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Das Problem ist der Mensch.

Interview mit Hank Zerbolesch.

„RAW“ ist literarischer Rap: Schonungslos, direkt und ehrlich. Genau so, wie wir Hank Zerbolesch schon in seinen vorherigen Werken kennengelernt haben. Sehr bildgewaltig und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, schreibt er Geschichten, die von Eskalation, Rebellion, Gewalt und Drogenmissbrauch handeln. Warum schreibt man über so etwas? Und wie fühlt man sich dabei? Darüber und was seiner Meinung nach das größte Problem der heutigen Gesellschaft ist, haben wir uns mit dem Autor unterhalten.

Warum tun Menschen, was sie tun?

Das ist ein bisschen wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Was war zuerst da? Der agierende Mensch oder der reagierende? Nach der Arbeit an RAW tendiere ich zu Letzterem. Nehmen wir mal das Beispiel Bosheit. Ich glaube, dass niemand auf die Welt kommt und per se böse ist. Das sind immer Reaktionen auf das (menschliche) Umfeld.
Menschen tun, was sie tun, weil sie jemand dazu zwingt. Der freie Wille ist was für Leute, die ihre Kreditkarten zerschneiden und dann im Wald leben. Für alle anderen gilt: Ihr seid ein gesellschaftliches Perpetuum Mobile.

Was ist deiner Meinung nach das schlimmste Problem unserer heutigen Gesellschaft und wie würdest du es bekämpfen wollen?

Das schlimmste Problem unserer Gesellschaft ist der Mensch. Nicht der Mensch an sich, sondern einfach die Menge. Ich glaube, ab drei Menschen ist die kritische Masse erreicht. Bei zweien kriegt man noch so was wie Harmonie hin, aber ab dem dritten wird’s schwierig.
Bekämpfen lässt sich das aber nur bedingt. Du kannst ja nicht einfach alle Menschen umbringen. Wobei … kannst du schon, dann stellt sich nur die Frage nach dem Mehrwert.
Nein, eine Lösung für das Problem Mensch hab ich nicht. Und ich glaube auch nicht, dass es das gibt. Aber mit ein paar Grad mehr an Erderwärmung löst sich das sowieso bald von selbst.

Einige der Geschichten lösen beim Lesen Beklemmungen aus. Wie ging es dir beim Schreiben?

Ähnlich wie dir beim Lesen. Ab dem ersten Korrekturdurchgang musste ich häufig den ganzen Zynismus wieder aus den Geschichten herauskratzen. Ich hab dann irgendwann festgestellt, dass das mit der Häme so eine Art Abwehrreaktion ist, wenn mir die ganze Nummer zu viel wurde. Bei manchen Kapiteln hab ich echt lange mit mir gehadert. „Kann ich das so lassen? Was hat die Nummer für einen Mehrwert? Betreibe ich hier gesellschaftlichen Splatter? Geht’s hier nur um das Tabu? Was soll der Scheiß?“ Aber allein aus der Intention heraus, die Geschichte nicht zu erzählen, nur weil sie mir und sehr wahrscheinlich sogar allen anderen aufstößt, das hat mich dann dazu gebracht, die Kapitel gerade deswegen drin zu lassen. Denn wenn ich bei RAW schon Hemmungen habe so was anzusprechen … wer macht das dann?

Es handelt ja eigentlich nur von Themen, über die in unserer Gesellschaft kaum jemand spricht. Warum schreibst du darüber?

