Geschichten aus dem Verlagsalltag, beispielsweise: Was ist ISDN, wie verschicke ich ein Fax und warum kann man sich mit diesen Fragen gerne mal zwei Tage herumschlagen?
Ob Alltagskomik, Märchen oder scharfzüngige Satire, gesprochen, gereimt oder gesungen, für jeden ist an diesem Abend etwas dabei.

V&W Aug 14 Marien LohaAls ich mich auf den Heimweg mache, stehen sie wieder alle draußen, mit Bier und Zigarette. Sieht aus, als würde es für einige heute noch später werden. Das mit dem Aufräumen kann dann ja morgen einer der Praktikanten machen.
Ach, Moment …

Lesebühne Vision & Wahn
Jeden ersten Montag des Monats ab 20 Uhr.
Der Eintritt ist frei, Du zahlst, um zu gehen.
PERIPLANETA Literaturcafé, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin

www.visionundwahn.de

Hinter der Theke war Pia Jesionowski