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Die Heimat ist das „Nippelgate“ der Deutschen

Zerbolesch, Hank

Interview mit Hank Zerbolesch.

„Rausch-Hour“ ist das erste Werk von Hank Zerbolesch in der Edition MundWerk bei Periplaneta. Sein Protagonist ist ein selbsternannter Protestpisser, der gegen alles und jeden rebelliert. Ständig sucht dieser nach dem nächsten Kick und den nächsten Stein des Anstoßes. Sarah Strehle sprach mit dem Wuppertaler Poetry Slammer über bewusstseinserweiternde Substanzen, Heimat, Nippel, Prohibition und Thilo Sarrazin.

Würde man jetzt eine Urinprobe von dir nehmen, was würde man dann herausfinden?

Hank Zerbolesch: Dass ich ein unglaublicher Langweiler bin, weil sich mein Flüssigkeitskonsum der letzten 12 Stunden auf zwei Kaffees, ein Glas O-Saft, drei Wasser und zwei Red Bull beschränkt.

Trotzdem ist Rausch das zentrale Thema deines Buchs. Wie definierst du denn Rausch?

H. Z.: Rausch ist das, was den Kopf dazu bringt, die Fresse zu halten. Und das beinhaltet nicht bloß bewusstseinserweiternde Substanzen. Wut zum Beispiel ist auch eine Art von Rausch. Wenn sich die Halsschlagader so weit aus dem Hals presst, dass du damit einen Nagel in der Wand versenken kannst, knipst das auch alles andere aus.

Stimmt, wenn es um die Meinungsfreiheit geht, drehst du in deinen Texten ganz schön auf – allerdings auch im Zusammenhang mit Personen wie Thilo Sarrazin oder Bands wie Frei.Wild. Wie kommt das? Bist du Fan besagter Menschen?

H.Z.: Ich persönlich halte Sarrazin für einen arroganten, kleinen Banker, der als Kind zu heiß gebadet wurde. Ich hab seine Bücher nicht gelesen. Aber das, was ich durch die Presse – und mit Presse meine ich keine Revolverblätter – mitbekommen habe, bündelt enorm viel Magensäure in meinem Rachen. Aber das eigentliche Problem ist nicht etwa das, was Herr Sarrazin geschrieben hat, sondern wie die Menschen damit umgehen. Hier wurde ein Mann immer und immer wieder öffentlich an den Pranger gestellt. Und zwar nur, weil er zu bestimmten Themen eine andere Meinung vertritt als die meisten anderen.
Es lässt sich darüber streiten, ob das, was er sagt richtig oder falsch ist. Aber ich darf einfach niemanden für seine Meinung gesellschaftlich ausbluten lassen. Das ist ein freies Land. Und wenn jemand der Meinung ist, dass zu viel Einwanderung schlecht für unser Land ist, dann ist das eine unglaublich dumme Meinung. Aber es ist eben auch eine Meinung. So was musst du als Demokratie einfach aushalten können.
Und was die Sache mit Frei.Wild angeht, wusste ich erst nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Aber dann hat es meinen Puls so schnell in den Orbit geschossen, dass ich gar nicht anders konnte, als meinen Senf dazuzugeben. Du musst dir das mal vorstellen: Da kommt eine Band um die Ecke, nimmt den Begriff „Heimat“ in den Mund, und alle fallen entsetzt von ihrem hohen moralischen Ross, wie die Amis bei Janet Jacksons und Justin Timberlakes „Nipplegate“. Nur dass unsere Brustwarze die Heimat ist. Versteh mich nicht falsch. Wenn jemand der Meinung ist, dass die Band scheiße ist, weil ihm bei der Art von Musik sofort das Frühstück wieder hoch kommt, ist das sein gutes Recht. Wenn das aber jemand tut, nur weil ein Journalist im Fernsehen gesagt hat, dass die Band Fans von Rechts hat, ist das einfach dumm. Weil hier keine Meinung gebildet wurde, sondern lediglich gesellschaftlicher Gruppenzwang seine Anwendung gefunden hat. Und so was hatten wir schon mal.

