Veröffentlicht am 1 Kommentar

Theresa Rath “Ich schreibe also bin ich”

Theresa Rath

Interview mit der Autorin von “Die Ketten, die uns halten”.

Periplaneta Verlag ist jung, und das nicht nur im Bezug auf seine erst fünfjährige Existenz. Nicht nur in der Lesebühnen-Edition Mundwerk sind es vor allem Werke junger Autoren, die wir veröffentlichen. Und die Werke junger Autorinnen. Bemerkenswert ist, dass die jüngste im Bunde nun bereits ihr zweites Buch am Start hat. Theresa Rath ist Jahrgang 1991, gewann bereits 2007 den “Eigenartig Award” und bekam 2008 ein Förderstipendium des Kulturamts Düsseldorf. Durch eine Empfehlung der Schriftstellerin Pamela Granderath kam sie 2009 zum Periplaneta Verlag und veröffentlichte den Gedichtband “Kleines Mädchen mit Hut”.
Mit “Die Ketten, die uns halten” ist Theresa Raths erster Kurzgeschichtenband erschienen. Das Buch enthält 26 Erzählungen, diverse Gedichte und die erste, von ihr selbst eingesprochene CD.

Nadine Heßdörfer hat sich mit der mittlerweile in Berlin wohnenden Autorin im Schillerpark getroffen und mit ihr über ihre literarischen Ambitionen und ihr Menschenbild gesprochen.

Theresa RathNach deinem Lyrik-Band ist nun eine Kurzgeschichtensammlung von dir erschienen. War es für dich die logische Konsequenz? Oder hat sich konkret etwas in deinem literarischen Schaffen verändert?
TR: Die logische Konsequenz war es nicht. Ich schreibe nach wie vor sowohl Gedichte als auch Geschichten. So ist in „Die Ketten, die uns halten“ auch jeder Geschichte ein Gedicht vorangestellt. Für mich sind Geschichten und Gedichte zwei völlig unterschiedliche Arten des Ausdrucks, derer ich mich jeweils gerne bediene. Gedichte sind emotionaler und direkter, während ich in Kurzgeschichten genauere und weniger unmittelbare Analysen anstelle. Ich ziehe nicht das eine dem anderen vor, es gab nur seit ich schreibe immer wieder Phasen in denen das eine jeweils mehr meinen Zwecken diente als das andere. Im Moment sind es vielleicht eher die Geschichten, aber ich habe seit der Veröffentlichung meines Gedichtbandes auch wieder etliche Gedichte geschrieben. Ich wollte gerne etwas Neues ausprobieren und zeigen, dass ich nicht nur Lyrikerin bin.

„Gefangen in Sehnsüchten und eingerichtet in Abhängigkeiten“, das gilt für die meisten deiner Protagonisten. Was glaubst du sind für den Menschen die schwersten Ketten, die ihn (zurück)halten?


TR: Diese „Ketten“ liegen in den Menschen selbst begründet. So ist es auch bei meinen Protagonisten: Sie hält nichts, was von Außen kommt. Es sind ihre eigenen Abgründe, in die sie fallen oder sich fallen lassen. Angst, Bequemlichkeit, ein innerliches Verlangen nach Zerstörung. Für mich ist besonders wichtig, dass sie keine Opfer sind, es sei denn ihrer selbst.

Was bedeutet das Schreiben für dich?
TR: Schreiben ist für mich ein Weg, mich selbst und die Situationen, in denen ich mich befinde, zu reflektieren. Es gelingt mir dadurch besser, etwas zu begreifen, das ich ansonsten nur erahne und mir nicht erklären kann. Ich werde mir dadurch klarer über mich und meine Umgebung und gelange zu mir selbst. Außerdem ist es ein Ventil für Gefühle. Im Schreiben kann ich all das tun, was im wirklichen Leben zu destruktiv ist. 

Heißt das, du brauchst das Schreiben, um klare Gedanken zu fassen und dich deiner Gefühle zu vergewissern?
TR: Ja, und außerdem kann ich durch das Schreiben auch akzeptieren, dass man viele Dinge nicht genau sagen kann. Vieles ist ungreifbar, aber indem ich trotzdem versuche, es zu formulieren, kann ich es irgendwie in dieser Ungreifbarkeit annehmen und fühle mich nicht mehr so verwirrt, wie wenn ich nicht versuchen würde, es auf den Punkt zu bringen. Ich denke dabei immer an Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Darin hat Musil so wunderbar beschrieben, wie Törleß die Größe der Welt ahnt und fühlt, dass sie über menschliches Verständnis hinausgeht. Wenn ich schreibe, ist mein Ziel nicht mehr, zu verstehen, sondern ich falle in eine gewisse Demut vor dem Unverständnis.

Das kann ich gut nachvollziehen. Gerade auch in „Die Ketten, die uns halten“ beschreibst du in den Theresa Ratheinzelnen Geschichten besonders intensiv die Gefühle der Figuren und versuchst deren Innensicht mit allen Verwirrungen, Zweifeln und auch dem Unverständlichen zu zeigen.  


TR: Gefühle sind vermutlich das Komplizierteste, womit wir uns beschäftigen können. Es reicht nicht, zu sagen, jemand war traurig oder wütend, denn das trifft es nicht. Ich nehme mir Zeit, die Gefühle meiner Protagonisten zu beschreiben und arbeite viel mit Metaphern und einzelnen Ausführungen, welche die Situation des Charakters besser darstellen als ein entleertes Adjektiv. Ich hoffe, dass der Leser eine Ahnung bekommt von dem, was ich meine. Am besten wäre es natürlich, dasselbe Gefühl, das ich beschreibe, auch in seiner Vorstellung hervorzurufen.

