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Es gibt nichts Schlimmeres als braves Kabarett.

Ein erhellendes Interview mit René Sydow

René Sydow hat viele Berufe. Seit letztem Jahr bereichert er nun auch erfolgreich die Poetry-Slam-Szene mit satirischen Texten und schaffte es auf Anhieb auf das Siegertreppchen der Deutschsprachigen Meisterschaften 2012. Und auch für die Nationals 2013 in Bielefeld ist René Sydow wieder am Start. „Deutsche Wortarbeit“, seine erste Bühnentext-Sammlung, besteht vor allem aus bösen Seitenhieben auf Unterhaltungsindustrie und Politik, oftmals verpackt in skurrilen Unterhaltungen mit Zeichentrickfiguren oder Fußballstars. Evelyn Marunde sprach mit dem neuen MundWerk-Autor und erfuhr sehr viel über das Künstlerdasein, die Unterhaltungsbranche und über die Intensionen hinter den Wortgewittern und Gedankenstürme, die uns mit dieser Neuveröffentlichung heimsuchen.

Du bist Autor, Slam-Poet, Schauspieler, Regisseur und Dozent. Was dient dem Broterwerb, was ist Berufung?

René Sydow „Natürlich sind die offensichtlich kreativen Bereiche wie Bücher schreiben, Theater inszenieren oder Filmemachen die eigentliche Berufung. Aber alles, was ich anfange, mache ich mit derselben Leidenschaft. Auch Studenten in Filmgeschichte und Regie zu unterrichten, ist für mich nur scheinbar notwendiger Broterwerb. Es ist auch für die eigene Arbeit inspirierend, wenn man in jungen Leuten ein Feuer entfachen kann. Sollte ich aber eines Tages keine Lust mehr darauf verspüren, würde ich sofort damit aufhören. Reine „Brotjobs“, die mich persönlich wenig interessieren, wie Industriefilme, Sprechertätigkeiten oder Werbung sind recht rar. Sie verbessern bei ihrem Auftreten meine finanzielle Situation. Zumindest kann ich aber sagen, dass ich in der erfreulichen Situation bin, von der Summe der Tätigkeiten leben zu können, die mir Freude bereiten.“

René Sydow by CHRISTIAN JUNG www.deraether.deSiehst du dabei eine dieser Tätigkeiten als Hauptberuf an?

RS: „Die erste große Liebe war und wird immer der Film bleiben. Seit frühester Kindheit sammele ich alles, was mit Film zu tun hat, mein Kopf ist eine Enzyklopädie aller Filmsparten vom Mainstream bis zum Kenneth-Anger-Experimentalfilm. Wenn ich mich jemandem vorstelle, bezeichne ich mich in der Regel als „Filmemacher“. Wenn man es in Metaphern packen müsste, so wäre der Film meine Ehefrau und die Literatur eine sehr verschlagene Geliebte.“

Kollidieren die unterschiedlichen Arbeitsbereiche nicht miteinander?

RS: „Höchstens zeitlich. Ich muss klare Termine machen, wann ich mich um das Romane-Schreiben kümmern will und wann ich Bühnentexte herstelle. In Zeiten von Filmdrehs oder Theaterarbeiten ist Schreiben so gut wie unmöglich. Dann muss ich Text lernen, mich um Produktionen kümmern, und so weiter – das frisst dann alles auf. Kreativ betrachtet ist es aber befruchtend. Seit ich für Poetry Slams schreibe, hat sich mein Blick auf Sprache vollkommen verändert. Der Roman, an dem ich gerade schreibe, hat beispielsweise einen völlig anderen Stil als der erste.“

Wie du eben bereits erwähnt hast, hältst du Vorlesungen an diversen Filmakademien. Was vermittelst du deinen Studenten über die Unterhaltungsindustrie?