Rausch-Hour

Das gesamte Werk wirkt sehr autobiographisch. Welcher Text steht dir am nächsten?

H.Z.: Keiner. Eigentlich war alles, was ich bis jetzt gesagt habe, gelogen. In Wahrheit bin ich Pädagoge beim CVJM und kompensiere mit meinen Geschichten nur all die Sachen, die ich gerne mal tun würde.

Und was würdest du tun, wenn sämtliche Drogen wie z.B. in der Zeit der amerikanischen Prohibition verboten werden würden?

H.Z.: Was den Konsum von Drogen angeht, leben wir nach wie vor in Zeiten der Prohibition. Volksvertreter stellen sich über dein Persönlichkeitsrecht und sagen dir, was gut für dich ist und was nicht. Und das mit einer Doppelmoral, die ihresgleichen sucht. Auf der einen Seite steht es dir frei, dich tagtäglich ins Koma zu saufen und auf der anderen Seite wirst du für ’nen Joint kriminalisiert.
Versteh mich nicht falsch. Ich bin kein Verfechter einer bedingungslos offenen Drogenpolitik. Aber ich denke, dass es sich die Regierungen der meisten Länder viel zu einfach machen, wenn sie sagen, dass Drogen das Problem wären. Das ist wie mit Ballerspielen bei Amokläufen. Die Schuld auf die Drogen zu schieben, ist der einfachste Weg Verantwortung outzusourcen.

Wie sieht im Gegenzug deine Gesellschaftsutopie aus?

Zerbolesch, HankH.Z.: Wie es der Zufall so will, schreibe ich gerade an einer Geschichte für das Statementmagazin Clownfisch, die sich mit genau diesem Thema beschäftigt. Es geht um Utopiastadt. Einen Ort, an dem alles möglich ist. Und die Frage: Wie könnte so eine Gesellschaft aussehen?
Meine Gedanken gingen in die Richtung bedingungsloses Grundeinkommen. Was ja per se erst mal ein guter und löblicher Gedanke ist. Aber wie bei den meisten anderen Gesellschaftsformen auch, ist vom Grundgedanken schnell nicht mehr übrig als Schall und Rauch, sobald die Ersten wissen, wie sie die neue Kuh melken können. Und da bietet das bedingungslose Grundeinkommen so unglaublich viele Möglichkeiten. Wer sagt denn zum Beispiel, dass nicht einfach alles teurer wird? Essen, Miete, Benzin, Strom, Gas und so weiter.
Wer mehr Geld braucht, der kann ja zusätzlich arbeiten gehen. Aber wenn doch sowieso jeder genug Geld hat – theoretisch – warum sollte ein Arbeitgeber dann Menschen für etwas bezahlen, das sie ja freiwillig tun?
Das passiert übrigens ständig. Gib mir etwas, das im Kern gut ist, und ich schüttle so lange daran herum, bis nur noch der misanthropische Kaffeesatz übrigbleibt.

Aber du bist zuversichtlich genug, um Teil von Lytropolis zu sein, ein Projekt, das Kunst, Musik und Literatur miteinander verbindet. Wie kann Kunst und Literatur die Gesellschaft verändern?

H.Z.: Gar nicht. Das konnte nicht mal Hemingway. Ich glaube, dass sich der Kunstbetrieb allgemein viel zu wichtig nimmt. Außerdem bedarf es für Aufgaben dieser Größe eine gehörige Portion Altruismus. Und ich kenne nur sehr wenige Künstler, die sich den auf die Fahne schreiben können.

Deine Plattform Podcastpoesie erscheint mir aber sehr altruistisch ambitioniert. Wie kam es denn dazu?

