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Phantastische Flora

In Jesko Haberts Roman „Tiefsommer“ haben sich einige Bauern auf ein ganz besonderes Agrarprodukt spezialisiert: Ballonpflanzen. Diese kautschukartigen, mit extra leichtem Biogas gefüllten Früchte können zu handlichen „Luftballons“ heranwachsen, aber auch zu „Fesselballons“ oder „Zeppelinen“, die groß genug sind, um mehreren Menschen gleichzeitig als Transportmittel zu dienen. Mit Stahlseilen werden Gondeln an ihnen befestigt; Seitenruder, Laufgewichte und Ventile garantieren ihre Manövrierfähigkeit. Angesichts dessen, dass selbst kleinere Luftschiffe mehrere Dutzend Meter lang sind, muss das Gas in ihrem Inneren wirklich sehr leicht sein oder sie ehrfurchtgebietend groß.

Jesko Haberts Zeppelinplantagen gehören definitiv zu den interessantesten Beispielen fantastischer Flora, die mir in letzter Zeit begegnet sind, und geben einen hübschen Anlass ab, über einen seltener beachteten Aspekt fantastischer Literatur zu sprechen: fiktive Pflanzen.

tiefsommer-landscape by nicole altenhoffLetztere gehen neben den fantastischen Spezies, die die entsprechenden Welten bevölkern, auch gerne mal unter, aber spielen dennoch eine Rolle. Nicht umsonst gibt es online einen Fantasy-Pflanzennamen-Generator.

Hier ist eine kleine Liste sonderbarer Gewächse, die einem zwischen Buchdeckeln begegnen können.

Das wohl berühmteste Beispiel – wenn auch nicht 100% Pflanzen – sind sicher Tolkiens Ents. Diese humanoiden Bäumwesen sind alt, weise, ziemlich gefährlich, wenn man sie wütend macht, und gehen die Dinge „nicht so hastig“ an. Wenn man mal schnell etwas aus dem Supermarkt braucht, sollte man hoffen, dass kein Ent vor einem sein Kleingeld abzählt – glücklicherweise ist das Risiko überschaubar.

Die Pflanzen aus Brandon Sandersons „Stormlight Archives“-Serie sind weniger intelligent, aber ebenfalls außergewöhnlich. Diese Bücher spielen in einer Region, über die regelmäßig „Highstorms“ hinwegfegen – Stürme, deren zerstörerische Macht alles mitreißt, was sich nicht verbarrikadiert oder aber sehr gut angepasst hat. So haben die meisten Tiere hier Panzer, in die sie sich zurückziehen können, und Krallen, die sie während der Stürme am Boden verankern. Pflanzen müssen das Ganze etwas anders lösen: Sie sind in der Lage, sich in den Boden oder aber in steinartige Knospen zurückzuziehen, wenn sich Erschütterungen nähern. Eine der Figur ist völlig perplex, als sie in ein anderes, nicht highstormgeplagtes Land reist und dort auf „dummes“ Gras stößt, das sich nicht im Boden verkriecht, als sie näher kommt.

Auch J.K. Rowling macht es den Zauberern im Harry-Potter-Universum durch die Existenz magischer Pflanzen, die teilweise so verspielte Namen wie „Snargaluff“ tragen, nicht unbedingt leichter, ihre Welt vor den Muggeln zu verbergen. Bei einigen von ihnen greift sie auf alte mythologische Vorbilder wie Alraunen zurück. Wieder andere wie die Teufelsschlinge (macht genau, was man angesichts des Namens vermutet) oder die flugfähige Lenkpflaume sind komplett ihre Erfindungen.

Apropos mythologische Vorbilder: Hier gibt es reichlich Material. Sei es das Unsterblichkeitskraut aus dem Gilgamesh-Epos oder der Weltenbaum Yggdrasil aus der nordischen Mythologie, der ganze neun Welten auf seinen Zweigen und Wurzeln balanciert.

Und dann gibt es noch ganz reale Pflanzen, die jedoch wirken, als hätte sie sich jemand ausgedacht. Zum Beispiel ist nicht nur der englische Name des Löwenmäulchens, Snapdragon, solides Fantasy-Material, sondern sehen die Samenkapseln dieser Pflanze so sehr wie Totenschädel aus, dass sie wirkt, als habe jemand bei seinem Versuch, eine düstere Kulisse zu schaffen, zu dick aufgetragen. Wenn EMP-Kataloge Pflanzen wären …

Die Blume Orchis italica dagegen könnte die Erfindung eines Autors mit etwas kindischem Sinn für Humor sein – auf Englisch heißt sie nicht umsonst „Naked Man Orchid“. Und sie grinst.

Swantje Niemann

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