RS: „Erstens, wie wichtig es ist, zu lieben, was man tut. Wenn man als Künstler, gleich welcher Sparte, arbeiten möchte, muss einem klar sein, dass dies ein Leben voller Entbehrung darstellt. Ich hatte noch nie ein geregeltes Gehalt, verdiene in vielen Monaten nur knapp über dem Existenzminimum. Wenn man Kunst machen möchte, um reich und berühmt zu werden, sollte man es lassen. Das passiert durch Glück oder Seilschaften. Wenn es aber nicht passiert, sollte man wenigstens eine Erfüllung durch die Arbeit an sich empfinden. Das Zweite, was ich versuche, Studenten zu vermitteln, ist banal, aber essentiell: Wissen. Nabokov meinte, ein Schriftsteller kann nur dann gut sein, wenn er auch die Werke seiner Konkurrenten kennt. Gerade im Kunstbereich tummelt sich aber eine unverhältnismäßig hohe Zahl an unqualifizierten Leuten, die irgendwie in die Medien reingerutscht sind. Bei Film und Fernsehen ist dies am schlimmsten. Das ist katastrophal für den Kulturbetrieb.“

Erst seit dem letzten Jahr bist du auch als Slam-Poet unterwegs und hast es auf Anhieb bei den deutschsprachigen Meisterschaften ins Finale geschafft. Wie erklärst du dir deinen Erfolg in der Slam-Szene?

RS: „Das ist ein Phänomen, das mich selbst erstaunt. Ich habe 1999 angefangen, politisches Kabarett auf der Bühne zu machen. Nach über zehn Jahren Pause in dieser Sparte mache ich nun so etwas Ähnliches auf Slam-Bühnen und es funktioniert. Möglicherweise biete ich mit politischen Texten etwas im Poetry Slam, das nicht so oft von anderen angeboten wird.“

Wird man dich weiterhin auf deutschen Slam-Bühnen sehen können oder war das nur ein kurzes Intermezzo?

RS: „2014 möchte ich unbedingt wieder einen Film mit meinem Autorenkollegen Daniel Hedfeld machen, da wird dann weniger Zeit für anderes da sein. Aber solange ich das Gefühl habe, ich hätte noch etwas auf Bühnen zu sagen, mache ich das auch. Mal mehr, mal weniger zeitintensiv.“

In deinen Texten nimmst du unter anderem die Medien aufs Korn. Welche erbosten Kommentare von Schauspielerkollegen oder Arbeitgebern gab es schon?

RS: „Von denen kamen nie welche – möglicherweise, weil viele ähnlich denken, sie aber nicht so gern wie ich die Hand beißen, die sie füttert. Angefeindet wurde ich bislang nur von politischen Hardlinern, Anhängern bestimmter Parteien – wohlgemerkt nicht von deren Politikern, die sind sehr viel entspannter. Da sind Menschen darunter, die sich oft sehr progressiv geben, aber völlig humorlos sind. Ich sage das deswegen, weil Leute, die mich anfeinden, oft meinen, ich würde pauschalisieren oder zu sehr auf bestimmte Feindbilder eingehen. Ich finde aber doch, dass Satire hart, scharf und böse sein muss, damit sie einen Effekt auf den Zuschauer hat, egal, ob es Zustimmung oder Widerspruch ist. Es gibt nichts Schlimmeres als braves Kabarett.“

René Sydow by CHRISTIAN JUNG www.deraether.deBeeinflussen dich trotz dieser Einstellung Gedanken an mögliche Reaktionen aus deinem Umfeld – Publikum, Arbeitgeber, Kollegen – beim Schreiben?

RS: „Jeder Schreibende sollte sich fragen, ob es auch andere interessiert, was man da notiert. Aber Schreiben beziehungsweise Filmemachen als Therapie oder Selbstbespiegelung ist schrecklich prätentiös. Dafür wurden Tagebücher erfunden. Jedoch denke ich nie darüber nach, ob man etwas sagen darf oder nicht, oder: Dieser Kollege, Zuschauer, etc. fand jenen Satz zu gewagt, zu geschmacklos oder Ähnliches. Gerade bei den Bühnentexten feile ich lange an jedem Satz, bis ich sagen kann, das ist zu 100 Prozent, was ich im Augenblick dazu sagen möchte. Was nicht heißt, dass sich meine Meinung dazu nicht auch ändern könnte.“

Einige Texte sind aber explizit mit René Sydow als Protagonist geschrieben. Steckt doch etwas Biographie in dem Buch?

