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Jana Volkmann “Metamorphosen”

Jana Volkmann @ Silbenstreif Studio

Interview zu Kurzgeschichtenband “Schwimmhäute”.

„Schwimmhäute“ ist  Jana Volkmanns Debüt. Ihre 26 Metamorphosen erzählen von seelischen wie physischen Verwandlungen, von Erinnerungen, Sehnsüchten und Verletzungen. Hierbei beleuchtet die Autorin auf feinfühlige Art die menschliche Psyche mit ihren zerreißenden Widersprüchen, Emotionen und alltäglichen Kämpfen.

Nadine Heßdörfer sprach mit der Autorin über ihren Schreibprozess und vornehmlich über die Figuren in ihren traumwandlerischen Kurzgeschichten, die zwischen Realität und Phantasie (ver)schwimmen. Irgendwo in der Großstadt, zwischen Altbauwohnungen, Sushibars, Swingerclubs, Verliesen und Bewusstseinszuständen…

Die titelgebende Geschichte „Schwimmhäute“ erzählt von grausamen Erlebnissen und deren Auswirkungen, mit denen eine Frau namens Nr. 156 zurecht kommen muss. Welche Bedeutung hat für dich der Buchtitel „Schwimmhäute“?

Jana Volkmann: Diese Kurzgeschichte ist für mich eine der wichtigsten überhaupt, weil ich beim Schreiben von „Schwimmhäute“ zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass die Handlung sich verselbständigt und lebt. Das war also ein ganz persönliches Erlebnis, das ich schwer beschreiben kann, das mich und mein Schreiben aber ziemlich geprägt hat. Es war die erste Geschichte von denen, die im Buch zu finden sind, und damit hat sie einen Sonderstatus. So stelle ich mir das mit erstgeborenen Kindern vor: Eigentlich möchte man das nicht, aber man hat sie doch ein bisschen lieber als die anderen, egal, wie einen das Gewissen deshalb plagt und egal, wie wenig man es sich eingestehen möchte. Außerdem finde ich den Titel halbwegs repräsentativ, weil er so etwas Tierisches und Körperliches hat, das sich häufig in meinen Texten findet. Er drückt für mich die Essenz vieler meiner Geschichten aus, es geht mir häufig um Verwandlungen, die sich – jedenfalls in der Imagination – in der Physis meiner Figuren widerspiegeln, also um Metamorphosen, hin zu den Schwimmhäuten, raus aus dem Mangelkörper.

Jana Volkmann
Jana Volkmann

Du hast einmal gesagt, dich interessiert, was sich an den Rändern abspielt. Welche Ränder meinst du damit genau?

Jana Volkmann: Ich hatte schon immer eine Schwäche für Figuren, die irgendwie abseits stehen. Das muss nicht das ganz klassische Außenseiter-Szenario sein, aber auch das hat für mich seinen Reiz, jedenfalls, wenn es nicht ewig gleich abgehandelt wird. Ich mag es, wenn die Menschen in meinen Geschichten und in denen, die ich lese, straucheln und scheitern. Gern an den gesellschaftlichen Konventionen, die den Rahmen vorgeben, aus dem sie herausfallen. Aber fast noch lieber mag ich es, wenn sie an sich selbst scheitern. Hauptsache, nicht wegen irgendwelcher Schicksalsschläge. Flugzeugabstürze, Gewaltverbrechen und tödlich verunglückte Liebhaber interessieren mich einfach nicht.

Und was ist für dich „die Mitte“?

Jana Volkmann: Naja, das sind auch keine Flugzeugkatastrophen, Verbrechen und Unfallopfer. Die Mitte ist noch viel schwerer zu definieren als der Rand, und doch weiß jede und jeder, was gemeint ist, wenn man von „Maß und Mitte“ spricht.

Oft sind es introvertierte, spröde weibliche Protagonisten, die sich ihren Erinnerungen, Sehnsüchten, Begierden und Verletzungen hingeben. Gibt es einen Grund, warum du die männliche Psyche außen vor lässt?

