Waschbär mit Marien Loha

Was macht der Waschbär auf dem Sofa?

Ein Interview mit Marien Loha.

Mit „Waschbär im Schlafrock“ veröffentlicht der Berliner Autor und Slampoet Marien Loha bei Periplaneta seinen Debütroman. Sein Protagonist Karl führt eigentlich ein ganz normales Leben. Mit den Frauen hat er so seine Probleme und auch die Arbeitskollegen nerven ab und zu. Statt sich damit aber auseinanderzusetzen, grübelt der Lokaljournalist lieber ausgiebig über die Welt und das Leben. Bis eines Morgens ein Waschbär auf seinem Sofa sitzt…
Pia Jesionowski sprach mit Marien Loha über Fressfeinde und den Unterschied zwischen Haustieren und WG-Bewohnern.

Du bezeichnest dich selbst als „wortsüchtig“. Ist diese Sucht heilbar?

Marien Loha: Ja, vermutlich schon. Durch Schule zum Beispiel oder schlechtes Fernsehen. Das hat bei mir zum Glück alles nicht angeschlagen.

Eigentlich bist du ausgebildeter Informatiker, jetzt Autor. Wo siehst du Parallelen?

ML: Ich mache beides, IT-Job und Kunst. Auch wenn meine Finanzamtssachbearbeiterin nicht verstanden hat, wie man verschiedene Berufe zugleich ausüben kann.
Gemeinsamkeiten sind da aber höchstens in der Ferne zu erkennen, und auch nur dann, wenn ich einen Feldstecher zu Hilfe nehme. Zum Beispiel ist manchmal etwas Kreativität gefragt, um zur Lösung eines Problems zu gelangen. Und mir wird immer wieder bescheinigt, dass ich zwar schöne, aber viel zu lange Arbeits-Emails schreibe.

Karl ist eigentlich ein ganz normaler Typ. Was reizt dich an Normalos?

ML: Man entdeckt sich selbst wieder. Das finde ich beim Zuhören, Lesen und Schreiben immer schön. Solche Geschichten gehen irgendwie leichter ins Hirn, vermutlich, weil sich dieses sowieso schon zum Großteil mit Alltäglichem beschäftigt. Und nicht zuletzt fiel es mir leichter, damit anzufangen. Es schreibt sich flüssiger und schneller, als sich komplette Charaktere und Geschichten aus dem Nichts auszudenken. Das kommt aber auch noch irgendwann!

Marien Loha by Gert Schober

Marien Loha bei OWUL (Bild: Gert Schober)

Der Roman ist wegen seiner Situationskomik sehr unterhaltsam. Was bedeutet für dich Humor?

ML: Zuerst einmal Danke! Und zur Frage: Humor bedeutet für mich, Sachverhalte leichter zu nehmen, als sie eigentlich sind. Ich bin recht stolz auf einen Absatz, den ich mal irgendwo geschrieben habe, und der in etwa aussagt: Es ist immer noch besser, den Leuten etwas humoristisch zu vermitteln, als wenn sie es gar nicht zur Kenntnis nehmen. Die bittere Wahrheitspille flutscht mit einer Humorhülle eben wesentlich besser. Allerdings wird sie auch leichter verdaut und dann kümmert man sich nicht weiter darum. Wenn sie einem im Hals steckenbleiben würde, müsste man sich ja tatsächlich damit beschäftigen! Das alte Kabarettproblem.

Karl schweift gerne mal ab und warnt gleich zu Anfang: „Das mit dem Nachdenken war schon immer so ein Problem von mir.“ Wie ist das bei dir?

