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„Ich und mein Kleist“

Interview mit dem Autor Roman Bösch

Die Periplaneta-Redaktion hatte vor einiger Zeit den bemerkenswerten Debütroman „Kleists Geschichte meiner Seele“ in die Finger bekommen. In einer fiktiven Autobiographie beschreibt Kleist sein Leben mit eigenen Worten. Um genau zu sein: in den Worten und der Sprache seiner Zeit. Nach der Lektüre dieses interessanten und komplexen Werks blieb der Wunsch, die Person näher kennenzulernen, die diesen Roman geschrieben hat. Der Autor Roman Bösch (44) wohnt in Zürich, ist Doktor der Philosophie und hat nach eigenen Angaben ein bewegtes Leben hinter sich. Zudem bezeichnet er sich selbst als „komischen Kauz“. Wir wollten uns davon überzeugen, denn wenn wir von etwas Ahnung haben, dann von komischen Käuzen …

periplaneta: Warum bezeichnen Sie sich selbst als „komischen Kauz“?
Roman Bösch: „Das mit dem komischen Kauz stammt eigentlich gar nicht von mir. Ich habe die Leute immer irritiert, denn auf der einen Seite sieht man mir meine Krankheit, ein Geburtsgebrechen, nicht an, weil ich nie jammere und klage, auf der anderen Seite drückt es gleichwohl durch, was die Leute dann nicht einordnen können. Ich galt schon in der Grundschule als Phänomen. Der Lehrer ließ mich einmal wissen, dass er keine Ahnung habe, wie er mich, meine Aufsätze und schriftlichen Arbeiten beurteilen solle. Entweder müsse er mir eine Eins oder eine Sechs geben. Das ist bis heute so geblieben. Abgesehen davon bin ich wirklich gewissermaßen von einem andern Stern – wie im Buch beschrieben – der inkarnierte Widerspruch samt Lösung. Säbelzahn und Schaf in einem. Mit allen Vor- und Nachteilen.

periplaneta: Bei all diesen Gegensätzen und Widersprüchen: Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?
Roman Bösch: „Eine nicht gerade angenehme Kindheit und Jugend ließen meine Stärken sehr rasch hervortreten, wie die abgepressten Adern in einem Körper: Nibelungentreue – Zähigkeit – Ehrlichkeit – Standhaftigkeit – Kampfkraft: Mit mir kann man durch dick und dünn, weil ich nie vor Schwierigkeiten davon springe, was aber auch eine wesentliche Schwäche sein kann.Eine angelegte geistige Exzentrik sowie einiges Ungestüm und mitunter überbordende Dynamik wurden allerdings auch gefördert. Und vor allem bin ich eigensinnig. Manchmal bis zum Exzess! Leider besitze ich nicht sehr viele Begabungen, außer vielleicht einer wesentlichen: Man kann mich, wo man will, ins Leben werfen, und ich beginne zu arbeiten und mach‘ was draus. Zu allem kommt noch, dass ich ein ausgesprochener Idealist bin; allerdings einer von der realen Sorte.“

periplaneta: Wie Sie bereits mehrfach andeuteten, haben Sie schon sehr viel erlebt. Erzählen Sie doch einmal von Ihrem eigentümlichen Schicksal.
Roman Bösch: „Ich wuchs in eher bescheidenen und, gelinde gesprochen, schwierigen Verhältnissen auf, wurde weder gefördert noch unterstützt und musste mich stets durchschlagen, sowohl metaphorisch als auch wortwörtlich. Ich leide an einer seltenen Knochenkrankheit namens Vitamin D3-resistente Rachitis – in gewisser Weise das Gegenteil der Glasknochenkrankheit. In der Folge der Krankheit werden erhebliche Schmerzen und Beeinträchtigungen aller Art verursacht. Dadurch werden gegebenenfalls charakterlich angelegte Eigenheiten noch verstärkt, was bei mir sicherlich der Fall ist. In meiner Kindheit und Jugendzeit hatte ich zahlreiche Operationen zu überstehen, wobei die letzten beiden Eingriffe mich an den Rand des Todes brachten. Aufgewachsen bin ich in Basel und Zürich; mein Vater war ein gefährlicher Mensch, die Mutter sanft, liebevoll und zugleich stark. Nach der Grundschule begann ich eine Hochbauzeichnerlehre, entschied mich aber dann nach einem Jahr für die Kaufmännische Berufslehre, die ich erfolgreich abschloss. Darauf holte ich die Eidgenössische Matura nach, um schließlich das Medizinstudium zu beginnen. Schicksalhafte Gründe allerdings verwehrten mir, über das erste Jahr hinauszukommen. Schließlich war ich 14 Jahre u.a. als Autor, Dozent und in der Kundenakquise bei einer privaten Uni als Dr. phil. (Philosophie) tätig. 2005 verließ ich das Institut und besann auf die Begabung des Schreibens. Ehrlich gesagt glaubte ich kaum an eine Veröffentlichung des Buches.“