„Wir haben (keine) Angst“, so hieß das Buch, das die Autorin und Journalistin Nina Pauer im vergangenen Jahr über die Empfindungen und Ängste einer jungen Generation geschrieben hat. Einer Generation, die zwischen Zweifeln, Angst und Selbstverwirklichung und vollkommener Überschätzung taumelt. Viele junge Menschen leiden unter einem enormen Leistungsdruck, sind gestresst und haben Angst sich falsch zu entscheiden. Auch du sprichst diese Themen an, sei es in der Geschichte der jungen Juristin, die sich entscheidet für die Karriere (fast) alles aufzugeben oder im Leben eines jungen Mädchens, das geliebt werden will und sich dafür zu Tode hungert. Was macht dir Angst? Siehst du denn auch eine problematische Entwicklung in deiner Generation?



TR: Ich glaube, Angst ist ein zentrales Thema in unserer Gesellschaft. Jedenfalls ist sie das in meinem Leben. Ich Theresa Rathdenke, die meisten Menschen fühlen nicht mehr, wenn sie Angst haben, weil es ein unerwünschtes Gefühl ist in einer Welt, in der man den anderen als urteilenden Beobachter wahrnimmt. Aber in Wirklichkeit ist fast alles von ihr kontrolliert. Manchmal habe ich den Eindruck, wir verlieren unser Selbstgefühl und definieren uns nur noch nach den Rückmeldungen, die von außen kommen. Ein solches „Selbst“ kann nicht stabil sein und weht wie das Fähnchen im Winde. Natürlich hat man da Angst. Auch mir macht vieles Angst, aber die konkreten Dinge sind alle nebensächlich. Ich glaube, im Endeffekt fürchte ich, ich könnte meiner selbst beraubt werden – durch Krankheit, Verlust, Zeitmangel oder Gewohnheit. Denn nur solange man sich auf sich selbst verlassen kann, braucht man nichts zu fürchten. Aber wenn man es nicht mehr kann, dann folgt ein Fall ins Nichts.

In welchen Phasen schreibst du am meisten? Oder gehörst du zu den Autoren, die sich gewissenhaft zu bestimmten Uhrzeiten hinsetzen und die leeren Seiten füllen?
TR: Ich schreibe nicht regelmäßig. Ich studiere Jura und momentan habe ich wenig Ruhe, um etwas aufs Papier zu bringen. Aber ich wünsche mir, etwas regelmäßiger zu schreiben. Aber selbst wenn ich nicht schreibe, bin ich irgendwie immer mit Geschichten beschäftigt. Manchmal müssen sie erst reifen, bis ich sie irgendwann zu einer anderen Zeit aufschreiben kann. Das liegt daran, dass ich mich beim Schreiben mit Themen  beschäftige, die für mich zu dem jeweiligen Zeitpunkt relevant sind. Ich entwickle mich darüber. Daher schreibe ich oft gewissermaßen abschließend zu einer Entwicklung.


Gerade auch in deinem Jura-Studium hast du viel mit Texten zu tun. Nerven dich nicht manchmal die unglaublich mühsam zu durchblickenden Gesetzestexte in ihrer so eigenen Sprache? Oder ist das gerade eine Herausforderung für dich?
TR: Ich mag die deutsche Sprache sehr und es gefällt mir, mich mit ihr zu beschäftigen. Die juristische Sprache versucht sich in einer Präzision, die herausfordert. Insbesondere aufgrund ihrer Fehlerhaftigkeit, denn Sprache schafft es einfach nicht, präzise zu sein. Ich würde nicht sagen, dass die Texte mich nerven. Gerade die juristische Sprache hat etwas Schönes, da sie so vergeistigt ist. Ich denke, mich nerven manchmal eher die Inhalte, da es im Studium eben Themen gibt, die ich einfach nicht interessant finde. Aber selbst mit diesen kann ich mich anfreunden, wenn ich den Blick von ihnen weg und auf das dahinter stehende System wende. Und dabei hilft die Sprache viel.

Du hast einmal gesagt, du schreibst seit du einen Stift halten kannst. Also um was ging es denn in deiner ersten Geschichte?
TR: Meine erste Kurzgeschichte schrieb ich mit sechs Jahren. Ich war damals ein schüchternes Mädchen, das sich schlecht zur Wehr setzen konnte, und kränkelte häufig. Daher ging es in der Geschichte um ein kleines Mädchen, das mit einer Freundin mit Playmobil spielte. Und dann wollte die Freundin das Spiel bestimmen und das kleine Mädchen schaffte es nicht, sich durchzusetzen. Und am Ende des Nachmittags spürte es plötzlich, dass es eine Erkältung bekam. Ich denke, die Handlung ist überarbeitungsbedürftig.

Und was hast du literarisch als nächstes vor?
TR: Als nächstes würde ich gerne eine Novelle schreiben. Für mich ist es ein stufenartiger Aufbau: erst Gedichte, dann Kurzgeschichten, jetzt soll etwas längeres folgen. Für einen Roman fühle ich mich zu jung, da ich kein Thema lange durchhalte. Ich verändere mich noch zu schnell. Aber ich denke, ich könnte es schaffen, eine längere Geschichte zu schreiben. Mich würde es reizen, einen Charakter einmal richtig intensiv kennenzulernen. In Kurzgeschichten ist es wichtig, dass die Personen nur wenige Eigenschaften haben. Sie werden nur skizziert. Jetzt würde ich gerne ein lebensechtes Portrait schaffen.

Ich danke dir für das Gespräch.

www.theresa-rath.com

Nadine Heßdörfer
(Bilder: Nadine Heßdörfer & Gert Schober)

1 Gedanke zu „Theresa Rath “Ich schreibe also bin ich”

Schreibe einen Kommentar