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Warum Wünschen funktioniert

Geheimnisse der „Lehre von der Wahrscheinlichkeit“

 

Erwin Zbiral, der Autor des Buchs »Der große Irrtum«, ist Mathematiker, lebt in Wien und arbeitet dort bei einer Versicherungsgesellschaft. Auch er hat den Boom der Wunscherfüllungsratgeber zur Kenntnis genommen, ihre Vorschläge ausprobiert, aber dabei seinen klaren Verstand nicht verloren.

Auch wenn der menschliche Geist durchaus großes vollbringen kann und sich seine Realitäten erschafft, so treiben doch die „Wünsche ans Universum“, an Gott und an das Schicksal mitunter seltsamste Blüten. Seltsam deshalb, weil es doch tatsächlich im dritten Jahrtausend Menschen gibt, die mit der Behauptung, dass sie sich in der überfüllten City einen Parkplatz herbeiwünschen können, sehr viel Geld verdienen.

Erwin Zibral hat sich dem Pänomen des Wünschens  und Bestellens beim Universum oder bei sich selbst angenommen und festgestellt:

Unangenehme Wahrheiten auszublenden macht meistens weder außen noch innen reich. Wünschen macht glücklich, denn der Wünschende fühlt sich in der Welt geborgen und vom Universum getragen wie von einer liebevollen Mutter. Das ist das ganze Geheimnis.

Gewöhnlich beschäftigen sich spirituell Suchende nicht mit Mathematik. Diese erscheint ihnen zu abstrakt, zu weit entfernt von Chakren und vom »Licht«. Dennoch kann es auch gut sein und einen weiterbringen, wenn man sich einmal auf fremdes Terrain wagt. Ein Teilgebiet der Mathematik ist die Stochastik, die Lehre von der Wahrscheinlichkeit. Damit lässt sich einschätzen, ob wir davon ausgehen können, dass bestimmte Ereignisse eintreten werden, oder ob das eher einem Wunder gleichkommt.

Die Gesetze der Stochastik

Was kann die Stochastik nun zur Enthüllung des Geheimnisses der Wunscherfüllung beitragen? Starten wir gleich mit einem Experiment. Sie können jetzt, während Sie diesen Artikel lesen gleich mitmachen. Nehmen Sie sich ein Wunscherfüllungs-Buch, um sicher zu gehen, dass Sie alles richtig machen und dann nehmen Sie bitte einen Würfel, ein Blatt Papier und einen Stift zum Schreiben.

Zentrieren Sie sich, visualisieren und wünschen Sie von ganzem Herzen, eine Eins zu würfeln! Wiederholen Sie das nun zwölf Mal. Notieren Sie bei jedem Wurf auf dem Blatt Papier, welche Zahl Sie gewürfelt haben. Ich bin mir sicher, dass Sie nicht öfter als sieben Mal eine Eins gewürfelt haben, auch wenn Sie das Wünschen noch so gut beherrschen. Sie wunderns sich nun vielleicht, warum ich Recht habe. Ich bin kein Prophet, aber ich kenne mich ein wenig aus mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter: Sie wiederholen das Experiment, nur wünschen Sie  sich dieses Mal gar nichts, oder Sie wünschen es auf eine Art, wie Sie es laut Wunscherfüllungsbuch nicht tun sollten. Also, auf ein Zweites: Bitte zwölf Mal würfeln und die Ergebnisse notieren.
Sie sehen, die beiden Wurfergebnisse sind verschieden, aber nicht wesentlich verschieden. Auch diesmal haben Sie weniger als acht Mal eine Eins gewürfelt. Und das ist nicht nur bei  Ihnen so. Die anderen Leser, die dieses kleine Experiment mitmachen, werden zu denselben Ergebnissen kommen.

Wenn Ihr Glaube an die Wunscherfüllung immer noch nicht erschüttert bist, dann  können Sie das Ganze noch ein paar Mal wiederholen: Wünschen Sie zur Abwechslung mal, eine Zwei zu würfeln. Vielleicht würfeln Sie dann andere Zahlen sogar öfter als die Zwei – das ist ziemlich wahrscheinlich, obwohl Sie die Zwei mit Wunschenergie versorgt haben …

Warum ist das so? Weil die Welt nach den Gesetzen der Stochastik funktioniert und nicht nach den Gesetzen des Wünschens. Wäre das nicht so, dann würde weder die Wirtschaft noch irgendein technisches Gerät in der Weise funktionieren, die wir gewohnt sind. Nur deshalb, weil sich die Gesamtheit der Versicherten gemäß den Vorhersagen der Wahrscheinlichkeitstheorie verhält, können wir in der Versicherung die Höhe deines monatlichen Beitrags bestimmen und die Höhe der maximalen Auszahlung im Schadensfall, Normalerweise können wir so alle Versicherungsfälle bezahlen und darüber hinaus so viel verdienen, dass wir den Betrieb aufrecht erhalten und die Aktionäre eine Rendite ausbezahlt bekommen. Würde die Welt stattdessen nach den Gesetzen des Wünschens – etwa dem »Gesetz der Anziehung – funktionieren, ginge das nicht.

