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“Die Fantasie ist mein Handwerkszeug”

Interview mit CKLKH Fischer

Mit der 60. Veröffentlichung bei Periplaneta wagten wir uns einmal mehr auf neues Terrain: CKLKH Fischers „Grosse Kannibalenschau“ ist der erste historische Roman im Sortiment! Er entführt den Leser ins Jahr 1899, in eine Zeit, wo in den Zoos neben Elefanten, Zebras und Löwen auch Eskimos und Beduinen aussgetellt wurden, wo Wilde auf Jahrmärkten und in Variétés zur Belustigung und Belehrung der Massen auftraten und den neugierigen Zuschauern „einheimisches Leben und Brauchtum“ vorführten. Um die Schaulust des Publikums zu befriedigen, suchten Agenten in allen Weltgegenden nach immer exotischeren „Ausstellungsobjekten“. Und so lässt CKLKH Fischer seinen Protagonisten Heinrich Hermann durch Deutsch-Neuguinea ziehen, um die idealen Wilden noch vor der Konkurrenz zu finden. Doch auch zurück in Hamburg findet Hermann keine Ruhe, denn seine Wilden streiken…

Kurz vor der Premiere des Buches sprachen wir mit CKLKH Fischer über seinen Debütroman, die notwendige Recherchearbeit und den Gemütszustand von Heinrich Hermann.

periplaneta: Die Vorstellung, Menschen aus fremden Kulturen im Zoo auszustellen, wirkt heute ja relativ befremdlich. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, einen Roman über die Zeit der Völkerschauen zu schreiben?
CKLKH Fischer: Menschen aus fremden Kulturen kann man ja auch – je nachdem von welcher Position man es beobachtet – einerseits bei DSDS, Bauer sucht Frau und Topmodel oder anderseits bei Arte-Kulturberichten und auf 3 SAT während der Klagenfurt-Übertragungen sehen. Menschen, deren Verhalten man nicht kennt oder nicht verstehen kann, faszinieren heute noch genauso und Geld wird ebenfalls damit gemacht. Die Inspiration für das Buch war jedoch eine Reportage über die Menschenzoos. Als ich erfuhr, dass die Wilden reguläre, rechtskräftige Verträge hatten, sie also wie Schauspieler und Artisten angestellt waren, habe ich die halbnackten Barbaren vor mir gesehen – und an ihrer Seite ihre steifen, norddeutschen Anwälte, die auf Einhaltung der Verträge pochten. Von da an nahm die Geschichte ihren Lauf.

periplaneta: Der Roman spielt in Hamburg im Jahre 1899. Wie viel Recherchearbeit war nötig, um diese Epoche so detailgetreu wiederaufleben zu lassen?

CKLKH Fischer: Vor allem was die Fakten zu den Völkerschauen anging, musste ich recherchieren. Auch die Organisation und Verwaltung in den Kolonien hatte ich gerade nicht zur Hand. Aber Hamburg war weniger schwierig. Diese Zeit ist ja nicht so weit weg. Ich selbst habe noch Erbstücke – Silberbesteck mit Monogramm, Bücher, Fotografien und Möbel. Überall in Deutschland gibt es noch viele Erinnerungen an die Kaiserzeit und da ich neuere Geschichte studiert habe, sind mir die grundlegenden Fakten bekannt. Der Rest ist Fantasie – mein Handwerkszeug sozusagen.

periplaneta: Auch wenn diese Zeit noch verhältnismäßig nah scheint, gibt es doch vieles, was aus heutiger Sicht überrascht. Ist dir die Epoche denn sympathischer oder unsympathischer geworden durch deine Recherchen?
CKLKH Fischer: Weder noch. Wenn man Sherlock Holmes, “Der Untertan” oder erst kürzlich “Gegen Den Tag” gelesen hat, sind einem die Grundzüge ja bekannt. Es ist eine medial relativ gut reproduzierte Zeit, die man aus vielen Filmen, Serien und erst recht Büchern kennt. Und wenn man in der Schule ein wenig zugehört hat, weiß man eigentlich viel von den Gründerjahren, über die damalige Politik oder den Jugendstil.

