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Das Höllische an unserem Kaffee

Kaffee

In C.C. Holisters Roman Inferno für Anfänger trinken die Bewohner ihrer Hölle Kaffee, um sich zu berauschen. Koffein hat auf ihre dämonischen Körper eine ähnliche Wirkung wie Alkohol auf den menschlichen.
Auch wenn Koffein bei uns Normalsterblichen anders wirkt – Kaffee ist auch in der realen Welt Kult, wenn auch ein durchaus höllischer.

C. C. Holister - periplaneta
C.C. Holister „In der Hölle schmeckt der Kaffee einfach besser.“

Während vor ein paar Jahren vor allem die großen Kaffeebar-Ketten boomten, geht der Trend heute zum langsamen, bewussten Trinken der Kaffee-Kunstwerke in stylisch eingerichteten, kleinen Cafés. Trotzdem kaufen viele Leute auf dem Weg zur Arbeit noch einen Kaffee im Pappbecher. Neben der bescheuerten Bezeichnung für diese Abart „To Go“, die es im Englischen dafür so gar nicht gibt, sind die Ressourcen, die bei der Herstellung verbraucht werden und der Müll, der dadurch entsteht, immens.

Laut einer repräsentativen Studie werden allein in Berlin fast eine halbe Millionen Pappbecher verbraucht. Pro Tag! Ich überlege gerade, wann ich mir das letzte Mal einen von Pappe umhüllten Kaffee geholt habe. Es gibt doch kaum einen Arbeitsplatz ohne Kaffeemaschine. Auch in der Uni habe ich mir immer einen Kaffee in Porzellan geholt. Die Mensa-Damen wussten irgendwann, dass ich die Tassen brav nach meinem Seminar in die Mensa zurückbringe.

To Go

Während meine Eltern und Großeltern noch schnöden Filterkaffee getrunken haben, gibt es heute in den Kaffeebars der großen Ketten und den kleinen Prenzlauer-Berg-Hipster-Cafés unzählbare Sorten, Variationen und Zubereitungsarten des schwarzen Goldes. Espresso, Americano, Caffé Latte, Cappuccino, Frappuccino – Spezialitäten, die mit kunstvollen Herzchen aus Kuh-, Soja-, Kokos-, Hafer- oder Mandelmilch verziert werden. Baristas, heutzutage eine eigenständige Berufsbezeichnung, bedienen nicht einfach nur einen Kaffeevollautomaten oder einer Siebträgermaschine, es gibt unzählige Arten, einen Kaffee zu brühen: Cold Brew, Cold Drip, French Press, Aeropress, Siphon-Vakuum-Bereiter und so weiter.

Aeropress

Natürlich ist auch allein der Anbau von Kaffee heutzutage ökologisch kaum vertretbar. Während früher Kaffee in sogenannter Schattenbauweise angebaut wurde, die eine hohe Biodiversität in stabilen Ökosystemen ermöglicht und vergleichsweise wenig Dünger und Pestizide benötigt, bauen heute die großen Kaffeeimperialisten die Kaffeepflanzen in riesigen Monokultur-Plantagen an. Hierbei werden Hochertragssorten verwendet, die allerdings wegen ihrer kurzen Lebenserwartung mit allerlei Mineraldüngern und Pestiziden gestützt werden müssen. Die Folgen: Auslaugung und Erosion der Böden, Reduzierung der Bodenfruchtbarkeit und der Artenvielfalt in den Anbaugebieten im sogenannten Bean Belt, also in den Regenwaldgebieten rund um den Äquator.
Aber dann gibt es doch noch den Bio-Fairtrade-Kaffee, oder nicht? Zumindest, was das Fairtrade-Siegel angeht, ist die Angelegenheit nicht ganz so rosig, wie es der naive Birkenstock-Bürger gerne hätte. Laut verschiedenen wissenschaftlichen Studien geht es den Bauern, die Kaffee mit Fairtrade-Siegel herstellen, nicht besser als ihren konventionellen Kollegen.

Schreibblockade

Aber ganz ohne Kaffee?! Wie soll man da als Kreativer überhaupt etwas zu Papier (oder zur Festplatte) bringen? Schon Schiller und Goethe, auf dessen Anregung übrigens der Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge zum ersten Mal reines Koffein extrahierte, oder auch der französische Dichter Balzac, der bis zu sechzig Tassen pro Tag trank, wussten um die kreativitätsfördernde Wirkung von Kaffee. Da weiß ich ja gar nicht, was ich nun für ein Fazit ziehen soll …
Darauf erst mal einen Bio-Fairtrade-Kaffee aus einer wenig Müll produzierenden French Press, den ich ohne Milch und Zucker in einer Werbegeschenk-Porzellan-Tasse trinke. Auf dass meine Schreibblockade verschwinde 😉

Ein Peripherieartikel von Hilke Grabenkamp.