periplaneta: Zuvor haben sie lange Zeit im Wissenschaftlichen Institut Osiris gearbeitet. Dort werden verschiedene Seminare, wie zum Beispiel „Angewandte Menschenkenntnis“ angeboten. Neben Rhetorik und Präsentationstechniken werden auch Handlese- oder Graphologie-Kurse angehalten. Das hört sich ja alles sehr esoterisch an. Wie sind Sie dazu gekommen und welche Philosophie vertritt das Institut?
Roman Bösch: „Welche Philosophie am Institut heute vertreten wird, weiß ich nicht. Seinerzeit habe ich das Klima mitgeprägt. Bereits 1983 kam ich mit Professor Bänziger in Kontakt. Ab 1992 begann dann eine 14jährige intensive Arbeit mit ihm am Institut. Wir waren im Ziele geeint, auch wenn wir oftmals in wesentlichen Dingen anderer Meinung waren. Mitte 2005 trennte uns das Schicksal, das offenbar meinen eigenen Weg vorsieht, mit einigem Getöse. Der Professor und ich waren wie ein Januskopf und ergänzten uns vorzüglich. Er war mehr der Mystiker und ich der rational-pragmatische Geist und Philosoph, der die Methode auf ein naturwissenschaftliches Fundament stellte. Vom Wesen her bin ich ein Zweifler – glauben tu´ ich nichts. Ich arbeite immer beweisführend.“

periplaneta: Und welche Philosophie verbindet Sie mit dem Institut? Sie haben schließlich den Doktor der Philosophie und Ihre Dissertation „Von den Ur-Prinzipien der Natur und Religion“ umfasst, wie Sie selbst sagten rund 1000 Seiten, die nichts für schwache Nerven seien.
Roman Bösch: „Meine Doktorarbeit überschreitet alle Grenzen insgesamt, indem sie etwas unternimmt, was meines Wissens noch nie zuvor gewagt wurde: sie untersucht das Wesen der Ewigkeit auf der Basis naturwissenschaftlicher Kriterien und Erkenntnisfähigkeit, ja, sie geht sogar darüber weit hinaus – ohne allerdings je den festen Boden der Realität sowie der naturwissenschaftlichen Bedingtheit zu verlassen -, was sie in ihrem Wert auszeichnet! Alles ist Geist! Die Unterscheidung in Geist, Seele und Körper ergibt sich einzig aus der zeitlich-linearen Differenzierung, deren Ursache und Wirkung (als gegenseitig sich bedingend aus dem Ewigen heraus) die Endlichkeit mit ihren dynamischen Handlungen und Wandlungen ist; und diese Endlichkeit ist nichts anderes, als eine relative Erscheinungsform des absolut Ewigen. Meine Einsichten sind nicht aus der Luft gegriffen – ich versuche nach gesunder, menschenverständlicher Logik und Intuition zu folgern. Vieles in der Wissenschaftsgeschichte wurde zuerst verlacht oder totgeschwiegen.“

periplaneta: Wissenschaftler sind ja selten religiös. An was glauben Sie?
Roman Bösch: „Die Kirchen und Sektierer sind überwiegend verbrecherische Organisationen, indem sie vorgeben, der Mensch sei ein Sünder und nur durch einen Mittler zu erlösen. Das ist falsch, sogar bösartig; es werden dadurch Menschen manipuliert: es geht da nur um Macht, Geld und Egoismus. Wie übrigens im heutzutage zelebrierten Atheismus, der jetzt gleichermaßen, wie früher das Christentum, das Zepter an sich reißen will. Dank meiner Eigensinnigkeit und Sturheit war ich stets gegen solche Anfeindungen der Manipulation gefeit! – Und dennoch bin ich religiös, nicht nur aufgrund etwa meines Nahtodeserlebnisses. Doch in wesentlichen Bereichen taugt mir der Glaube nichts. Ich muss wissen, sonst werde ich wahnsinnig.“

