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Erotik ist alles, was man nicht sieht.

Liebe mit Laufmaschen periplaneta

Interview mit Jennifer Sonntag und Dirk Rotzsch.

2006 erschien in einem kleinen Verlag in Leipzig die atemberaubende, autobiografische Geschichte „Märchenland im Müll“ von Constanze S., das 2009 auch als Hörbuch im Periplaneta Verlag aufgenommen und veröffentlicht wurde. Hinter dem Pseudonym Constanze S. verbarg sich damals Jennifer Sonntag, die in diesem Buch auch ihre schleichende Erblindung aufarbeitete.

Mittlerweile ist Jennifer Sonntag diplomierte Sozialpädagogin und Moderatorin beim MDR. Dort interviewt sie in ihrer Sendung „SonntagsFragen“ regelmäßig prominente Gäste. Bei uns sitzt sie heute zusammen mit Dirk Rotzsch auf dem Sofa und zur Abwechslung stellen wir die Fragen. Anlass ist ihr gemeinsamer Kurzgeschichtenband „Liebe mit Laufmaschen“.

Auch wenn es bereits spezielle Strumpfhosen für Männer gibt, gehe ich davon aus, dass eher Jennifer dieses Problem kennt: Laufmaschen. Was ist dein bestes Mittel dagegen?

Jennifer Sonntag: Sie laufen und Geschichten erzählen lassen … Aber diesen schöpferischen Ansatz lässt mein Berufsalltag leider nicht zu und ich habe immer eine Packung Ersatzstrümpfe dabei. Außerdem habe ich einen Strumpfhosenanbieter entdeckt, der den absoluten Laufmaschen-Stop verspricht. Was mein bestes Mittel zum Erzeugen von Laufmaschen ist – da hätte ich mehr zu erzählen …

Jennifer-Sonntag_by_Agy-Reschka
Jennifer Sonntag

Jetzt bin ich natürlich neugierig.

Jennifer Sonntag: Was Laufmaschen erzeugt? Das Leben mit all seinen Reibungspunkten, ein Spaziergang durch die Dornenhecke und natürlich erotische Begegnungen, wobei diese drei Dinge im übertragenen Sinne eng miteinander verbunden sind. Meine leidenschaftlichsten Liebhaber in dieser Hinsicht sind allerdings eher Rockkonzerte gewesen. Dort habe ich mir stets die heftigsten Laufmaschen gezogen.

Was genau symbolisiert die Laufmasche für dich?

Jennifer Sonntag: Sie ist ein inspirierender Fehler. Der unerwartete Riss macht mit seiner Metaphorik eine Person oder Situation erst erzählenswert. Ich interessiere mich schon immer für die Laufmaschen in den Lebensgeschichten der Menschen, die Widerhaken, an denen sie sich ziehen, und die erotischen Fäden, die sich daraus entspinnen.

Wie definiert ihr Erotik?

Dirk Rotzsch: Erotik ist alles, was man nicht sieht.

Jennifer Sonntag: Wenn man davon ausgeht, dann ist alles um mich Erotik. Das ist natürlich nur ein Spaß, aber manchmal ist da was dran. Durch das Nichtsehen lasse ich mich sehr stark auf Fantasie und Sinnlichkeit ein, da die echten Bilder fehlen. Erotisch sind für mich unsichtbare Schwingungen, das kann der Umgang mit Stimme und Sprache sein, ein Hauch, eine Betonung, aber auch Intelligenz, ein reizvolles Agieren, ein Geruch, eine Berührung, ein Geschmack, Herzenswärme, Taktgefühl.

Wie wichtig war Sigmund Freud für die Sensibilisierung des Themas Sexualität?

Dirk Rotzsch: Ich denke, er hat seinen Teil dazu beigetragen, die Folgen der Christianisierung und somit den Einfluss der Kirche auf die Sexualmoral zu verringern. Ganz ist das nicht gelungen, wenn man bedenkt, was heute als verwegen angesehen wird.

Dirk Rotzsch by Jörn Rohrberg
Dirk Rotzsch

Jennifer Sonntag: Na, den Penisneid lasse ich mir nicht gefallen. Freuds Auswirkungen auf die damalige Kunst- und Literaturszene öffnen mir noch heute unzählige Türen und ich habe den Eindruck, mit der frühen erotischen Literatur verwandter zu sein als mit heutigen Erotik-Bestsellern. Momentan bin ich sehr inspiriert von den stark psychoanalytisch geprägten erotischen Texten und den Tagebüchern der Anaïs Nin.

Der derzeitige Erotik-Besteller ist die Trilogie „Shades of Grey“. Inwiefern haben speziell diese Bücher den Markt für erotische Literatur geprägt?

Jennifer Sonntag: Ich habe ihm versprochen, keine Shades of Grey-Fragen zu beantworten. Ich kann hier leider keine Ausnahme machen. Mir sind die Hände gebunden

Dirk Rotzsch: In allererster Linie hat es den allgemeinen Erotik-Markt geprägt, denn zum Beispiel gab es bei Rossmann auf einmal After-Spanking Creme zu kaufen.
Aber eigentlich haben die Bücher ein Schlaglicht auf das Sexleben der Gesellschaft geworfen: Wenn das schon verrucht ist, wie sieht dann das durchschnittliche Sexleben der Deutschen aus? Da erhält das Wort Beischlaf eine ganz neue, eher ernüchternde Bedeutung.

Die Gesellschaft scheint immer offener im Umgang mit Sexualität und Erotik zu werden. Trotzdem werden Bilder oder auch Buchcover von Webseiten entfernt, auf denen beispielsweise Brustwarzen zu sehen sind. Wie erklärt ihr euch diese Zensur in den Medien?

Jennifer Sonntag: Mich darf man das nicht fragen. Das ist so ein Phänomen der sichtbaren Welt. Ich erlebe Worte, Texte, Literatur oft so intensiv erotisch und niemand stößt sich daran. Die gleichen Worte in Bilder gefasst, lösen einen Skandal aus. Manchmal erlebe ich es auch umgekehrt. Ein Bild oder eine erotische Darstellung in einer Ausstellung wird von allen Besuchern ganz selbstverständlich betrachtet. Bitte ich aber um eine Bildbeschreibung, geniert man sich, dann sind die Worte die Grenzüberschreitung.

Dirk Rotzsch: Ich denke, wir haben es hier mit verschiedenen Phänomenen zu tun. Sex als Marktinstrument: ja und unbeschränkt. Daneben gibt es aber die Hyperkorrekten, für die ein Telegraphenmast ein Phallussymbol darstellt.
Die Zensur im deutschen Buchmarkt hat aber auch viel mit der Bigotterie der Amerikaner zu tun, die ja den deutschen Markt beeinflussen. Lieber ein Opfer durch das Fadenkreuz einer Schusswaffe auf dem Cover als eine weibliche Brust.

Vielen Dank für das Interview.

Sarah Strehle