Das Parkplatz-Problem

Jetzt werden Sie einwenden, dass Sie aber jemanden kennen, der sich einen Parkplatz gewünscht hat, und schon war er Parkplatz da. Vielleicht haben Sie das auch selbst erlebt.  Betrachten wir auch hier nicht den Einzelfall, sondern erweitern wir unseren Horizont, um zu sehen, was passiert. Wir gehen davon aus, dass an einem Mittwoch Abend zwischen 22 und 23 Uhr in Wien-Alsergrund genau zehn Parkplätze frei sind oder frei werden und dass innerhalb dieses Zeitraums fünfzig Pkws einen Parkplatz suchen. Jetzt untersuchen wir aus Sicht der Wunscherfüllungs-Theorie zwei extreme Fälle und sehen, zu welchen Ergebnissen wir kommen.

Erster Fall: Niemand wünscht sich was. Wahrscheinliches Ergebnis: Zehn Pkws finden einen regulären Parkplatz, zehn stellen sich ins Parkverbot und stehen am nächsten Tag früher als die Polizei auf, um keinen Strafzettel zu bekommen und dreißig weichen in andere Bezirke aus, um ihr Fahrzeug abzustellen.

Zweiter Fall: Alle fünfzig Lenker haben das Buch »The Secret – das Geheimnis« gelesen und wünschen sich nun wunschtechnisch korrekt einen Parkplatz. Wahrscheinliches Ergebnis: Zehn finden einen regulären Parkplatz, zehn stellen sich ins Parkverbot und stehen am nächsten Tag früher als die Polizei auf, um keinen Strafzettel zu bekommen und dreißig weichen in andere Bezirke aus, um ihr Fahrzeug abzustellen. Wer hätte das gedacht …

Nun aber passiert Folgendes: Für zehn Fahrer ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. Sie erzählen dies weiter. Die anderen vierzig schweigen eher oder glauben, dass sie beim Wünschen was falsch gemacht hätten. Entweder sie haben nicht intensiv genug gewünscht oder den Wunsch nicht rechtzeitig losgelassen. Tatsächlich hat die Welt nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitstheorie funktioniert, aber die Menschen interpretieren die Ereignisse so, als würde die Wunschtheorie gelten.

Damit sind wir schon ganz nahe dran an der Antwort, warum Wünschen funktioniert: Bevor ich Ihnen das Geheimnis verrate, begleiten Sie mich aber bitte noch bei einem zweiten Spiel. Dieses Mal müssen Sie nichts tun. Ich nehme mir wieder einen Würfel und wünsche mir, eine Eins zu würfeln. Ich nehme gemäß der Wunscherfüllungs-Theorie zur Kenntnis, dass mein Wunsch nur dann in Erfüllung geht, wenn ich richtig wünsche. Los geht’s! Ich würfle – eine vier (ich habe nicht richtig visualisiert); ich würfle wieder – eine sechs (der Wunsch kam nicht aus dem Herzen); nächster Versuch: eine zwei (ich habe mich beim Wünschen etwas verkrampft und nicht rechtzeitig losgelassen); noch einmal würfeln: eins! Na bitte, wer sagt es denn: Wünschen funktioniert!

Die selektive Wahrnehmung

Das Geheimnis ist einfach: Es ist die selektive Wahrnehmung. Das heißt, Sie blenden die erfolglosen Versuche aus und überbewerten die Positiven. Um das zu verhindern, haben wir beim Würfelexperiment am Anfang des Artikels Buch geführt – das Ergebnis kennen Sie ja bereits. Selektive Wahrnehmung kann auch so funktionieren: Sie nehmen den österreichischen Industriemagnaten Frank Stronach als Beispiel und sehen, dass man es »vom Tellerwäscher zum Milliardär« bringen kann. Dies ist zweifellos möglich, aber eben im Rahmen der Stochastik: Das heißt, einem Frank Stronach stehen Hunderttausende »Tellerwäscher« gegenüber, die es nicht geschafft haben. Ja, es gibt sicher Hunderte, die es vom »Tellerwäscher« in die Gosse geschafft haben. Aber von denen wird nicht berichtet. Die werden ausgeblendet. Wird in dem Film »The Secret« einer interviewt, der in der Gosse gelandet ist? Natürlich nicht. Um auf dem spirituellen Weg voranzukommen, ist es allerdings nicht hilfreich, diese unangenehmen Wahrheiten auszublenden, weder außen noch innen.

