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La Galerie Abstruse

Thomas Manegold im Gespräch mit SchockKultur

Thomas Manegold gab dem Magazin „SchockKultur“ ein Interview:
Mit Thomas Manegold produzierten Jennifer Sonntag und andere junge Autoren 2007 ein Hörbuch, das Sehenden den Schritt in diese fremde Welt erleichtern sollte und sowohl die Ängste als auch das Fassen von Mut in ganz einzigartiger Weise vermittelt: „Die Sehenden sind taub in den Augen der Blinden“. Dazu haben wir ToM einige Fragen gestellt.

SchockKultur: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jennifer Sonntag beziehungsweise zur Idee, ein Hörbuch für die Lesungen im Dunkeln zu machen?
ToM: Wir trafen uns zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich war gerade dabei, zusammen mit Marion Müller das Hörbuchlabel Silbenstreif zu gründen und ich wurde zugleich auf Jennifers Tätigkeit als Autorin aufmerksam. So begann ein reger E-Mail Verkehr in dem sie mir von ihrer Vision einer Lesung im Dunkeln berichtete und ich ihr meine Hilfe anbot, da ich die Idee sehr schön fand. So fing es an. Inzwischen ist Silbenstreif die Hörbuchabteilung von Periplaneta.

SchockKultur: Du bist derzeit als Autor in Berlin tätig, an welchen Projekten arbeitest du, dürfen wir mit einem neuen Buch rechnen?
ToM: Derzeit bin ich voll und ganz mit Satz und Covergestaltung anderer Titel beschäftigt, so beispielsweise Andreas Kecks neuer Roman „Ruhm!“ oder das Hörbuch „Märchenland im Müll“, das demnächst bei Periplaneta erscheint. Meine eigene jüngste Veröffentlichung ist das Hörbuch „Rattenfänger“. Das nächste Buch kommt im Oktober 2009 heraus und wird „r.evolution of mind“ heißen.

SchockKultur: Plant ihr weitere Hörbuchumsetzungen als Einführung in die Welt der Blinden?
ToM: „Die Sehenden…“ war nur eine Auftragsarbeit nach einem Skript mit fertigen Texten, denen wir eigene Beiträge, Korrekturen und diverse Atmo hinzufügten. Jedoch werden wir Jennifer in Zukunft weitere Hörbücher zur Verfügung stellen, die zwar nicht das Blindsein thematisieren, sich aber gut für solche Veranstaltungen, wie Lesungen im Dunkeln eignen. Ich denke da an „Die Mitternachtsraben“ von Christian von Aster oder diverse atmosphärische Tracks aus anderen Autorenhörbüchern. Wir sind durch Jennifer aufmerksamer geworden und versuchen, in unserer verlegerischen Arbeit wo es geht „barrierefrei“ zu arbeiten. Auf meinen diesbezüglichen Recherchen bin ich auch auf einige Dinge gestoßen, die ich nicht verstehe. Das Problem ist ja nicht nur, dass man seine Produkte „Blindenkompatibel“ bauen muss, man muss sie auch Hilfsmittelkompatibel machen und genau das kann sich eigentlich keiner leisten, andererseits kann man auch jenseits obskurer Formate und Blindenschrift einiges tun, um Blinden den Zugang zu seinem literarischen Produkt zu erleichtern. So sind Texte als rtf oder doc, (in wenigen Monaten auch epub) relativ einfach zu erstellen und einer CD beizufügen. Diese Dokumente können Blinde meist problemlos auslesen lassen, was mit pdfs oder eigenen Scans nur bedingt funktioniert. Sehende sollten es gar nicht erst probieren, einen Rechner mit geschlossenen Augen zu bedienen. Sie finden in der Regel nicht mal die Umschalttaste auf Anhieb.

SchockKultur: Deine Gedichte Chant I und II setzen sich direkt mit dem Thema der Vorurteile gegenüber anderen auseinander, entstanden sie vor dem oder für das Hörbuch?
ToM: „Die Sehenden sind taub in den Augen der Blinden“ war einmal der Titel meiner Webseite und eigentlich sprichwörtlich gemeint … und er hat Jennifer so gut gefallen, dass wir den Vierzeiler mit in das Hörbuch eingebaut haben. Natürlich ist Blindsein ein Handicap, jedoch „nur“ in der Welt der Sehenden. Blinde Menschen können genau in diesem Sinne den sehenden Menschen etwas beibringen. Nämlich dass auch die Normalen in anderer Hinsicht oder an einem anderen Ort ebenfalls eine Minderheit sind. Das muss nicht einmal mit dem Augenlicht zusammenhängen.

SchockKultur: Die Gruftie-Szene hat dich, nach eigener Aussage, lange begleitet. Fühlst du dich ihr heute noch zugehörig oder war sie eher ein Kapitel deiner Jugend?
ToM: Nein, als bloßes Kapitel meiner Jugend kann man das nicht bezeichnen, auch wenn man mit zunehmenden Alter weniger Energie in die Party steckt und sich nicht mehr ganz so verrenkt, um die Mädels zu beeindrucken (lächelt). Ich bin jetzt 40. Meine Lieblingsbands sind u.a. Tool, Omnia, Faun, Dead Can Dance, Combichrist und die Letzte Instanz, mit denen wir ja auch grad ein Buch gemacht haben. Ich bin immer noch einer von den „Gruftis“, allerdings kann ich, wie alle Aktiven, mit dem Szeneding nichts anfangen. Szenen sind weder Orte noch die Personen, die darin vorkommen und schon gar keine Schubladen, in die man Personen stecken kann. Szenen sind Ereignisse, die passieren, sei es im Film oder im richtigen Leben. Man kann sich entscheiden, ob man Regisseur, Schauspieler, Komparse oder Zuschauer ist. Thats it, auch bei den Gruftis. Und ich wollte mich mit 20 schon nicht aufs Zuschauen beschränken, sondern mitmachen.

SchockKultur: Zwischen der Arbeit als Autor, Produzent, DJ, bleibt da noch Zeit für ein Privatleben, oder anderes gefragt: Wie sieht dieses aus?
ToM: Es gibt kein Privatleben, es gibt auch keine Arbeitswelt, weder zeitlich noch inhaltlich. Das ist eins. Mein Beruf ist ToM. Ich definiere mich ausschließlich durch sinnvolle, schöpferische Tätigkeiten und komplexe Gedanken, die ich mitunter aufschreibe. Ich lebe durch den ewigen Kampf zwischen Emotion und Ratio. Ich bin öffentlich, außer, wenn ich auf dem Klositze. Abschalten und Erholung sind pathologische Notwendigkeiten. Nicht der Zusammenbruch ist schlimm, sondern die Zeit danach, wenn man nichts tun kann. Workaholics sind so und können nicht anders. Manchmal ist das ein Fluch, manchmal ist das total heroisch. Frag mal Bruno Kramm (lacht).

SchockKultur: Vielen Dank für das Interview.

Das Gespräch führte Johannes Peschka.

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