Gegenfrage: Warum gibt es überhaupt noch Tabuthemen? Wieso zum Beispiel redet niemand über die Arbeit von Soldaten? Was machen die den ganzen Tag? Was bewegt die? Das waren Fragen, auf die ich bei der Recherche gestoßen bin. Wie kann es sein, dass es hier bei uns Menschen gibt, die für den Schutz anderer Menschen bewusst ihr Leben aufs Spiel setzen, und die dann hier gesellschaftlich überhaupt nicht stattfinden? Wenn Künstler wie Otto Waalkes – und der ist jetzt nur exemplarisch – mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden, berichtet jedes Medium darüber. Wann hat irgendwer zuletzt irgendetwas Positives über Soldaten der Bundeswehr gesehen oder gelesen? Mir fehlt da einfach die Relation in der Berichterstattung.
Würde man sich damit auseinandersetzen – mit der Institution Bundeswehr, mit dem Berufsbild Soldat und mit all dem anderen, was da ethisch noch so dranhängt –, würde man schnell merken, dass das alles viel zu komplex ist für ein Klares: „Der ist gut und der ist böse.“ Damit wir von dieser Komplexität nicht überrollt werden, schieben wir diese Sachen beiseite. Wenn wir nicht darüber reden, dann gibt’s das auch nicht. Dieser Verdrängungsmechanismus bringt uns zwar heile durch den Tag, nur kommt da mittelfristig das Mitgefühl unter die Räder. Und dagegen schreibe ich in RAW an. Für mehr Empathie. Und wenn’s sein muss eben auch mit Soldaten.

Hank Zerbolesch 2016 periplaneta

Drogen sind ein wiederkehrendes Motiv in deinen Geschichten. Wie könnte man deren Missbrauch stoppen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Konsum von Drogen nur ein Symptom ist. Eine Reaktion auf etwas, das in der Gesellschaft nicht in Ordnung ist. Die beste Suchtprävention wäre das Auffinden und Beseitigen von gesellschaftlichen Schwachstellen. Und wenn du das durchziehst, bleiben irgendwann nur noch die übrig, die einfach Bock auf einen gepflegten Rausch haben. Jemand, der sich nicht abschießt, um zu vergessen. Bei dem ist die Wahrscheinlichkeit viel geringer süchtig zu werden, einfach weil er nicht flüchtet. Er amüsiert sich nur. Und das wird ja wohl noch erlaubt sein.

„Rapmusik verherrlicht Gewalt und Drogenkonsum“. Klischee, Vorurteil oder die Wahrheit?

Jede Aussage, die pauschalisiert, ist eine Lüge. Das ist wie eine andere Version von: „Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“. Davon ab stimmt die Aussage, dass Rap Gewalt und Drogenkonsum verherrlicht, aber natürlich teilweise auch. Aber wo ist das Problem daran? Überleg doch mal, wie viel du als Gesellschaft gewonnen hast, wenn sich zwei Leute mit Worten bekämpfen, anstatt sich die Fressen blutig zu schlagen. Das ist doch ein Fortschritt: Zwei Menschen bedienen sich a: der Sprache und b: der Kunst, um ein Problem anzugehen. Und wer dann kommt und sagt, dass Rap Gewalt verherrlicht, der hat’s einfach nicht verstanden und sollte weiter Deutschlandradio Kultur hören. Wenn sich Sender und Empfänger auf allen Ebenen über die Nachricht einig sind, sollte man als Außenstehender genau da bleiben, wo man ist: nämlich draußen. Alles andere sorgt nur für Verwirrung. Oder für die Abschaffung des Echo.

Wie findest du es, dass dadurch auch Menschen eine Bühne geboten wird, die beispielsweise Verbrechen begangen haben?

Gegenfrage: Warum sollte man denen keine Bühne bieten? Es ist doch besser, die machen jetzt Kunst, als mit der Kalaschnikow die Deutsche Bank zu stürmen, oder? Aber wo ziehst du da die Grenze und entscheidest: „Der da darf das Wort an die Leute richten, weil der nur einen Späti überfallen hat, aber der da, der darf das nicht, weil der einen dicken Batzen Gold geraubt hat.“ Zumal wir zu Beginn des Interviews ja auch gelernt haben, dass keiner per se ein schlechter Mensch ist.
Unabhängig davon fallen mir auf Anhieb echt nur eine Handvoll Leute ein, die durch kriminelle Handlungen Berühmtheit im Rap erlangt haben. Wenn da jemand auffällt, dann doch meistens der Rap-Skills wegen. Wenn du dann noch ein paar Kugeln abbekommen hast, ist das jetzt nicht unbedingt hinderlich, aber meistens ist es ja eher so, dass dir eine Karriere als Rapper eine Alternative zur Karriere als Intensivstraftäter bietet. Und wenn wir alle das nicht als Chance verstehen …
Deutschlandradio Kultur. Du weißt.

Danke für das Interview.

www.zerbolesch.de

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