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ZEBRA Poetry Film Festival

Poesie ist manchmal schön anzusehen

Oh ja, die Lyrik hat es bekanntlich sehr schwer. Sie gilt als kopflastig, schwer verdaulich und vor allem wenig unterhaltsam. Die Berliner Literaturwerkstatt hat mit ihrem äußerst abwechslungsreichen Programm beim diesjährigen Poesiefestival einfallsreich versucht, den Staub von der Lyrik zu klopfen. Neben Veranstaltungen zu Graffiti-Wandgedichten und Sprechkonzerten gab es auch etwas für die Augen. Bei der Nacht des Poesiefilms in der Akademie der Künste wurde gezeigt, wie verschiedene Künstler Gedichte visuell umsetzen.

Eigentlich ein spannendes Thema, wäre da nicht der gefeierte Brasilianische Videokünstler André Vallias gewesen, der mit seinen fast schon zahllosen Poesiefilmen einen Großteil des Programms bestritten hätte. Vallias eröffnete den jeweiligen Film mit dem Vortrag des dazugehörigen Gedichtes – und gleich bei dem ersten Gedicht „Beschwörung durch Lachen“ (von Velemir Chlebnikov) war klar, dass der Zuschauer in den nächsten gefühlten zehn Stunden nichts zu Lachen habe würde. Vom Autor ehemals als Aufforderung zum Frohsinn gedacht, wurde aber Lachen aus dem Publikum mit bösen Blicken beäugt. Das anschließende Video, sowie auch die folgenden, hatten durchgehend alle ein sehr reduziertes, graphisches Konzept. Konsequent und unbarmherzig legte Vallias dar, was man mit zahlreichen Filtern und Schriften alles so machen kann – und ja, er hat viele Filter, sehr viele Filter! Einzoomen, auszoomen, durchscheinend machen, Schriftfarbe verändern, Farbspektren austauschen, Objekte drehen, einzoomen, auszoomen und nochmal von vorn….

Nachdem man fast davon überzeugt war, dass man irgendwie doch durch einen blöden Zufall in einer Verkaufsveranstaltung für eine Bildbearbeitungs-Software gelandet war, beendete der Brasilianer sein Programm und der Abend nahm eine ungeahnt unterhaltsame Wendung. Gezeigt wurden drei Gewinnerfilme des letzten ZEBRA Poetry Film Festivals. Von den Videoclips des ersten Programmteils geradezu in eine lyrische Aversion getrieben, waren diese unerwartet unverkrampft, geistreich und kurzweilig – also genau das, was man der Poesie nicht unbedingt andichtet.

Die Ode an ein zwangloses, selbstbestimmtes Leben „Just say no to family values“ wurde glaubhaft interpretiert von dem damals 69jährigen Performancekünstler John Giorno, „One person/Lucy“ ist ein visuell brillant umgesetztes Gedicht zum Thema Sterben und bei der modernen, judendkompatiblen Variante des „Oedipus“ wird in Reimen onaniert bis der Vater stirbt. Kein Witz! Wer sich davon überzeugen will, kann gern hier nachsehen.

In Vorausblick auf das 4. ZEBRA Poetry Film Festival im Oktober wurden auch einige Filme von den über 1000 Zusendungen gezeigt, die nach ersten Quersichtungen den Veranstaltern positiv heraus gestochen sind. Die Vielfalt und die Umsetzung der einzelnen Clips war schlichtweg beeindruckend, es gab PoetryClips für Kinder, etwas für TOOL-Ästhetiker, SM-Gedichte mit einem schwulen Chatter oder auch darüber, wie ein kleiner Computervirus die Welt rettet. Und man sah sehr oft im Abspann, dass mittlerweile große Institutionen viel Geld für solche Projekte ausgeben, dass sie also auch im wirtschaftlichen Sinn als Werbeplattform interessant werden.

Auch Periplaneta hat einen PoetryClip-Beitrag für das Festival im Oktober abgegeben. Dabei sein ist alles! Selbst wenn unsere Käfer nicht die Leinwand erobern sollten, so hat der Abend an der Akademie gezeigt, dass sich ein Besuch des Festivals garantiert lohnen wird. Vielleicht hat die Lyrik doch noch das Zeug dazu, Massen zu begeistern. Bei dieser Programmgestaltung könnte man das fast hoffen.

Von Marion Alexa Müller

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