Jana Volkmann: Mir wurde sogar nach einer Lesung mal vorgeworfen, dass die Männer in meinen Geschichten nicht besonders gut dastehen würden. Für mich klang das, als sähe man mich als absolute Männerfeindin, und ich denke, so war das auch gemeint, ein bisschen jedenfalls. Das hat mich getroffen, weil ich finde, dass in vielen Geschichten Männern eine ganz wesentliche Rolle zukommt – zum Beispiel in „Abendessen mit Kublai Khan“ oder „Große Fische, kleine Fische“. Mich brachte dieser Vorwurf auch deshalb etwas in Bedrängnis, weil ich mich durchaus als Feministin sehe und als solche eigentlich diese konventionelle, binäre Männer-Frauen-Geschichte für überholt halte. Das ist mir zu einfach, so möchte ich das nicht sehen. Andererseits sind mir weibliche Figuren, egal ob beim Schreiben oder beim Lesen, immer so viel näher, und wenn ich an einer neuen Geschichte arbeite, lasse ich mich davon natürlich beeinflussen. Ich sage mir nie von vornherein: Ich schreibe eine Geschichte aus der Sicht einer Frau. Sondern diese Sicht ist offenbar schon da, ehe der Schreibprozess losgeht. Ich wüsste selbst sehr gern, warum.

Wie läuft die konzeptionelle Arbeit /der Schreibprozess bei dir ab, hast du die Figuren schon komplett in deinem Kopf oder entwickeln sie sich und ihre Widersprüche erst beim Schreiben?

Jana Volkmann: Definitiv erst beim Schreiben! Oft habe ich als Ausgangspunkt nur eine ganz vage Idee im Kopf, etwas, das mich kitzelt und nicht mehr loslässt; eine Stimmung oder eine Situation, einen Ort, einen Gegenstand, manchmal noch weniger. Der Rest passiert während des Schreibens. Nicht selten bewege ich mich dabei weit weg von der ursprünglichen Idee. Ich habe neulich Yoko Tawada bei einer Lesung gehört, und sie hat gesagt: „Alles was man denkt, vergisst man in dem Moment, wo man schreibt.“ Das kann ich nachvollziehen, ich denke, bei mir funktioniert es ähnlich. Ich konstruiere meine Geschichten nicht, ich schreibe nicht wie eine Architektin Häuser plant, sondern vielleicht eher Art-Brut-mäßig, recht impulsiv. Ich mag es, wenn meine Figuren schnell laufen und unabhängig zu denken lernen und mich überraschen.

Du bist Mitglied der Wanderlesebühne Straßenmädchen (blaues Herz). Wie hat die kontinuierliche Konfrontation mit Publikum deinen Schreibstil geprägt?

Jana Volkmann: Ich habe mich eigentlich nie als jemand begriffen, der für die Bühne schreibt. Aber ich habe mit der Zeit halbwegs gelernt, welche meiner Texte sich fürs Vorlesen eignen und welche eher nicht. Danach wähle ich heute aus, was ich auf der Bühne präsentiere, aber während des Schreibens denke ich noch nicht daran, wie der Text wirkt, wenn er laut gelesen wird. Andererseits bin ich manchmal erstaunt, wie groß der Unterschied sein kann, ob man etwas leise oder laut liest, und gebe manchen Geschichten gern eine Chance, von denen ich nicht sicher bin, ob sie vorgelesen überhaupt irgendeine Wirkung erzielen, etwas bewegen können.

Viele deiner Figuren verschwinden, sie verirren sich, strampeln in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen und Begegnungen. Und manchmal verwandeln sie sich. In was würdest du dich verwandeln, wenn du könntest?

Jana Volkmann: Das Irre an solchen Metamorphosen ist ja, dass der Schmetterling bereits in der Raupe steckt. Und die Raupe im Schmetterling bleibt. Es ist meiner Ansicht nach unglaublich schwer, zwischen einer Verwandlung und einem neuen Entwicklungsstadium zu unterscheiden. In diesem Sinne würde ich mich natürlich gern immer, immer weiterentwickeln, mehr lernen, mehr wissen, mehr sehen, weniger zweifeln, weniger hadern, mehr schreiben. Ein bisschen mehr so sein, wie ich gern wäre – ich denke, was das angeht, bin ich sehr normal. Evolution ist eine großartige Sache, egal, ob dabei der erste homo sapiens herauskommt oder einfach eine etwas optimierte Jana. Der Gedanke, ein Mann, eine Katze oder für einen Tag Michelle Obama zu sein, regt mich, bei allem Respekt für Männer, Katzen und Politikergattinnen, zum Glück eher nicht an.

Wie viel Jana steckt in all den Frauenfiguren?