RS: „Wie gesagt, interessiert mich biographisches Schreiben nicht. Wenn etwas aus meinem eigenen Leben vorkommt, ist es so stark chiffriert, dass höchstens ich es noch vage erkennen kann oder es sind Ereignisse, die allgemein verständlich, lustig oder stellvertretend sind. „Ich“ ist bei mir im Regelfall ein anderer.“

Du erzählst von Schreibblockaden, lästigen Arbeitsamt-Besuchen und Selbstfindungs-Workshops. Der Alltag eines freischaffenden Künstlers? Und wenn nein, wie sieht er wirklich aus?

RS: „In operativen Zeiten, beispielsweise einem Filmdreh, ist der Alltag ein Chaos, das man eine bestimmte Zeit lang durchstehen muss, um hinterher ein neues „größeres“ Werk zu haben. Das ist aber höchstens ein Drittel der Zeit. Der Rest ist herrlich langweilig: Ich sitze am Schreibtisch, meist im Dortmunder Büro mit meinem Autorenkollegen Hedfeld und wir schreiben. Gemeinsam schweigend gegenüber sitzend oder im Diskurs zusammen. Der Rest des Tages geht drauf für Diskussionen über Film, Literatur und den Glutamatgehalt von chinesischem Essen.“

In den Texten gibt es dramatische Angriffs-Szenen mit Alfred Jodocus Kwak und tiefgründige Gespräche mit Rudi Völler. Was verarbeitest du damit?

RS: „Das sind spontane Einfälle. Rudi Völler ist natürlich jemand, der stark mit meiner Kindheit verbunden ist, obzwar ich nie ein großer Fußballenthusiast gewesen bin. Solche Gestalten tauchen dann aber plötzlich beim Schreiben auf. Bei Kwak war plötzlich dieses Bild da! Diese kaum auszuhalten niedliche Comicfigur in einem so gewalttätigen Zusammenhang.“

René SydowDu hast erwähnt, dass du gerade an einem weiteren Roman schreibst. Wie siehst du deine Zukunft als Autor sonst aus: Soll es weitere Bücher geben, eventuell wieder ein Genrewechsel?

RS: „Unbedingt soll es viele Bücher geben. Das ist doch, was man als Autor will. Bücher machen. Gelesen werden. Außerdem: Ein Buch schafft man in einem Jahr, für einen Film braucht man meist viele Jahre. Ich arbeite schon sehr lange am zweiten Roman. Aber er will sich nicht so leicht schreiben lassen und leider ist das Buch der Boss. Es liegen auch noch zwei Romankonzepte vor und die Bühnentexte sammeln sich ja eher unmerklich. Genrewechsel? Ich könnte einen Lyrikband vollmachen. Aber es scheint leider so, als würde außer mir kaum jemand Gedichtbände kaufen. Die Drehbücher könnte man veröffentlichen, aber wen, außer vielleicht Filmstudenten, interessiert so etwas?“

Wo kann man dich demnächst auf der Bühne oder im Fernsehen erleben?

RS: „Tatsächlich habe ich dieses Jahr sogar mal wieder was für das Fernsehen gemacht. Ich spiele in der Weihnachtsfolge von PASTEWKA mit, eine der ganz wenigen Sachen, die ich im deutschen Fernsehen toll finde und auf die ich wirklich stolz bin, dabei gewesen zu sein, egal wie klein die Rolle war. Dann kommt die dritte Regiearbeit DAS GEHEIME ZIMMER im Frühjahr 2014 bundesweit ins Kino, das ist schon sehr aufregend für Independent-Filmer. Ansonsten die übliche Mischkalkulation: Ich spiele Theater und mache viele Slam-Tourneen, um die DEUTSCHE WORTARBEIT unter das Volk zu bringen.“

MUNDWERK 2

Vielen Dank für das Gespräch.

Autorenbilder by CHRISTIAN JUNG (www.deraether.de)

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