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Eiskalt erwischt!

Wie Schiffe sinken und Menschen erfrieren.

„Schwarzer Frost“ kann tödlich sein: Auf der Wikipedia-Liste bedeutender Havarien zwischen 1950 bis 1999 finden sich gleich fünf Unglücke, bei denen er als Ursache genannt wird. Der Begriff bezeichnet Eisschichten, die bei hoher Luftfeuchtigkeit oder Niederschlag auf unterkühlten Schiffsoberflächen entstehen. Das dadurch angesammelte Gewicht verschiebt den Schwerpunkt des Schiffs, das dadurch kentern kann. Die einzige Abhilfe ist das schnellstmögliche Ansteuern wärmerer Gefilde.
Genau diese Eigenschaften veranlassten den Autor David Wonschewski, sein Romandebüt auf den Namen „Schwarzer Frost“ zu taufen: „Mit Seefahrt hat der Roman nichts zu tun, aber mir gefiel dieser Begriff, lässt er sich doch gut auf die Psyche des Menschen übertragen. Manche Menschen gehen nach und nach kaputt an ihrer Umwelt, sie vereisen.“

Wenn ein Mensch nicht psychisch sondern körperlich vereist, geht es etwas schneller. Bei unter null Grad und ohne Kälteschutz schafft es der Körper nur circa 15 Minuten, die lebenswichtigen Funktionen aufrechtzuerhalten.

Zuerst wird die Durchblutung der Extremitäten durch Gefäßverengung eingeschränkt. Um sich aufzuwärmen, beginnt der Körper zu zittern, Herzschlag und Atmung beschleunigen sich. Nach dieser Anfangsphase beginnt die Kerntemperatur des Körpers unweigerlich zu sinken.
An Armen und Beinen treten die ersten Erfrierungserscheinungen auf: Die Haut wird weiß-grau, schmerzt und beginnt abzusterben. Wer sich rechtzeitig aufwärmt, kann im Krankenhaus später die Folgen betrachten: entweder infektiöse Blasen oder gleich schwarzes, verhärtetes Gewebe.

Eigentlich versagen die Nervenzellen unter Kälte den Dienst, aber es gibt Back-Up-Kanäle, die nur unter extrem niedrigen Temperaturen arbeiten; damit es auch weiterhin schön weh tut. Erst wenn die Kerntemperatur unter 32 Grad fällt, macht sich allgemeine Taubheit breit. Das Gehirn arbeitet inzwischen so langsam, dass Sprechen und koordinierte Bewegungen nicht mehr möglich sind. Die Energiereserven werden knapp; Puls und Blutdruck sacken ab. Dazu gesellen sich oft Wahnvorstellungen von Hitze, weshalb Betroffene sich in diesem Zustand ihrer Kleider entledigen. Spätestens jetzt ist man nicht mehr in der Lage, sich selbst zu retten.

Unter 30 Grad geht das Bewusstsein schrittweise flöten. Während die Organe noch arbeiten, sieht man von außen bereits wie eine Leiche aus, farblich irgendwo zwischen blau und grau, Muskeln und Pupillen sind vollständig erstarrt. Das Herz schlägt zwei bis dreimal pro Minute. Massive Herzrhythmusstörungen sind die finale Todesursache.

Ganz toll ist übrigens, wenn gutmeinende Helfer es mit dem Wiederaufwärmen eilig haben und einen beispielsweise in warmes Wasser legen: Die peripheren Blutgefäße weiten sich schlagartig aus, sodass der Blutdruck massiv abfällt und es gegebenenfalls zum Kreislaufkollaps kommt. Zusätzlich können im Gehirn Zellmembranen bedrohlich anschwellen oder kleine Blutgefäße bersten, wodurch der Betroffene an inneren Blutungen stirbt.

Wie war das noch bei Kant? „Es ist überall nichts auf der Welt zu denken […], was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“ Zu „Schwarzer Frost“ gehört eben auch eine Prise gleichfarbigen Humors.

Paul Waidelich

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