Jana Volkmann: Ich habe immer Angst vor dieser Frage und sage dann jedes Mal, wenn sie mir gestellt wird – und das passiert nicht so selten: null, gar nichts, damit habe ich nichts zu tun. Und tatsächlich habe ich noch nie bewusst autobiografisch geschrieben. Selbst ein Tagebuch zu führen fällt mir schwer. Natürlich mag es sein, dass die Tatsache, dass ich meine Figuren nachempfinden kann, etwas über mich aussagt. Ich wäre da allerdings sehr vorsichtig mit Spekulationen.

Du wohnst seit fast fünf Jahren in Berlin. Was macht denn die Autorin Jana Volkmann, wenn der Regen an die Fensterscheibe peitscht oder die Großstadt droht, sie aufzufressen?

Jana Volkmann: Regenwetter macht mir zum Glück wenig aus. Aber natürlich habe auch ich solche Tage, an denen mir Berlin und der Hype um diese Stadt wahnsinnig auf die Nerven geht. Dann lasse ich die Jalousien unten und höre Musik, ich kann außerdem unvorstellbar viel Zeit im Internet verbringen, praktisch ohne überhaupt irgendwas zu tun, oder ich lese ein Buch. Das klingt alles ganz banal, aber solche kleinen Fluchten ins Innere meiner Wohnung sind mir sehr wichtig. Ich bin sicher, dass die Langeweile, die sich an solchen vertrödelten Tagen einstellt, etwas sehr Produktives bewirken kann, danach spüre ich oft erst meine eigene Neugier, danach will ich oft erst wirklich raus aus der Wohnung. Überhaupt wird Langeweile völlig zu Unrecht so verteufelt, finde ich. Aber das ist wohl wieder ein ganz anderes Thema. Den Impuls, die Stadt zu verlassen, kenne ich jedenfalls nicht – ich habe keine Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land, nicht einmal temporär.

Was bedeutet für dich Heimat?

Jana Volkmann: Ich denke nicht, dass Heimat eine geografische Konstante ist. Vielmehr ist es ein Gefühl, das man hat, wenn man etwas wiedererkennt, wenn man mit einem Ort viele  Erinnerungen verknüpft, wenn man nicht nach dem Weg fragen muss, sondern jeden Lichtschalter im Dunklen findet, ohne groß zu tasten. Und wenn man sich in dieser Dunkelheit auch noch sicher und behütet fühlt. Dieser Ort muss gar kein Ort im engeren Sinne sein. Viel Heimat tragen wir in uns drin oder mit uns herum, oder finden sie in unseren Freunden, Liebschaften, in der Familie, in dem Lachen, das dir jemand Spezielles schenkt, wenn ihr zusammen wartet, dass die Ampel grün wird. Und dann fühlst du dich plötzlich wie beim allerersten Mal, als du mit diesem Jemand an einer Ampel gestanden und auf Grün gewartet hast. Oder wenn dir beim Aufräumen ein alter Brief in die Hände fällt und du noch genau weißt, wie sich das angefühlt hat, als du ihn aus dem Briefkasten gezogen hast. Bücher, die du schon mal gelesen hast – das ist ein ganz eigenes Thema, aber auch darin steckt viel Heimat. Der Ort, aus dem man kommt, kann einem dafür unheimlich fremd sein, sicher auch, weil man sich vor dem behutsam überholten und restaurierten früheren Ich, das dort noch immer wohnt, instinktiv distanzieren möchte.

Was hat deine Arbeit an dem ersten eigenen Buch in dir verändert?

Jana Volkmann: Ich musste mich viel kritischer mit meinen Texten auseinandersetzen. Wenn so eine Geschichte auf der Festplatte ruht, ist noch vieles offen. Du kannst jederzeit ein alternatives Ende hinzufügen. Die Namen der Protagonistinnen zum achten Mal ändern, weil du jemanden kennengelernt hast, der zufällig auch Melanie Niemeyer heißt. Kürzen und ergänzen, verwerfen, Schreibfehler korrigieren oder nochmal schnell etwas recherchieren, wenn du bei einer Jahreszahl geschludert oder die Kommaregeln vergessen hast. Aber nun sind die Geschichten nicht mehr in diesem ewigen Rohzustand, sondern fertig – und diese Endgültigkeit fühlt sich ungewohnt an, aber sehr gut. Mein Buch hat also in erster Linie meine Geschichten verändert, die sind jetzt erwachsen geworden, und das ist ja auch etwas in mir.

Vielen Dank für das ehrliche Gespräch.

Interview: Nadine Heßdörfer

www.janavolkmann.de

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