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Das verflixte 7. Jahr Weltretten

Literaturcafe7

Das Periplaneta Literaturcafé Berlin feierte seinen 7. Geburtstag.

Es gab keinen Geburtstagskuchen, kein Topfschlagen und keine Schnitzeljagd – also nichts, was man üblicherweise mit 7 so veranstaltet. Dafür gab es aber eine ordentliche Party – mit Sekt, Häppchen, mit ausgewählten Künstlern und vielen Gästen, manche auch von weither angereist.
Für all jene, die nicht an diesem sagenhaften Abend mit dabei waren, haben wir eine Bildergalerie zusammengestellt und … *Tusch* … veröffentlichen wir die Laudatio von Sarah. Denn sie plauderte aus dem Nähkästchen: über das Weltretten, Flopquoten, Alkohol, Wohnzimmer, Periplaneta und über Brüste …

Sarah 7 Jahre

Liebe Gäste und Gästinnen, ab jetzt verzichte ich auf das Gendern, denn es liegt mir nicht und stört meinen Lese- und Redefluss.
Gestern Abend habe ich noch mit Tom und Marry gechattet und am liebsten würde ich einfach unseren Trialog wiedergeben, denn eigentlich haben wir dort genau das gemacht, was wir immer machen: die Welt gerettet! – Und uns lustige Tiervideos geschickt … 😉
Aber wir haben schließlich eine Laudatio angekündigt. Daher hier nur die kurze Zusammenfassung: Alkohol ist eine Kohlenwasserstoffverbindung, wovon ich leider als Lektorin nichts verstehe, obwohl das Periodensystem größtenteils aus Buchstaben besteht. Die chemische Formel lautet: C2 H5 OH. Und genau dies hatte Tom als Blutgruppe auf seinem Motorradhelm stehen. Und dann ging es noch um Brüste, die den Rhythmus beim Joggen vorgeben und vielleicht sogar Vorhersagungen treffen können … Weltretten eben.

Wer Tom und Marry kennt, der weiß, dass Geburtstage für sie nicht die wichtigsten Anlässe sind. Aber diese verflixten sieben Jahren, die wollten auch sie würdigen. Denn dies bedeutet, dass sie keine Neugründer mehr sind und auch nicht mehr als Zugezogene betrachtet werden können, sie dürfen nun endlich Berlinern und unfreundlich sein … Wenn das kein Grund zum Feiern ist!
Natürlich muss da eine Rede gehalten werden, eine, die ein bisschen lobhudelig ist, also eine Laudatio. Da habe ich mutig den Arm gehoben und gefragt: „Darf ich denn die Rede halten?“
Schließlich gibt es mich hier erst seit drei Jahren. Davon ein halbes Jahr als Projektassistentin, denn Praktikanten gibt es hier nicht, ebenso wenig wie Hierarchien. Dieses halbe Jahr hat mich damals so sehr überzeugt, dass ich Teil dieser Community, dieser Familie, sein wollte.

WdB2016Periplaneta

Denn als ich vor über drei Jahren beim Vorstellungsgespräch an einem der Tische saß und Marry mich fragte, wohin ich denn eigentlich wolle, druckste ich rum und sagte in einem entschuldigenden Ton: „Na, eigentlich will ich ja Lektor sein …“
Darauf folgte ein fast einstündiger Vortrag von Tom, an den ich mich leider nur noch in Stichworten erinnere … irgendwas mit Amazon, Buchhändlersterben, Risiko, scheitern und noch weiteren unfassbar positiv konnotierten Wörtern. Aber ganz zum Schluss fiel der Satz: „Dann tu es doch einfach!“
Nach zwei Stunden Gespräch und einer Zusage stand ich draußen, grinste und wusste, dass ich genau hier hinwollte.
Und so möchte ich diesen Moment nutzen, Tom und Marry für die Chance zu danken, dass ich mich beweisen durfte und dass ich meinen Traumberuf Lektorin ergriffen habe, denn ich untertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich ohne den Zuspruch der beiden diesen Schritt nicht gewagt hätte.

