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Das Märchen von der zickigen Ziege

Die ganze Wahrheit über Ziegen.

Thüringer Wald ZiegeIm Alltag strafen wir unsere Mitmenschen oftmals mit Beleidigungen wie „Du dumme Ziege“ oder „arrogante Zicke“. Wir bezeichnen mit diesen Wendungen Menschen, die an allem etwas auszusetzen haben oder einfach nur begriffsstutzig sind. Doch sind die gehörnten Wiederkäuer wirklich dumm? Sind sie denn chronische Nörgler?

Als ich kürzlich mit der freilich haltlosen Anklage, ich sei zickig, konfrontiert wurde, stellte ich mir eben jene Fragen und beschloss, dieser allseits bekannten Redewendung auf den Grund zu gehen.

Informationen zu der „Zicken-Problematik“ bekam ich von dem Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere in Dummerstorf (dies ist kein Witz – die Stadt gibt es und sie liegt in Mecklenburg-Vorpommern). Dort haben es sich Wissenschaftler zur Aufgabe gemacht, das Lernverhalten von Nutztieren zu untersuchen. Ihren Ergebnissen zufolge sind Ziegen alles andere als dumm, sondern durchaus lernfähig. Ziegen reagieren sowohl auf primäre Verstärker in Form einer Belohnung als auch auf sekundäre Verstärker wie Töne oder die Kombinationen von beiden. Auch meistern sie problemlos das Zuordnen von Symbolen, also sogenannte Transferaufgaben.
An dieser Stelle darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass die aufgeweckten Herdentiere trotzdem relativ vergesslich sind. So müssen erlernte Verhaltensweisen alle sechs Wochen wiederholt werden. Dann fällt es den liebenswerten Meckerern allerdings nicht mehr so schwer wie zu Beginn und sie benötigen weniger Ansätze, um zur richtigen Lösung zu gelangen.

Die Tierschützer unter euch ahnen es bestimmt schon, dass Tierversuche, in dem Falle Untersuchungen der kognitiven Fähigkeiten, anfänglich für die Tiere mit erheblichem Stress verbunden sind. Man sollte jedoch, bevor der Puls auf 180 steigt, bedenken, dass solche Experimente durchaus zur Verbesserung in der Haltung führen können. Durch zusätzliche Beschäftigung wird der Langeweile im Stall entgegengewirkt, und darüber hinaus steigern die Lernerfolge nachweislich das Wohlbefinden der Tiere.

Es ist also ein haltloses Gerücht, dass Ziegen dumm seinen. Doch verdienen die putzigen Vierbeiner zurecht den Vorwurf, meckernde Nörgler zu sein?
Auch diese vorlaute Beschuldigung kann ich widerlegen. Ziegen sind zwar Herdentiere, jedoch anders als etwa Schafe durch und durch Individualisten; sie sind vielmehr die „Freigeister“ unter den Herdentieren. Da sie anders als Schafe in einer Gefahrensituation nicht blindlings dem Leittier folgen, sondern ihre Umgebung stets kritisch beäugen, jede Veränderung blitzschnell registrieren und darauf individuell reagieren, herrscht eine größere Selbstständigkeit unter den Mitgliedern einer Gruppe.

Es gibt allerdings zwei Dinge, auf die Ziegen tatsächlich empfindlich reagieren: Regen und schlechte Nahrung. Nasses oder feuchtes Gras verweigern sie und verdorbenes Futter beleidigt einfach ihre äußerst feinen Geschmacksnerven. Es kann also durchaus passieren, dass Ziegen trotzig reagieren, indem sie sich isolieren, wenig fressen und deshalb wochenlang nur die Hälfte der gewohnten Milchmenge geben. Aber wer könnte es ihnen verübeln? Wer von uns steht schon gern den ganzen Tag auf einer nassen Wiese? Außerdem führt nasses Gras bei Ziegen zu Verdauungsproblemen und Blähungen, weil dann die Verdauungsenzyme im Magen nicht richtig arbeiten können. Und würden Ziegen nicht äußerst bewusst ihre Nahrung selektieren, wäre die Ziegenmilch weniger nährstoffreich.

Beispiele für ihr äußerst kluges Verhalten findet man auch in den wundervollen Ziegenmärchen von Christian von Aster, denn hier glänzen Ziegen mit Weisheit, List und einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Wenn man Nörgler also als „zickig“ und Dummchen als „dumme Ziege“ beschimpft, tut man nicht nur den Ziegen unrecht, sondern macht jener Person sogar ein Kompliment. Denn „Zicken“ sind vor allem clevere Freigeister und scharfsichtige Beobachter ihrer Umwelt mit einer Vorliebe für gutes Essen und gemütliche Plätzchen.

Jenny Jacoby

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