H.Z.: Das Ganze war eine reine Protestpisseraktion. Beim Poetry Slam ist es so, dass du dich den drei goldenen Regeln beugen musst: Es gibt eine Zeitvorgabe, Requisiten sind untersagt und Texte müssen selbstgeschrieben sein.
Und ich habe oft gesehen, wie Slammer ihre Texte so schnell durch ein Fünf-Minuten-Fenster prügeln mussten, dass mindestens die Hälfte unterwegs verlorenging. Was nicht heißen soll, dass ich Poetry Slam per se Scheiße finde. Das tu ich ganz bestimmt nicht. Sonst würde ich meine Zeit anderweitig vergeuden. Aber ich fand das einfach so unglaublich starr. Was sich auch auf das Publikum auswirkt.
Man sagt zwar immer, dass sich alle möglichen Gesellschaftsschichten beim Slam tummeln – junge, alte, schlaue, dumme und so weiter – aber das ist meiner Erfahrung nach nicht so ganz richtig. Der Großteil besteht eben nach wie vor aus Studenten. Und weil ich der Meinung bin, dass Poetry Slam etwas ist, das auch andere Zielgruppen interessieren könnte, habe ich ein paar Leute gesucht, die Bock hatten, das Ganze mal in einen neuen Rahmen zu tragen. Und daraus wurde die Podcastpoesie. Hier kann sich jeder Autor so viel Zeit beim Lesen lassen, wie er möchte. Es gibt keinen Wettbewerbsdruck und wenn du willst, schmücken wir das Ganze mit Atmo aus. Oder mit Mucke. Oder mischen beides.
Das ist die offizielle Geschichte. Inoffiziell war mir einfach nur langweilig.

Am Anfang von all dem stand „Notes of a Dirty Old Man“ von Charles Bukowski, dein erstes freiwillig gelesenes Buch. Wie gelangte es überhaupt in deine Hände?

H.Z.: Das war auf irgendeiner Afterhour. Wir saßen im Wohnzimmer eines äußerst fragwürdigen Typen und mir war die ganze Situation nicht recht geheuer. Also haben sich meine Finger das Erstbeste geschnappt, das sie finden konnten. Und das war eben Bukowskis „Notes of a Dirty Old Man“. Ich weiß noch, wie ich mir den Kerl, dem das Buch gehörte, angesehen und mich gefragt habe, wer dem daraus vorlesen würde.
Dann hab ich angefangen, darin rumzublättern. Bis zu dem Tag war ich der Meinung, dass Bücher etwas für Klugscheißer und Menschen mit Flicken am Jackett sind. Aber als ich anfing zu lesen, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich hatte das Gefühl, dass es keinen Unterschied machen würde, ob ich jetzt weiterlesen oder einfach meiner Umgebung zuhören würde. Das hat mich beeindruckt. Der Kerl war echt. Ohne großes Rumgeschwafel. Auf den Punkt. Das war der Anfang vom Ende.

Und wie sieht es mit zukünftigen Projekten aus?

H.Z.: Aktuell arbeite ich an meinem ersten Roman, der sich mit dem Thema Scheitern beschäftigt. Und ich sage bewusst arbeiten, weil es eine Sache ist, einen fünfminütigen Poetry-Slam-Text aufs Papier zu bringen, und eine ganz andere, sich über einen längeren Zeitraum einer Sache zu verschreiben, die deines ganzen Herzbluts bedarf.
Außerdem suche ich gerade nach einem Weg, Literatur und Techno auf eine Weise zu kombinieren, die Menschen aus dem einen Bereich gierig auf den anderen werden lässt. Denn diese beiden Sachen haben große Fußspuren in meinem Leben hinterlassen. Und außer Airen’s „Strobo“ ist da genremixtechnisch noch nicht viel Authentisches passiert.
Und dann ist da noch das Ziel, die neue Werbeikone für Butzelmann zu werden. Das steht gerade ganz weit oben auf meiner To-do-Liste.

Hank, vielen Dank für das Interview!LBM2014
Das Interview führte Sarah Strehle.
Die Bilder stammen von Sven Pacher.
Hank Zerbolesch ist Autor auf der Leipziger Buchmesse 2014.