periplaneta: Wie kommt ein Mensch, den andere Leute sehr leicht als Esoterik-Heini abstempeln würden, zu solch einem traditionellen und anspruchsvollen Thema wie Heinrich von Kleist?
Roman Bösch: „Nun, ich glaube, das mit dem Esoterik-Heini hätten wir mittlerweile geklärt. Ich musste über Ihre höchst erfrischende Geradheit schmunzeln. Ich liebe gerade Charaktere, damit hatte ich noch nie Probleme! Nur auf Heuchelei, wie ich sie leider oft erleben musste, reagiere ich höchst bockig. Im Übrigen sprechen Sie aus, was viele nur denken – doch sobald sie mit mir gesprochen haben, ist die Sache vom Tisch. Zudem bin ich jemand, der Leistungen zeigt: Da kommt selbst der hartgesottenste Materialist ins Grübeln und legt gegebenenfalls seine niedere Stirn in eine Denkerfalte.“

periplaneta: Wie haben Sie es geschafft, sich in Heinrich von Kleist einzufühlen? Oder fühlten Sie sich schon immer verbunden?
Roman Bösch: „Es handelt sich um eine etwas tiefer fundierte Geistes- und Seelenverwandtschaft, die ich etwa mit 21 Jahren entdeckt habe! Im Übrigen besitze ich bis zu einem gewissen Grade die Fähigkeit, mich in Wesenheiten hineinzuversetzen – besonders in mir artverwandte. Wie Kleist, war ich schon immer gezwungen, eigene Wege zu gehen. Ich habe mit meinem Buch etwas gewagt: nämlich den Spagat zwischen Kunst und Kommerz in einer Zeit, da hauptsächlich dem Massengeschmack gehuldigt wird.“

periplaneta: Menschen haben mitunter sehr unterschiedliche Gründe für ihre Passionen oder Vorlieben. Welcher ist der Ihrige im Fall von Heinrich von Kleist? Ist es das Werk, die Person, …?
Roman Bösch: „Es gibt vor allem zwei Gründe für die Vorlieben. Erstens eben eine Geistesverwandtschaft, und zweitens: mein Schicksal! Es handelt sich also dabei um innere, sehr persönliche Motive – und am Rande spielt die Tatsache mit, dass mich im weitesten Sinne das Ungewöhnliche im Menschen, in den Dingen interessiert und fasziniert. Als ich zum ersten Mal mit den Kleistschen Texten in Berührung geriet, spürte ich Saiten in meinem Innern anklingen, die mir nicht eben fremd waren. Daraus erwuchs über längere Zeit eine Beschäftigung nicht nur mit der Person Kleists, sondern auch mit dem Wesen des Individuellen, des Ungewöhnlichen, des Lebendigen an sich. Auch Kleist mühte sich mit solchen und ähnlichen Fragen auf seine Art.“

periplaneta: Sie haben die Person Kleist durch Ihren Roman sehr viel greifbarer werden lassen. Was erhoffen Sie sich, dass der Leser aus dem Roman mitnimmt, neben all der Information, die das Werk bietet?
Roman Bösch: „Ich möchte den Leser nicht nur in einen anderen Raum, in eine andere Zeit, in einen anderen Zustand entführen und ihm damit Freude bereiten; nein – gleichzeitig möchte ich ihm etwas für die Gegenwart mitgeben: nämlich einen offenen, möglichst unvoreingenommenen Blick für das wahre, individuelle Wesen der Dinge, woraus er vielleicht Nutzen ziehen und eigene Werte entdecken mag! Ein hohes Ziel, aber ebenso ein höchst erstrebenswertes wie ich finde!“

periplaneta: Werden weitere Bücher von Ihnen folgen?
Roman Bösch: „Derzeit arbeite ich an einem historischen Roman über Agrippa von Nettesheim. Pläne und Ideen (nicht nur im schriftstellerischen Bereich) hatte ich immer in Hülle und Fülle. Das stark limitierende Moment aber ist meine Krankheit, die mich doch arg einschränkt. Denn wenn die Schmerzen allzu stark sind, kann ich gerade noch (falls überhaupt) irgendwelche Routinearbeiten ausführen. Ich kämpfe stets an mehreren Fronten. Dennoch bin ich zuversichtlich, zumal ich meinen Weg längst gefunden habe.“

periplaneta: Herr Bösch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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