Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Rakete 2000 (Berliner Lesungen 5)

Ein Abend im Ä

Wer am zweiten Donnerstag des Monats um 21.00 Uhr in das urige Ä in der Weserstraße in Neukölln einkehrt, dem schlägt geballte Frauenpower entgegen. Denn hier ist „Rakete 2000“ zu Hause, die östrogenreichste Lesebühne der Welt.

Bei schmackhaftem urbayrischen Tegernseer Spezial-Bier kann man sich in einen der gemütlichen Sessel fallen und den Abend auf sich wirken lassen. Allerdings ist es ratsam, den dort gereichten, würzigen Gerstensaft mit Vorsicht zu genießen, denn mit seinen 5.6 % Alkoholgehalt steigt er einem ungeahnt schnell zu Kopfe. Dies sollte auch ich an diesem Abend feststellen …

Kurz vor 21.00 Uhr betrete ich die Bar mit nur einem Buchstaben über der Tür. Publikum und Einrichtungsgegenstände sind kunterbunt zusammengewürfelt. Hier tummeln sich Menschen jeder Altersklasse und Nationalität. Manche Tische sind mit Gartenstühlen aus verschiedenen Baumärkten und Epochen bestückt, Putz blättert von den Wänden. Das Ä ist ziemlich gut besucht, fast jeder Platz ist besetzt. Das macht wohl das gemütlich-schrottige Ambiente. Die Lesung findet – wie mir die freundliche Barfrau verrät – im Nebenzimmer statt.

Mareike Barmeyer, Anna Czypionka, Lea Streisand und Jacinta Nandi möchten heute ihre Texte zum Thema „Gähnen und andere Gehnetiken“ vorstellen. Nachdem sich in letzter Zeit einige unbefugte Menschen zu dem Thema geäußert haben, wollen sie jetzt auch mal was dazu sagen. Bis es dazu kommt, vergeht allerdings noch ein gute halbe Stunde. Offenbar scheint das allgemein bekannt zu sein, denn die meisten Leute trudeln erst weit nach neun ein. Kurz vor Beginn ist der Raum proppenvoll.

Den Abend eröffnet Jacinta, eine Engländerin mit indischen Wurzeln, die zurzeit Neukölln wohnt. Mit Charme, Witz und ihrem unnachahmlichen Dialekt klärt sie uns darüber auf, wie unvorstellbar seltsam typisch-deutsche Gewohnheiten auf sogenannte „Berliner Migranten“ wirken.  Für Jacinta ist es ein großes Rätsel, warum man hierzulande das Gerücht in die Welt gesetzt hat, das Knusprige an Grillwürsten würde Krebs verursachen (tut es das etwa nicht?!) und warum man stundenlang vor dem Joghurtregal im Supermarkt steht, um mit aller Sorgfalt genau jenen Joghurt ausfindig zu machen, dessen Verfallsdatum so weit wie möglich von Heute entfernt ist. Leider muss Jacinta uns an diesem Abend vorzeitig verlassen, da sie eine üble Grippe heimgesucht hat. Dafür kann man sie aber am 4. Oktober um 20 Uhr als Gastautorin bei der Lesebühne Vision & Wahn im Periplaneta Verlag live erleben.

Bei Anna geht es um das Zusammenleben mit einer riesigen Ratte mit übermäßig ausgeprägten Rachgelüsten: Passt ihr einmal etwas nicht, schrubbt sie sich mit der Zahnbürste der Hausbewohner den Rücken oder loggt sich in deren  Facebook- Account ein und beleidigt wahllos alle Freunde. Eine komisch-absurde Geschichte und eine wirklich originelle Alternative zur klassischen Fabel.

Dann gibt’s Musik. Die östrogenreichste Lesebühne der Welt wird an diesem Abend nämlich durch ein bisschen Testosteron noch zusätzlich in Wallung gebracht. Denn auch Christoph Theussl ist mit von der Partie, ein begnadeter Liedermacher mit  reichlich schwarzem Humor- und übrigens der einzige politisch verfolgte Österreicher. Mit vielen gerollten R´s gibt er seine bitterbösen Texte zum Besten: Zum Beispiel singt Christoph von einer idyllischen Sommerwiese, auf der niedliches, kleines Lamm vor sich hin grast. Was das Lamm allerdings nicht weiß: Ostern steht vor der Tür und in Österreich da gibt es so eine Tradition …

Obwohl ich schon zu diesem Zeitpunkt dringend aufs Klo muss, um das lecker Tegernseer wieder loszuwerden, reiss ich mich zusammen und blieb auf meinem Platz. Ich will einfach nichts verpassen.

Mareike beweist uns an diesem Abend wiedereinmal ihre hervorragenden Lesequalitäten: Zuerst liest sie ihre Geschichte „Going Native“. Mit viel Humor berichtet sie uns über Ethnologen, die irgendwann nicht mehr beobachten sondern partizipieren und über geschäftstüchtige Inder mit bayerischem Akzent.

Lea schießt mit ihrem selbstironischen Text einfach den Vogel ab. Sie erzählt uns, dass bei ihr – anders als bei anderen Frauen-  allein der Gedanke an einen bevorstehenden Schuhkauf Brechreiz verursacht. Das liegt daran, das Lea an infantiler Zerebralparese leidet und das Kaufen von neuen Schuhen für sie daher nicht nur eine höchst kostspielige sondern auch  nervenzemürbende Angelegenheit bedeutet.
Lea bemerkt, dass früher Menschen mit Behinderung  einfach weggesperrt wurden, während man ihnen heute das Recht auf passende Schuhe verwehrt, und sie so von den Straßen fernhält. Auch eine vielversprechende Möglichkeit.

Auch nach der Pause geht es amüsant weiter. Wir hören noch eine unfertige Szene, die im Herbst am Wannsee spielt, erfahren etwas über Neuköllner Ärzte und über Ferien in Hiddensee an der Ostsee, inmitten von lauter „Urlaubszombies“.

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht, wenn auch leicht schwankend, verlasse ich gegen halb zwölf das Ä. Was die Texte mit dem Thema  „Gähnen und andere Gehnetiken“ zu tun haben sollen, will mir allerdings nicht einfallen. Jedenfalls war der Abend alles andere als zum Gähnen!

Von Jenny Jacoby

Schreibe einen Kommentar