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Tödliche Weihnachten

Mehr Liebe, mehr Geschenke, mehr Umsatz, mehr Herzinfarkte.

Weihnachten ist das Fest der Liebe und Besinnlichkeit. Frieden auf Erden und Harmonie in den Herzen. Es geht nicht um Geschenke und Geld, die Kleinigkeiten sind entscheidend. Eine helfende Hand, eine selbstgebastelte Karte, liebe Worte, … jetzt steht das Miteinander im Vordergrund.
Oder?!?!

Timmy kennt den WeihnachtsmannAuch dieses Weihnachten werden Familien vor dem geschmückten Baum stehen und Kinder werden die Geschenke abzählen. Enttäuschte Aussagen wie „Letztes Jahr waren es mehr!“ und „Ich wollte aber ein PS4“ trüben die feierliche Stimmung. Dann schalten sich die Großeltern ein und erzählen von Früher, als sie nichts hatten und sich noch über Orangen und Nüsse gefreut haben. Das hat aber scheinbar noch nie ein Kind getröstet.
Denn im eingeschneiten London des Jahres 1840 spielt die Geschichte „Timmy kennt den Weihnachtsmann“ von Christian von Aster. Alles, was sich der kleine Timmy wünscht, ist ein stattliches Holzpferdchen. Doch er bekommt vom Weihnachtsmann nur ein winziges Päckchen: einen ollen Holzkreisel. Den haben sich die Eltern sozusagen vom Munde abgespart. Trotzdem ist seine Enttäuschung groß. Er wird im darauffolgenden Jahr bereits ab Januar die ganze Zeit darauf hinarbeiten, dass das nächste Weihnachtsgeschenk nicht auch wieder so armselig ausfällt.

Heutzutage beginnen erst im Juli die ersten Vorbereitungen. Über 9.000 Tonnen Schokolade werden jährlich zu rund 150 Millionen Nikoläusen verarbeitet. Damit kommt der weihnachtliche Schokoladenhohlkörper aber trotzdem nur auf Platz zwei. Sieger bleibt der Osterhase.

Ab September fokussiert sich der Einzelhandel auf das Weihnachtsgeschäft. Im Fernsehen nimmt die Frequenz der Spielzeugwerbungen zu. Da ist es nicht verwunderlich, dass Kinder bereits im Oktober ihren Wunschzettel schon fast voll haben. Und wenn dann ab dem ersten Advent noch mal richtig Gas gegeben wird, es von jeder Ecke schallt „Die neue PS4! Der neue sprechende R2D2, der jetzt auch im Dunkeln leuchtet!“, wird der Zettel bis in die letzte Ecke vollgeschrieben.
Mit Weihnachtsgeschenken erwirtschaftet der Handel bis zu 25 Prozent des kompletten Jahresumsatzes – und das sind immerhin knapp über 80  Milliarden Euro.
Noch mehr anteiligen Jahresumsatz – nämlich 100 Prozent – machen die Glühweinstände. In nur vier Wochen kann ein standortoptimierter Glühweinstand 100.000 Euro einbringen, zehnmal mehr als eine vergleichbare Bude mit Christbaumschmuck. Aus solchen Zahlen lassen sich durchaus Prioritäten ableiten.

Auch energetisch gesehen ist die Weihnachtszeit ein Komplettdesaster. Im Dezember werden rund 500 Millionen Kilowattstunden Strom zusätzlich verbraucht, was einem Jahresstromverbrauch von 140.000 Haushalten entspricht. Außerdem werden laut Hamburger Abendblatt in der Adventszeit bis zu 15 Millionen Päckchen täglich (!) verschickt; und sie werden alle in spritfressenden LKW von A nach B transportiert. Von dem zusätzlich anfallenden Verpackungsmüll wollen wir gar nicht erst anfangen. Und von den fast 30 Millionen abgeholzten Weihnachtsbäumen auch nicht. Die Ökobilanz unseres Lieblingsfestes ist jedenfalls denkbar schlecht.

Klimawandelgegner müssten eigentlich Amok laufen, wenn sie nicht selbst so im Weihnachtsstress wären. Mehr Plätzchen, mehr Familie, mehr Geschenke. Der Druck, die Erwartungen der Familie zu erfüllen, ist groß und wenn man dann auch noch unliebsame Verwandte treffen muss,  führt das zu höchst weihnachtlicher Frustration. Dem Umsatzplus der Händler stehen finanzielle und seelische Krisen der Kunden gegenüber. Kein Wunder, dass nur noch jeder Vierte die Weihnachtszeit als erholsam empfindet.
Vor allem an den Feiertagen steht dann nicht der Weihnachtsmann, sondern der mit der Sense vor der Tür. Die Erfahrungen werden von deutschen Kliniken geteilt, konkrete Zahlen gibt es aber nur aus den USA. Laut Spiegel Online zeigen die Kurven für natürlich Todesfälle pünktlich zu Weihnachten und Neujahr tannennadelscharfe Spitzen.

Vielleicht wäre es ja ratsam, sich all dem zu entziehen und seine Lieben bereits im Sommer mit Geschenken zu bedenken. Ab September kommt ein „Bitte keine Werbung“ an den Briefkasten und der Fernseher wird verbannt.
In der besinnlichen Zeit bleibt man lieber zuhause, bei ein paar Plätzchen und heißen Kakao, und liest ein gutes Buch. Bücher sind schließlich auch aus Bäumen und sie nadeln nicht den Teppichboden voll. Zu empfehlen wäre da die Geschichte von Timmy, der den Weihnachtsmann kennt. Der beschließt nämlich, sein nächstes Weihnachten selbst zu retten und die Konsequenzen sind – nun sagen wir mal – auch nicht immer lebensbejahend. 😉