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Wo bitte geht es hier zum Slam?

Poetry Slam – Eine moderne Vers-Geschichte

Chicago 1986. Alles beginnt wie üblich in Amerika. Hier wird der erste Poetry-Slam von Marc Kelly Smith veranstaltet. Die Idee entstand am Küchentisch. Er wollte das Interesse an Lesungen wieder beleben und ein Format erfinden, bei dem nicht nur etablierte Literatur ein Gehör findet.

Was genau ist nun Poetry-Slam?

Poetry kommt von Poesie, soviel ist klar. Slam spiegelt dabei den Wettstreit wider. Es bedeutet zuschlagen oder zuknallen. Alltagssprachlich steht Slam aber auch für scharfe Kritik. Und das wird man von einem guten Slam-Poeten auch: mit Inhalten zugeknallt. Während Lyrik noch das Leiden des lyrischen Ichs auf nicht immer klare Weise zu vermitteln versucht, nimmt der Slammer eher eine angreifende Position gegen die Welt und ihre Probleme ein. Die Texte sollen verstanden und beachtet werden. Es gilt, das Persönliche herauszuschreien und sich zu befreien, ein persönliches Event auf der Bühne zu erzeugen. Manche Beiträge erinnern auch an einen Rap, wenn diese besonders rhythmisch angelegt sind.

Ein Poetry-Slam ist im Gegensatz zum Open-Mic oder einer Lesung ein Dichterwettstreit, bei dem Poeten selbstgeschriebene Texte performen, ohne dafür Hilfsmittel zu benutzen. Entweder entscheidet das Publikum per Applaus, wer ins Finale darf oder eine publikumsrelevante Jury stimmt mit Punktekarten ab, wer in die Endrunde kommt. Das Finale wird dann wiederum durch das Publikum entschieden. Oft ist auch ein Featured Poet, meist ein bereits etablierter Poetry-Slammer, eingeladen, der außer Konkurrenz auftritt und so zur Unterhaltung beiträgt.

Die 1990er Jahre und der Rest der Welt: Nun greifen die Poeten um sich. Die Slams verbreiten sich weltweit, und 10 Jahre später 2009 finden allein in Deutschland 100 davon statt. Erstaunlicherweise haben sich größere Wettbewerbe auch in verschiedenen deutschen Städten etabliert, während an der Berliner Volksbühne nur einmal jährlich die Meisterschaften stattfinden. Dahingegen gibt es eine Menge Locations in Kreuzberg und anderen Berliner Stadtteilen, wo mitunter mehrmals wöchentlich  auf den kleineren Slams richtig Worte gerockt werden.

Heute ist Poetry-Slam keine Subkultur mehr, aber auch kein Mainstream. Aber es ist eine Kunstform, in der sich viele Bausteine miteinander verschmelzen lassen: nämlich moderne Dichtkunst, der persönliche Diskurs über das Du und Ich und die Welt, Weltschmerz oder Liebeskummer und nicht zuletzt die Liebe zur Bühne, auf der den Slammern rhythmisch Flügel wachsen, wenn sie gut sind.

Aber auch hier gibt es Weiterentwicklungen, z.B. wie sie das längst etablierte Team PauL (Poesie aus Leidenschaft) bietet. Kleinere Storys werden theaterreif vorgetragen. Auch diese Texte sind selbstreferentiell und reiben sich dabei stets an aktuellen Problemen der Welt wie der Finanzkrise, der Reizüberflutung durch Medien und der sinnlos erzeugten Illusionen, was ganz besonders gut die Texte: „Sound of Silence“ und „Moneyfest“. Legendär sind auch die Darbietungen der Slammer  Wehwalt Koslovsky und Frank Klötgen, die solistisch und als Duo mit ausgefeilten Versdichtungen das Publikum begeistern.

