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Rap, Gentrifizierung und halbe Waschbären

Ein Interview mit Journalist, Slam-Poet und Autor Felix Bartsch.

Felix Bartsch hat sich in seinem Romandebüt „Wer Avocado sagt, muss auch Bionade sagen“ als bissiger Beobachter der Absurditäten des Großtstadtlebens ausgetobt. Swantje Niemann redete mit ihm unter anderem über alberne Trends, Gentrifizierung und die Schwierigkeit, in unseren abgedrehten Zeiten Satire zu machen.

„Wer Avocado sagt, muss auch Bionade sagen“ ist eine überdrehte Gentrifzierungssatire über Haupstadthipster, die, wie du in einem deiner Slam-Texte verkündest, halbe Waschbären am Kinn tragen. Von halben Waschbären einmal abgesehen: Was ist deiner Meinung nach der albernste Trend der letzten Jahre?

Felix: Puh, schwer zu sagen. Ich finde eigentlich jede Form von Trendreiterei in irgendeiner Form absurd. Ich war selbst als Jugendlicher komplett in dieser Hiphop-Szene abgetaucht, also mit Baggypants und schief aufgesetzter Kappe. Sah sehr lustig aus, weil ich damals super dünn war. Das war aber als Teil der Identitässuche wichtig. Heute kann ich über die alten Bilder herrlich lachen. Aber irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass diese Suche nach dem eigenen Ich heutzutage länger dauert; dass auch Menschen in den Zwanzigern Schwierigkeiten haben, sich selbst zu finden und dadurch an irgendwelchen Subkulturen festhalten. Das hat sicherlich auch mit der viel größeren Menge an Möglichkeiten zu tun, die wir in unserem Leben haben. Das war jetzt eine sehr ausschweifende Antwort auf eine kurze Frage, deshalb noch schnell eine Auflistung von Trenddingen, die mich derzeit nerven: Influencer, zerrissene Hosen, Individualtourismus, Instagram-Party-und-Fitness-Menschen, Katzen, jede Form von YouTube-Challenges, Internetsprachtrends und Humorlosigkeit. Gerade Letzteres ist ein Trend, der schon viel zu lange anhält …

Felix Bartsch - periplaneta

Was sind, jenseits von Humor, deine Gedanken zum Thema Gentrifizierung?

Felix: Eigentlich habe ich ja all meine Gedanken dazu schon in das Buch gepackt, wenn auch auf humorvolle Weise. Natürlich sollte am Ende jeder Mensch das Recht haben zu sagen: Okay, ich finde mein Kaff im Hunsrück langweilig, ich zieh jetzt nach x-beliebige Hypestadt. Und natürlich trägt die Zuwanderung von Menschen, die etwas mehr Geld haben, dann letztlich zu einem Aufschwung in vermeintlich ärmeren Vierteln bei. Erst kommen ja oftmals die Studierenden, danach dann die jungen Familien und mit ihnen einfach viel größere und spannendere Freizeitangebote in Sachen Gastronomie etc. Die Kehrseite ist dann eben die Verdrängung, die stattfindet. Menschen, die sich einfach steigende Mieten nicht mehr leisten können, die ihre kleinen Läden, die sie seit Jahren führen, aufgeben müssen. Da werden Leute immer weiter aus Städten gedrängt, die da seit Jahren leben, nur weil auf einmal Menschen da sind, die eben mehr haben. Und natürlich kann die Lösung hier nicht sein, dass dann niemand mehr zuziehen darf in irgendeiner Weise. Aber vielleicht kann sich eine Stadt oder ein Viertel irgendwann einmal entwickeln, ohne dass jemand Schaden nimmt oder auf der Strecke bleibt.

Du stehst häufig als Slam-Poet auf der Bühne: Bringst du dabei deine Texte komplett mit oder improvisierst du auch?

Felix: Ich improvisiere in den Anmoderationen oft oder zwischendurch mal, falls das Publikum eine besondere Reaktion zeigt oder mir spontan was einfällt. Aber die Texte an sich sind komplett geschrieben und vorbereitet.

Hast du beim Schreiben deines ersten Romans die direkte Interaktion mit dem Publikum vermisst?

