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Von Menschen, Schaben und Gletscherflöhen

Wenn die Natur die Heizung abdreht.

Im Frozen-Fantasy Roman von Robert-Christian Scheel verfallen die Bewohner der kleinen Stadt Blauheim in einen unerklärlichen Winterschlaf. Für Menschen ist solch ein Zustand völlig untypisch und evolutionsbiologisch nicht vorgesehen – schließlich entwickelte sich der Homo Sapiens im warmen Afrika.
Leider wanderten unsere Vorfahren irgendwann auch nach Norden aus – und nun sitzen wir hier, mit Schal und Wärmflasche und flirten wegen des UV-Mangels mit unseren Schreibtischlampen.

Säugetiere wie wir und Vögel sind in der Regel homoiotherme Wesen. Ihr Körper tut alles dafür, um eine relativ konstante Temperatur  zu halten. Deshalb bibbern und zittern wir, kochen wie die Bekloppten Tee und trinken eimerweise Glühwein.
Haselmäuse, Igel oder Bären verfallen dagegen in Winterschlaf, schränken ihre Körperfunktionen um 90% ein und verbrauchen ihre Fettreserven. Ein Murmeltier atmet zum Beispiel nur noch einmal alle fünf Minuten.


Die meisten Lebewesen auf der Erde sind allerdings wechselwarm. Bei Amphibien, Reptilien und Insekten hängt die Körpertemperatur allein von der Außentemperatur ab und wenn es zu kalt ist, verfallen sie in Kältestarre. Weil dann gar nichts mehr geht, brauchen sie aber auch keine Fettpolster für den Winter.

Müdes Gähnen auch bei unseren Schaben im Terrarium: Die periplaneta americana Hörnchen, Staufenberg II, St. Martin, Balu und Co fühlen sich bei unter 20° C einfach nicht fit. Wenn sie nicht direkt an der Heizung stehen, lassen sie die Fühler hängen.
Wie machen das eigentlich jene, die keine domestizierten Wohlstands-Insekten mit Zentralheizung sind? Meine verwöhnten Sunnyboys würden keine Stunde bei den Minusgraden da draußen überleben. Ihre Körperflüssigkeit würde gefrieren und durch die Bildung von Eiskristallen würden die Zellen zerplatzen.

Um dem zu entgehen, produzieren einige heimische Insekten, wie zum Beispiel der Marienkäfer, interne Frostschutzmittel wie Glycerin oder Saccharide, die den Gefrierpunkt von Wasser herabsetzen. In manchen Insektenlarven steigt im Winter der Glyceringehalt sogar auf 20% an und sie können bis zu -20°C locker überstehen. Das alleine reicht aber nicht immer und so krabbeln die Kleinen in Ritzen, unter Moose oder in wachsisolierte Knospen.

Die „High Society“ der Insekten zieht dagegen in ein Hotel. Blattläuse lassen sich von bestimmten Ameisenarten in ihren unterirdischen Winterbau tragen, in dem es längst nicht so kalt ist, wie in der ameisenhügligen Sommerresidenz. Dort halten alle gemeinsam Kältestarre. Sobald im Frühling die ersten Blätter wieder sprießen, gehen die Ameisen mit ihren Gästen sofort nach draußen. Diese fressen dann das frische Grün und scheiden den begehrten, zuckrigen Honigtau aus. Für die Ameisen ist dies dann das erste Picknick des Jahres.

Bienen hingegen sind die einzigen Insekten, die im Winter selbst Wärme erzeugen und damit das Überleben ihres Staates sichern. Durch ihre Flügelmuskulatur erzeugen sie Wärme und es bleibt bei kuschligen 20°C im Stock. Das ist natürlich ein riesiger energetischer Aufwand, den Wespen und Hornissen dadurch verhindern, dass fast alle beim ersten Kälteeinbruch sterben (Sterben ist eine recht einfache Lösung für dieses Problem…). Nur die begatteten Jungköniginnen überleben und suchen sich ein passendes Plätzchen für ihre sogenannte Diapause. Dieses Plätzchen kann überall sein, nur eben nicht im alten Nest. Verständlich, wenn man bedenkt, was da nach dem Winter alles rumgammelt…

Doch es gibt auch Insekten, die erst so richtig in Fahrt geraten, wenn es klirrend kalt ist: zum Beispiel der winzige Gletscherfloh. Er ernährt sich von Algen, die auf Schnee wachsen, gehört zu den flügellosen Urinsekten und ist eigentlich gar kein Floh, sondern ein Springschwanz. Sein Temperaturoptimum liegt zwischen +5° und -4° C und Temperaturen über 12°C sind tödlich für ihn. Er ist trotz seiner geringen Größe von nur 2 mm ein wahrer Wintersportler und wandert in der Gruppe und in der Stunde 3 Meter vorwärts. Wenn er auf seiner Reise durch die Alpen mal nach oben sähe, fielen ihm womöglich einige Wanderfalter auf. Das Taubenschwänzchen ist ein Zugfalter, der lieber in nur 14 Tagen bis zu 3.000 Kilometer bewältigt, als sich im kalten Deutschland den Rüssel abzufrieren. Das halte ich für völlig verständlich.

Manche können sich allerdings den Winterurlaub in Italien nicht leisten und sind auch sonst nicht gerade winterfest ausgestattet. Die hübschen grünen Florfliegen und die Schwebfliegen suchen Asyl, wenn sie sich im Keller oder Dachboden verirren. Ihr Überleben ist davon abhängig, ob sie drin bleiben und ungestört auf ein baldiges Ende der kalten Jahreszeit warten dürfen.

Also: Licht aus, leise sein und bitte nicht wecken 😉

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