Dass diese extravaganten Darbietungen ein beachtenswertes Potenzial bieten, hat auch der Berliner Slam-Organisator Wolf Hogekamp erkannt und deshalb ein neues Format im kalten November des letzten Jahres ins Leben und auf die Kreuzberger Bühne gerufen. „Respect the Poets!“ heißt das Motto und soll einen Gegenpart zum Poetry-Slam, bilden, in dem die Poeten respektiert werden und sich voll ausleben können, ohne den Anspruch, einen Wettbewerb gewinnen zu wollen. Das Ergebnis der ersten Veranstaltung dieser Art war ein ausgefeiltes Bühnenprogramm, bei dem es nur Höhepunkte gab. Und das Frieren hat man hier schnell gelassen. Denn das KATO war ausverkauft und die Leute hatten sicher bereits nach dem ersten Auftritt ganz andere und viele schöne hitzige Gedanken.

Moritz Neumeier dagegen, ein sehr junger Slam-Poet aus Schleswig-Holstein, bevorzugt, seinen Liebeskummer aggressiv darzubieten und schafft es dabei zu berühren. Zudem ist auch er ein ausgezeichneter Performer mit schauspielerischen Ambitionen, die noch deutlicher in seinen Teamauftritten werden. Er ist mehrfacher Sieger, tourt ununterbrochen durch Deutschland und hat in der Edition Mundwerk sein erstes Werk mit CD veröffentlicht, das seine ausgeprägte Selbstreferenz bereits im Titel „Drei Wunden“ trägt.

Aber die inzwischen stark gewachsene Communitiy wartet auch mit eben solchen, nämlich starken Frauen auf. Es gibt unter den bekannten und beliebten Poeten mittlerweile auch zahlreiche weibliche Größen. So begeisterte Theresa Hahl das Publikum für sich und behauptete sich im Finale gegen ihre männliche Dichterkollegen. Josefine Berkholz hat schon viele Slams, nicht nur in der Kategorie U20, für sich entschieden. Und Victoria-Louise Seifried, die mit ihrer scheinbar naiven Art komplexe Zusammenhänge subjektiv enthüllt, steht der bei Periplaneta frisch unter Vertrag und wird in der Edition Mundwerk ihr erstes Buch mit CD, das den Selbstbezug im Titel: „Victorianisch“ trägt, veröffentlichen.

Des Weiteren gibt es den „Dead or Alive“-Slam, bei dem gegenwärtige Poeten gegen die ewig gestrigen antreten. Diese werden meist von Schauspielern verkörpert. Oft aber auch nicht mehr. Da die eigene Note oft auf sich warten lässt oder nahezu fehlt, sind es die unsrigen, die sich hier im Finale spannende Duelle liefern. Diese finden beispielsweise auch an etablierten Häusern statt, wie der Berliner Schaubühne.

Der jüngste Abkömmling ist der sogenannte Science-Slam, der aber nur das bewährte Poeten-Format für sich eingeheimst hat. Nachwuchswissenschaftler wollen hier ihre Forschungsergebnisse unterhaltsam an ein heterogenes Publikum bringen, was nicht immer gelingt und mit eigener Intuition oder Weltschmerz, nach denen sich wahre Slam-Fans sehnen, nichts mehr zu tun hat.

Und America oder Chicago? I don’t know. Und das ist auch überhaupt nicht tragisch. Denn auf die Frage, wie man am besten zu einem Slam kommt oder auch zu einem Fan wird, gibt Berlins etablierteste Seite Slammin‘ Poetry mit allen Terminen, Orten, Bühnen und Erlebnisberichten inklusive der besten Videos Antwort.

Während man also auf der Bühne einzigartige Performances erleben kann, wobei kleine Versprecher auch manchmal recht charmant oder auch belebend wirken können, sind mehr und mehr Slammer bestrebt, ihre Werke auch in eine Struktur zu bringen und diese zu fixieren in Form von Veröffentlichungen. Dazu bietet die kulturelle Plattform von Periplaneta nicht nur ihr Studio an, sondern in der recht jungen Edition Mundwerk werden Texte in Buchform herausgegeben, die meist von einer CD begleitet sind. Gleichzeitig steht diese aber auch für sich, da es zwischen beiden Medien maximal einige Überschneidungen gibt. Den Live-Auftritt ersetzen solche Werke zwar nicht, aber man kann sich zu hause zurücklehnen, nachdem man das 13,5 x 13,5 cm-Quadrat aus dem Regal gezogen hat, und sich an einen der wunderbaren Slams erinnern oder ihn einfach in Ruhe neu für sich erleben oder entdecken.

Von Katrin Rösler

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