Ein weiterer Weg, um zur Wunscherfüllung zu gelangen, liegt darin, die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen des Ereignisses zu erhöhen. Das schaffst man ganz einfach dadurch, dass man die Zeitspanne, in welcher es zur Wunscherfüllung kommen soll, unbestimmt ausdehnt Beispiel: Sie wünschen sich, im Lotto vier Richtige zu haben. Die Wahrscheinlichkeit in Österreich liegt dabei bei cica 0,14 %. Das heißt, durchschnittlich führt jeder 700. Versuch zu einem Treffer.
Nun sage ich Ihnen folgendes: Das Universum wird Ihnen diesen Wunsch nicht gleich erfüllen – Sie stehen sozusagen in der Warteschlange. Die Wunscherfüllungstheorie kann Ihnen nicht sagen, wann Sie dran kommen, die Stochastik schon: Es hängt nicht davon ab, wie intensiv Sie wünschen sondern wie oft Sie Lotto spielen. Wenn Sie hundert Tipps pro Monat riskieren, dann ist es recht wahrscheinlich, dass Ihr Wunsch innerhalb eines Jahres in Erfüllung geht.
Der zweite Trick, die Wahrscheinlichkeit der Wunscherfüllung zu erhöhen, liegt darin, dem Universum seine Kreativität zu lassen und den Weg zur Erfüllung des Wunsches nicht festzulegen. Der Wunsch im Lotto zu gewinnen ist im Sinne der Wunschfibeln kein korrekter Wunsch. Warum nicht? Er ist zu spezifisch. Bei diesem Wunsch können Sie ja jede Woche in jeder Tageszeitung überprüfen, für wie viele Menschen dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist – und Sie sollen ja nicht frustriert werden, sondern besser das Kartenset zum Film dazukaufen.

Der korrekte Wunsch lautet also: »Ich möchte zu viel Geld kommen« oder so ähnlich. Nun verrate ich Ihnen noch ein Geheimnis, dass im Bestseller »Das Geheimnis« nicht zu finden ist: In Österreich besitzt circa jeder 150. Einwohner mehr als 1 Million Euro (Quelle: Die Tageszeitung »Kurier«). Jeden Tag sterben so über den Daumen geschätzt 300 Österreicher. Das bedeutet: Praktisch jeden Tag werden irgendwo in Österreich mehr als eine Million Euro vererbt. Jetzt muss so ein Erbe nur noch auf jemanden treffen, der sich viel Geld gewünscht hat (davon gibt es viele) und entsprechend losgelassen hat. Und schon gibt es einen enthusiastischen Leserbrief, der dann in den diversen Büchern abgedruckt wird und zur Erhärtung der Wunscherfüllungs-Theorie benutzt wird.

Trotzdem: Wünschen ist gut!

Trotzdem ist es gut, zu wünschen. Warum? Wenn Sie wünschen, fühlen Sie sich in der Welt geborgen und vom Universum getragen wie von einer liebevollen Mutter. Vielleicht glauben Sie auch noch an einen gütigen Gott, dann haben Sie sogar noch den idealen Vater. Das alles trägt zu Ihrem Wohlbefinden bei. Sie gehen fröhlicher und vertrauensvoller durch die Welt und machen sie durch Ihre  Anwesenheit und Ausstrahlung schöner, als sie vorher war.
Darum: Wünschen Sie! Ich halte Ihnen ehrlich die Daumen. Aber solltest Sie sich dabei ertappen, dass  Sie sich abwerten oder schlecht fühlen, weil Sie angeblich etwas falsch gemacht haben beim Wünschen, dann sparen Sie sich bitte das Geld fürs nächste Wunsch-Seminar und tuen Sie stattdessen etwas Gutes!

P.S.: Wenn nun ein Leserbrief erscheint, dass jemand mehr als sieben Mal die Eins gewürfelt hat, dann denken Sie sich nichts dabei: Diese Zeitung lesen bis zu 7000 Menschen in der Woche und die Wahrscheinlichkeit, bei zwölf Mal Würfeln öfter als sieben Mal eine Eins zu würfeln liegt bei circa 1 zu 6450.
P.P.S.: Sollten Sie mit der unsichtbaren Welt vertraut sein der übersinnliche Fähigkeiten besitzen, dann wissen Sie: Die andere Welt funktioniert nicht nach den Gesetzen der Stochastik. Wie die unsichtbare Welt auf unsere Alltagswelt einwirkt, das ist allerdings ein Geheimnis. Aber darüber wird man in Büchern wie »The Secret« garantiert nichts lesen.

Von Erwin Zbiral

Der Artikel ist in einer ähnlichen Form im Magazin „Connection Spirit“ erschienen

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