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Von geschälten Mandarinen und Kiwis im Kunststoffbecher

Wieso unsere Bequemlichkeit zum Verhängnis wird.

Ich nehme  zum ersten Mal seit langem meine Facebook App wieder in Betrieb. Ein paar unwichtige Benachrichtigungen später stoße ich auf ein Video. Vor mir sehe ich eine Meeresschildkröte, die auf einer Metallplatte liegt und mit benebelten, trüben Augen an der Kamera vorbeisieht. Um sie wuseln Hände und fuhrwerken mit einer Zange in ihrem Gesicht herum. Aus ihrer Nase läuft Blut. Gut acht Minuten kostet es die Tierschützer, den Einwegstrohhalm aus der Nase des Tieres zu ziehen, während mir mit jeder Sekunde übler wird.

Dieser Beitrag ist kein erstmaliger Augenöffner – es ist auch ohne grausame Bilder denkbar, wie fatal unser Plastikverbrauch ist.
Mit den Umweltsünden, die jeder Otto-Normal-Verbraucher täglich und routinemäßig begeht, lassen sich mühelos Seiten füllen: Angefangen bei Verpackungen, über den Mikroplastikabrieb von Autoreifen, der beim nächsten Regen im Grundwasser landet, bis hin zu Einwegtüten, die Meeresvögel strangulieren. Umweltschäden sind selbstverständlicher Alltag und werden nicht einmal mehr als solche wahrgenommen. Und genau dieses fehlende Bewusstsein ist das Problem.

Die Fakten sprechen für sich. Europa belegt alleine ein Viertel des Plastikverbrauchs auf der Welt. Europaweit schaffte es Deutschland dabei letztes Jahr auf Platz vier der Länder, die den meisten Plastikmüll produzieren. Jeder von uns bringt es auf 611 Kilogramm Müll jährlich, wovon 37 Kilogramm durch Plastikverpackungen entstehen.
Und als wären diese Werte nicht schon erschreckend genug, geht es in puncto Recycling noch schlimmer zu. Nicht einmal die Hälfte (42%) des angefallenen Plastikmülls wird in Deutschland recycelt, europaweit ist es sogar nur ein knappes Drittel. Der Rest landet beispielsweise im Meer, wo eine handelsübliche Plastikflasche gut 450 Jahre für die Zersetzung braucht, nur um sich dann in mikroskopisch kleine Teilchen “’aufzulösen“.
Doch die meisten Plastikabfälle schaffen es nicht einmal bis zu diesem Punkt. Vorher töten sie jährlich gut eine Million Seevögel und Hunderttausend Meeressäuger. Ganz nebenbei gewinnen sie auch noch die Oberhand gegen Plankton und sammeln sich zu riesigen Feldern in den Weltmeeren an.

Plastikmüll Zahlen, Fakten & Studien 2017/2018

Nach diesen Zahlen stellt sich die Frage: Wieso gibt es dann immer noch Gurken in Kondomen und geschälte (!) Mandarinen im Kunststoffbecher? Während meiner Schulzeit hatte ich dazu eine interessante Stunde im Fach Sozialkunde und erlaube es mir, die Inhalte des damaligen Hefteintrages zu teilen und infrage zu stellen.

1. Ein Argument für die Verpackung ist die Hygiene. Eingewickeltes Obst, Gemüse etc. ist unberührbar und bleibt im Gegensatz zu offener Ware vor Keimen verschont.
Die Hände der Arbeiter oder des Gemüsebauers berühren die Produkte ohnehin, diese Keime werden also mit eingewickelt. Klar gibt es Leute, die im Supermarkt jede Gurke einmal kurz zwischen den Fingern quetschen. Und natürlich haben auch bereits Andere das Kassenband kontaminiert, auf das man seinen Einkauf legen muss. Allerdings lassen sich viele Lebensmittel schälen, alle waschen und aus eigener langjähriger Verpackungs-Boykott-Erfahrung kann ich sagen: Man stirbt nicht daran.

2. Das Plastik dient zur Abgrenzung hochwertiger Produkte, es ist ein Statussymbol.
Bei dem Gedanken, dass ein umweltgefährdendes “Statussymbol“ erstrebenswert ist, ploppt in meinem Kopf ein Fragezeichen auf. Wenn man schon eine sichtbare Hierarchie unter Lebensmitteln aufbauen muss, wieso nicht einfach durch räumliche Trennung?

3. Der Mensch ist bequem.
Plastiktüte und Essen to go ist praktisch. Aber ist es das bisschen Bequemlichkeit wert, den Planeten tagtäglich aufs Spiel zu setzen? Ihr kennt die Antwort.

Auch wenn die Tatsachen so klar vor Augen liegen: Die Gesellschaft scheut sich vor dem Umdenken. Vor Änderungen, die nicht unserer bisherigen Routine entsprechen. Dabei heißt ein müllvermeidender Lebensstil nicht, dass man plötzlich Batik-Hanf-Hosen tragen, einen Blog starten und Ackerbau betreiben muss (kann man natürlich trotzdem). Es ist schon viel getan, wenn jeder auf ein paar Dinge achtet. Und nein: Ausreden a la “Was soll ich als Einzelne/r bewirken?“ zählen in der aktuellen Umweltsituation nicht mehr.
Ein paar Grundlagen, mit denen man mühelos einen Beitrag leisten kann:

  1. Wasserflaschen. Besorgt euch eine gute, langlebige Flasche aus Metall/Kunststoff/Glas und ihr werdet nie wieder durstig sein. So gut wie alle Restaurants füllen sie euch kostenlos nach und ihr seid fein raus aus der Plastikflaschenseuche.
  2. Brotboxen. Mittagessen wie zu Schulzeiten. Günstiger, meist gesünder und umweltschonender als Essen to go.
  3. Teesiebe. Spart euch den Teebeutel, indem ihr losen Tee in ein klappbares Sieb gebt
  4. Stofftaschen. Nein, man muss keine Hornbrille oder Skinny Jeans tragen, um einen Jutebeutel oder Ähnliches besitzen zu dürfen.
  5. Mitdenken. Verwendet unterwegs eigene Kaffeebecher, spart euch unnötige Strohhalme Servietten, Schirmchen oder Plastikbesteck.

So viel dazu, was ihr selbst unternehmen könnt, oder viel mehr solltet. Es gibt nunmal keinen Planeten B.

Dass Umweltschutz auch von oben möglich ist, hat Neuseeland dieses Jahr deutlich gemacht. Nicht nur hat die Regierung vor weiteren Ölverträgen vor der Küste Abstand genommen, auch soll nach einer halbjährigen Testphase die Plastiktüte verboten werden, damit Neuseeland so schön bleibt, wie H.C. Roth es in seinem neuen Kinderbuch beschreibt.
Übrigens lohnt es sich auch, mal über die Grenze von Neuseeland nach Fantaseeland zu reisen, um sich dort von bunten Farben und kiwilegenden Kiwis begeistern zu lassen. Das und vieles mehr könnt ihr in ‚Kiwi mit Zitrone‘ nachlesen, vorlesen und vorgelesen bekommen.

Hannah Haberberger

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