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Berliner Lesebühnen: Brauseboys

Brauseboys

Jeden Donnerstag ab 20:30 Uhr.

Zuallererst lehren die „Brauseboys“ den Wert einer Bühne. Völlig konfus sitzt man im beeindruckend großen Saal des „La Luz“ und starrt auf diesen Fremdkörper, den man schon lange nicht mehr auf einer Lesebühne gesehen hat; eine echte Bühne, über einen Meter hoch und breit genug für alle Brauseboys auf einmal: Robert Rescue, Paul Bokowski, Frank Sorge, Volker Surmann, Hinark Husen und Heiko Werning. Ein stattliches Aufgebot ganz ohne jede Quote, mit null Gefühl für politische Korrektheit (siehe Foto) und diesem typischen Wedding-Patriotismus, der seltsamerweise auch bei der x-ten Lesebühne im Bezirk noch seinen Charme entfaltet.

In Kleidern, die „aussehen, als kämen wir direkt von einem Umzug“ (Bokowski), wird hauptsächlich klassische Lesebühnenkost zum Besten gegeben, mit Surmanns Slam-Texten angereichert. Was die „Brauseboys“ dabei von der Konkurrenz unterscheidet, ist das nicht zu überbietende Maß an Selbstironie sowie die perfekte Harmonie zwischen Text und Vortragsweise: Hier haben Autoren ihren mündlichen wie schriftlichen Stil gefunden. Und für eine wöchentliche Lesebühne ist das Dargebotene geradezu unverschämt einfallsreich: eine lyrische Edgar-Allan-Poe-Parodie über ein One-Night-Stand mit einem Schwaben und ein proktologischer Arztmarathon gesellen sich da zu Meditationen über Sammelbildchensucht und abstrusen Dialogen über „den anderen Mauerfall“.

Als literarischer Gast wirft Ivo Bozic dazu einen famosen Text über Freeganer in den Topf, die Band Francofeel rundet musikalisch ab – eine angenehme Abwechslung zu den auf Lesebühnen omnipräsenten Singer/Songwritern und Chansonniers. Und als dann der Abend noch mit der charmanten „Brauseboys“-Hymne „Wedding-Girl“ abgerundet wird, blickt man auf einen rundum gelungenen Abend zurück.

Paul Waidelich

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