periplaneta: Das Faszinierende ist, dass diese Zeit ihren Reiz nie verliert. Es ist eine ganz besondere Phase des Übergangs, des großen Umbruchs in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Wie war deine Herangehensweise an einen solchen Roman? Ist die Geschichte im Kopf bereits fertig, wenn du die erste Zeile schreibst, oder entwickelt sich die Geschichte erst während des Schreibens?
CKLKH Fischer: In diesem Fall hatte ich die Grundzüge recht schnell zusammen – die Grundidee mit den Anwälten führte zu einer speziellen Dramaturgie. Die Details entstehen dann unterwegs – man selbst lernt viele Charaktere erst während der Reise kennen, beobachtet, wie sie sich verhalten, und staunt, wenn sie ihren wahren Kern offenbaren. Die Recherchen gaben auch einiges vor. Nur bei Heinrich Hermann wusste ich von Anfang an, wer er war und wohin ihn sein Weg führen würde. Er war die zentrale Idee.

periplaneta: Heinrich Hermann pendelt zwischen zwei Welten. Da ist einerseits das gutbürgerliche Leben in Hamburg mit seiner Familie und ihren Erwartungen an ihn, andererseits muss er auf seinen Reisen in den Kolonien mit Bürokratie, der ungezähmten Natur und anderen Unwägbarkeiten umgehen. In beiden Welten fühlt er sich fremd und ist regelmäßig überfordert mit den Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Weshalb ein Protagonist, der derart mit inneren Problemen befrachtet ist? Reichen die äußeren Umstände, mit denen er sich herumschlagen muss und die ja wirdrig genug waren, nicht aus?
CKLKH Fischer: Es ging mir gerade um seinen Zustand. Und er hat ja nicht mit größeren Problemen zu kämpfen als jeder andere… trotz der exotischen und, von außen betrachtet, aufregenden Umstände. Für ihn selbst ist es die gleiche Routine, der gleiche Stress wie für den Rest der Welt. Nur dass er noch immer nach etwas sucht, wenn auch eher unterbewusst. Nach etwas anderen, das seinem außergewöhnliche Leben endlich Sinn und Ziel verleiht. Das er einfach nicht finden kann. In diesem Sinn ist er ein sehr moderner Mann – ohne Halt in Nation, Religion oder Familie, aber unfähig, etwas im Rest der Welt oder gar sich selbst zu finden.

periplaneta: Wenn du Heinrich Hermann einen modernen Menschen nennst, stecken denn da eigene Erfahrungen in seiner Persönlichkeit? Beschreibst du dieses Gefühl, zwischen zwei Welten gefangen zu sein, aus eigener Erfahrung?
CKLKH Fischer: Sicher. Jeder, der auch nur ein bisschen auf sein Inneres achtet, wird diesen Zustand kennen. Es können auch mehr als nur zwei Welten sein. Es ist ein universeller Zustand, denke ich.

periplaneta: Heinrich Hermanns einziger Fixpunkt ist seine Tochter. Allerdings kennt er sie kaum, denn während sie in Hamburg aufwächst, ist er damit beschäftigt, auf der Suche nach neuen Wilden ferne Länder zu durchforsten. Wie kann diese bedingungslose Liebe entstehen zu einem Kind, das ihm doch eigentlich fremd ist?
CKLKH Fischer: Kompensation. Auch er braucht einen Grund, ein Ziel, um überhaupt zu handeln – und so lange dieser Sinn ihm nicht begegnet ist, erhebt er Mechthild dazu. Und als guter Vater liebt man sein Kind doch. Das ist sehr rechtschaffen. Gerade weil sie so fremd für ihn ist, ist es umso einfacher, diese bedingungslose Liebe zu projizieren. Er braucht seine Liebe zu ihr – vielleicht auch weil sie das einzige ist, dass ihn überhaupt noch in seinen Strukturen halten kann.

periplaneta: Noch eine letzte Frage: dürfen wir auf weitere spannende Geschichten von Heinrich Hermanns abenteuerlichen Reisen hoffen?
CKLKH Fischer: Eher nicht. Immer wenn ich versuche, einen Roman in der Art oder auch nur in ähnlichem Rahmen zu schreiben wie den davor, scheitere ich. Ich habe sogar bereits ein Manuskript, das zu Beginn der Gründerzeit spielt, angefangen, doch nach achtzig Seiten abgebrochen. Am ehesten stelle ich mir vor, einen der im Buch angedeuteten Schundroman über Heinrichs „Abenteuer“ im Stil der Zeit zu schreiben, ein „Heinrich Hermann, Agent in Hagenbecks Auftrag, und die schwebenden Mönche des Pamirs“ oder so ähnlich. Doch nicht zurzeit. Was immer als nächstes kommt, es wird ganz anders sein.

periplaneta: Dann sind wir also gespannt, was als nächstes kommt. Herzlichen Dank fürs Interview.

Das Interview führte Julia Bossart

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