ML: Ganz ehrlich, wer für diesen Charakterzug Pate stand, ist schon beantwortet, oder? Wenn ich mich nicht stark zurückhalten würde, wären meine Antworten hier mindestens doppelt so lang. Interessanterweise geht es mir fast nur beim Schreiben so.
Aber im Gegensatz zu Karl sehe ich das bei mir nicht als Problem. Ich würde meine strömenden, aus-, ab- und davonschweifenden Gedanken nie missen wollen. Im Gegenzug bin ich mit einem miserablen Gedächtnis gesegnet worden. Ist eben kein Speicherplatz frei, zumindest keiner im direkten Zugriff. Aber dafür gibt’s ja Handys.

In Berlin leben zur Zeit mehr als 400 Waschbärfamilien. Hast du selber schon mal einen getroffen oder wieso musste es unbedingt ein Waschbär sein, der auf einmal auf Karls Sofa sitzt?

ML: Als ich den Roman geschrieben habe, hatte ich mich noch nicht viel mit Waschbären beschäftigt und fand sie einfach irgendwie … cool? Niedlich? Getroffen habe ich leider noch keinen. Dementsprechend weiß ich auch nicht mehr, warum es ein Waschbär sein „musste“. Wie ich mich kenne, „musste“ es das gar nicht. Ich habe geschrieben und plötzlich saß da halt ein Waschbär bei Karl auf der Couch und wurde Toni getauft. Meist bin ich selbst überrascht, aus welchen tiefen Hirnwindungen so etwas aufs digitale Papier kriecht.

Marien Loha - Periplaneta

Marien Loha – Periplaneta

Toni richtet zwar Chaos in Karls Wohnung an, neben seinen Freunden, Arbeitskollegen und Mitmenschen scheint der Waschbär jedoch am Ende der unkomplizierteste Zeitgenosse zu sein. Mensch oder Haustier, wer ist der bessere Mitbewohner?

ML: Puh, ehrlich gesagt kam ich seit dem Verlassen des Elternhauses weder in den Genuss des einen noch des anderen. Unkomplizierter, allein von der Verhaltenskomplexität her, ist natürlich das Haustier. Was ich so aus WGs mitbekomme, oft sogar pflegeleichter, manchmal reinlicher und in jeden Fall einfacher zu füttern. Konflikte wie „Wer hat schon wieder meinen Joghurt weggefuttert?!“ werden da wohl kaum aufkommen.

Waschbären gehören in Deutschland zu den Wildtieren, die eingeschleppt wurden und hier nicht heimisch sind. Viele Naturschützer sind der Ansicht, dass sie das Ökosystem negativ beeinflussen. Wie sollte man deiner Ansicht nach mit dem Problem-Waschbär umgehen?

Ich hoffe, du meinst nicht Toni mit „dem Problem-Waschbär“. Allgemein finde ich, wir haben weitaus größere Probleme, z.B. den Problem-Menschen.
Ansonsten bin ich für die kolonialzeitbewährte Methode, einen natürlichen Fressfeind des Plagegeists einzuführen und auszuwildern, auf dass er die Plage frisst. Man muss ihm nur klar machen, dass er doch bitte nur die Plage fressen soll und nichts anderes. Und danach muss man für den Fressfeind nur wieder einen natürlichen Fressfeind einführen, damit der wieder …
Oder man lässt den Waschbär einfach Waschbär sein. Wer es schafft, in unserer Umgebung zu überleben, hat das, finde ich, verdient.

Wie sehen deine nächsten Projekte aus? Darf man bald auf Neues vom Waschbär hoffen?

ML: Also wenn es nach meiner Ideen- und Projektsammlung geht, habe ich in den nächsten 20 Jahre rund um die Uhr zu tun. Momentan enthält allein mein Ordner „Schrift“ 342 Dateien. Und ja, auch Neues vom Waschbär ist darunter, aber aktuell reizen mich andere Sachen mehr und sind auch schon wesentlich weiter in der Entwicklung. Kleine Häppchen wird es immer mal wieder auf meiner Seite und bei meinen Auftritten geben und große … Da bin ich selbst gespannt!

Vielen Dank für das Interview!

Pia Jesionowski