Felix: Im Endeffekt sitze ich bei einem Slamtext ja auch erst einmal im stillen Kämmerlein bevor der Text dann nach draußen auf die Bühne getragen wird. Beim Roman dauert die Schreibphase natürlich deutlich länger, aber im Endeffekt möchte ich jetzt schon auch auf die Bühne damit. Vorlesen und der direkte Publikumskontakt sind mir sehr wichtig, das gibt mir persönlich viel zurück. Deshalb werde ich jetzt auch einiges dafür tun, um möglichst oft aus dem Buch vorlesen zu können.

Wie hat dir der Schreibprozess insgesamt gefallen? Können wir mit weiteren Romanen rechnen?

Felix: Es war wirklich spannend und auf eine gewisse Art sehr befreiend. Ich bin damals eher zufällig in die gesamte Bühnenautor-Geschichte reingerutscht und war dann einige Jahre lang sehr fokussiert darauf, alle meine Texte schön knackig und passend für Poetry Slams und ähnliche Formate zu schreiben. Jetzt dann bewusst einen Schritt davon weg zu machen, hat viel Kreativität in mir freigesetzt. Also ja, es wird definitiv neue Projekte in der Richtung geben. Ich hab sogar schon zwei drei Ansätze, die ich teilweise aber auch schon wieder verworfen habe. Ansonsten interessiere ich mich derzeit sehr stark für das Thema Drehbuch und möchte mich in der Richtung ebenfalls ausprobieren.

Du schreibst neben satirischen Texten für diverse Zeitungen auch Rezensionen über und führst Interviews …

Felix: Das liegt ja auch schon etwas zurück, derzeit schreibe ich für kein Musikmagazin mehr. Ich würde es aber gerne wieder machen.

Warum überwiegend zu HipHop und Rap. Was fasziniert dich an dieser Kunstform?

Felix: Ich finde, dass Rapmusik als Kunstform eben so nah wie kaum eine andere Musik an Lyrik bzw. Literatur ist. Alleine die reine Fülle an Worten, die in so einem Rapsong steckt, ist unfassbar groß. Ich finde es spannend zu sehen, wie dabei mit dem Rhythmus und den Eigenheiten der Sprache gearbeitet werden kann. Es gibt da auch wirklich einige Musiker, die das extrem gut beherrschen. Das ist immer wieder inspirierend.

Hast du dich auch mal darin versucht?

Felix: Ich bin über Rap zum Schreiben gekommen. Ich hab früher so mit 14 Jahren mit einem Freund zusammen in einem Mini-Homestudio Songs aufgenommen und übers Internet veröffentlicht. Zwischenzeitlich hatte ich auch mal eine Elektro-Rap-Spaßkombo mit vielen Freunden zusammen, in der es darum ging, möglichst absurde Zeilen zu schreiben. Und vor einigen Jahren habe ich noch mal zwei kleinere digitale Releases mit einem befreundeten Beatmacher aufgenommen. Die dürften auch noch im Netz zu finden sein. Im Endeffekt bin ich damit aber nie so offensiv umgegangen, weil ich einfach selbst immer wieder gemerkt habe, dass es mir Spaß macht, ich aber mit vielem, was ich aus dieser Szene mitbekomme, nichts anfangen kann. Falls es mich irgendwann noch mal juckt, könnte es bestimmt sein, dass ich noch mal was mache. Das sind aber Sachen, die ich eher für mich machen würde und nicht für irgendein Publikum. Mittlerweile mache ich aber auch so viele andere Sachen mit Sprache, dass es eher unwahrscheinlich ist.

Die Seite „TV Tropes“ beschreibt unter dem Namen „Poe’s Law“ das Phänomen, dass die satirische Übersteigerung von etwas von einer Handvoll Konsumenten nicht als solche erkannt und als aufrichtige Meinungsäußerung einsortiert wird. Hattest du das Problem auch mal?

Felix: Klar hatte ich das schon. Allerdings passiert mir das eher im privaten Bereich. Ich bin eben ein Mensch, der auch ernsten oder traurigen Themen eher mit einem blöden Witz begegnet. Da ist ja jeder Mensch anders und da gab es schon das ein oder andere Mal Missverständnisse. Sicherlich gab es auch schon Situationen auf der Bühne, in der mich einzelne Menschen im Publikum nicht verstanden haben, aber die sind dann meistens in der mir frentetisch huldigenden, extatisch jubilierenden Masse eher untergegangen. Mal sehen, wie es dann jetzt mit dem Roman wird.

Danke für das Interview.

Mehr über Felix Bartsch erfahrt ihr auf seiner Website.