Als ich das Literaturcafé zum ersten Mal betrat, hatte ich so ein heimeliges Gefühl. Und nicht nur mir ging es so. Es kommt nicht gerade selten vor, dass Menschen unser Literaturcafé betreten und sagen: „Oh, ist das schön bei euch, so eine angenehme Atmosphäre, wie in meinem Wohnzimmer.“
Genau dies war der Anspruch einer Filmrestauratorin und eines Flüchtlings aus dem Thüringer Wald. Als Tom und Marry mit dem Verlag starteten, fand dies alles noch in ihrem echten eigenen Wohnzimmer statt. Aber da Bücher ja viel Platz in Anspruch nehmen, wurde es irgendwann zu eng und so wurde ein passender Raum für das neue Verlagszuhause gesucht.
Dass dies keine einfachen Büroräume sein konnten, in denen nur ein paar MacBooks, Schreibtische, Bücherstapel und Grünpflanzen rumstehen, war klar. Es sollte ein Ort der Kreativität sein, des Zusammenkommens, zum Netzwerken, vielleicht mit einer Bühne, vielleicht ein Ort zum Arbeiten und für die Freizeit – und vielleicht auch mit gutem Bier.

PeriplanetaLiteraturcafe4
Wie sie mir einmal erzählten, hatten sie die Wahl zwischen einem kleineren, aber wirtschaftlich sinnvolleren Laden und diesem großen hier. Doch erfolgreiche Unternehmen haben nun mal eine kalkulatorische Flopquote von 70 (!) Prozent. Wer Angst vor dem Scheitern hat, kann sich nicht weiterentwickeln. Schon damals risikobereit und mit einem starken Glauben an das, was sie da vorhatten, entschieden sie sich für dieses ehemalige Internetcafé.
Dass die vorherigen Besitzer nicht nur Computer zur Verfügung stellten, merkten die beiden erst, als fast täglich irgendwer hereinkam, sich umsah und auf den Tresen gestützt fragte: „Was steht denn heute auf der Speisekarte?!“
Es dauerte mindestens ein Jahr, bis diese Menschen verstanden hatten, dass Tom und Marry es ernst meinten, wenn sie sagten: „Bier und Bücher!“
Doch jetzt ist Periplaneta längst bekannt als das Zuhause unterschiedlicher Veranstaltungen. Seit nun sieben Jahren prägt das Literaturcafé mit seinem vielfältigen Programm die Kulturlandschaft Berlins.
Neben hauseigenen Autoren unterstützen wir auch verlagsfremde Künstler. Denn wir wissen: Auch andere machen gute Bücher, Musik und Kunst, auch andere haben etwas zu sagen. Das kann natürlich auch mal anders ausgehen als erwartet, positiv wie negativ.

Literaturcafé 2012
Unser Veranstaltungskalender ist nicht stringent, sondern klassische Lesungen, subkulturelle Lesebühnen und Kabarettveranstaltungen finden hier genauso statt wie Konzerte mit Liedermachern, Filmvorführungen und Expertenvorträge mit anderen Diskussionslustigen. Eben alles, was den Anspruch hat, die Welt zu retten, was frei ist und unabhängig, was zum Denken anregt und all jenes, das aneckt.
Genau diese Vielfalt ist es, die Periplaneta und das Literaturcafé so erfolgreich machen und uns ganz besonders am Herzen liegen.

In diesen drei Jahren, die ich nun schon zu diesem Team gehöre, habe ich so viel über das Büchermachen und Künstlerdasein gelernt, über das Planen von Events, die Arbeit mit Künstlern, aber auch sehr viel über Menschen und über mich.
„Praktiziere, was du predigst!“ und „Tu das, was dich glücklich macht. Und tu es nur für dich selbst!“ sind zwei der wichtigsten Grundsätze, die Tom und Marry vertreten, die sie anderen ans Herz legen und die es ihnen überhaupt möglich machen, seit so vielen Jahren ein so konsequent hohes Niveau an Kunst zu produzieren, zu planen, aufzuführen und sich dabei nie zu verbiegen. Dieses Literaturcafé wäre ohne euch beide nicht dasselbe. Denn ein Wohnzimmer ist nur immer genau so heimelig und authentisch wie seine Familie.

Sekt für alle, auch für Käfer
Und weil ich dank euch Lektorin bin und weiß, wie man Texte kurz und bündig beendet, sage ich nun noch im Namen von uns allen: Ihr seid großartig, hört nie auf, euch so genial und vielfältig weiterzuentwickeln und andere mit eurer Liebe zur Kunst und zu Freiheit, eurem Drang zum Weltretten und Anecken anzustecken.

Liebe Sarah, Danke für so eine phantastische Lobhudelei. Eine bessere Family kann man sich gar nicht wünschen 🙂 Und natürlich auch Danke an alle Künstler und Gäste, die so engagiert und zahlreich da waren – für die nächste Party müssten wir eigentlich in noch größere Räume umziehen … Aber die kalkulatorische Flopquote darf man ja auch nicht überstrapazieren 😉