Veröffentlicht am

Die Bildungsdefensive

Bybercap/ HerrSchmied

Über ein angestaubtes System & eine Schule, die es besser macht.

Manche Schulkritiker behaupten, bei den heute üblichen Unterrichtsmethoden blieb im Endeffekt nur etwa ein Prozent vom Unterrichtsstoff im Gedächtnis der Schüler hängen. 99 Prozent würden, kurz nachdem sie ins Hirn gepaukt oder geprügelt wurden, auch schon wieder vergessen. Nach dem Schulabschluss bliebe dann nur ein löchriges Allgemeinwissen zurück und nur ein einziges überbewertetes Kondensat: die Schulnote. Mehr nicht. Zu den Kritikern gehört auch Autor Nicolas Schmidt, beziehungsweise sein im Buch lebendig gewordenes Alter Ego Herr Schmied.

Diesem erscheint unser Schul- und Notensystem falsch und nicht mehr zeitgemäß. Mitten im Unterricht rutscht ihm aus Versehen eine inbrünstig geführte Rede heraus:

Herr Schmied ist nicht allein.  Richard David Precht beispielsweise tingelt zurzeit mal wieder von Talkshow zu Talkshow, um über sein neuestes populärwissenschaftliches Buch zu sprechen. Darin kritisiert der bekannte Philosoph und Publizist das heutige Schulsystem, weil es ein Relikt aus der Kaiserzeit Wilhelms II. sei und spricht sich für eine drastische Reformierung aus. Seine Ansätze dazu sind nicht nagelneu und 100%ig auf eigenem Mist gewachsen. Eigentlich, könnte man ganz boshaft sagen, handelt es sich dabei um ein „best of“ Waldorf, Montessori und Jenaplan. Auf den Erkenntnissen der Lern- und Hirnforschung basierend, sagt Precht, müsste zeitgemäßer Unterricht heutzutage in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen stattfinden, nicht in starren Klassenverbänden. Es sollte ganztägig gelernt, dabei Werte gefördert und auf die individuellen Leistungen der Schüler eingegangen werden. Und auf das „demotivierende“ Benotungssystem müsste auch verzichtet werden. Stattdessen sollten Lehrer eine schriftliche Beurteilung über die Lernentwicklung der Schüler ausstellen. In besagten Talksendungen wird nun heftig debattiert. Dabei zeigt sich, dass die meisten Talkgäste dem Thema eher konservativ gegenüberstehen und das altbewährte Konzept der Schulen im Großen und Ganzen so belassen wollen. Vielleicht, weil sie es, genauso wie es ist, schön und gut finden. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil sie sich Schule ohne Noten und ohne feste Klassen einfach nicht vorstellen können oder wollen.

Eine reformpädagogische Gemeinschaftsschule im Berliner Stadtteil Moabit zeigt seit Jahren, dass das geht. Der Schulleiter Jens Großpietsch trat dort 1984 sein Amt an, weil seine Vorgängerin wegen einen Nervenzusammenbruch erlitt. Die Heinrich-von-Stephan-Schule war eine Lernanstalt des Grauens, in der die Schüler ihre Lehrer fertigmachten. Innerhalb weniger Jahre gelang es Großpietsch, daraus eine Vorzeigeschule zu machen, in der sich alle respektvoll behandeln. Angeblich lernen hier die Schüler heute sogar eigenständig und gerne! Die Änderungen der Unterrichtsmethoden, für die die Schule 1999 den deutschen Hauptschulpreis und 2003 die Theodor-Heuss-Medaille bekommen hat, beinhalten unter anderem die Vorschläge, über deren Durchführbarkeit heute debattiert wird. Das gilt auch für die Art der Zensur. Anstatt für alles Mögliche Noten zu verteilen, hängen dort Kurven jedes einzelnen Schülers aus, die anzeigen, welchen Verlauf seine schulischen Leistungen haben. Eine abfallende Kurve sei nämlich eine wesentlich größere Motivation als eine schlechte Note. „Denn wer zwei, drei Mal hintereinander eine mangelhafte Note erhalten hat, verliert schnell das Selbstvertrauen und sein Interesse am Fach“, so der Schulleiter.

Dem Herrn Schmied seine Rede über seinen Traum von einer besseren Schule endet mit : „Diese Schule ist keine naive Utopie! Diese Schule ist machbar!“ Und offenbar ist dies in Institutionen, wieder Heinrich-von-Stephan-Schule in Moabit bereits bewiesen worden. Also Kopf hoch, Herr Schmied, alles wird „gut“! Oder sogar „sehr gut“?!

Justus Adam