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When The Music is over…

Gary Flanell

Das Procedere mit der GEMA verhindert weitere Konzerte im Literaturcafé

Nicht nur für junge aber unbekannte Singer/Songwriter wird es immer schwerer, eine seriöse Location zu finden. Auch bei Künstlern, die bereits einen Namen haben, ist Periplaneta sehr beliebt. Bei uns im Literaturcafé fanden viele phänomenale Konzerte im kleinen Kreis statt und wir hatten sehr viel Spaß daran, auch jungen Talenten ein Forum zu bieten. Das müssen wir nun leider einstellen, denn der deutschlandtypische Verwaltungsaufwand steigt mittlerweile auf ein nicht mehr zu bewältigendes Maß.

VERA bei Vision & Wahn (c) Gert Schober
VERA live @ Periplaneta

Riesiger, vollkommen ungerechtfertigter bürokratischer Aufwand

Wenn ein Musiker bei uns auftreten will, müssten wir von Gesetzes wegen zuerst die GEMA (die Verwertungsgesellschaft für musikalische Aufführungsrechte) schriftlich darüber informieren, dass demnächst ein Konzert bei uns stattfindet: eine Liste, mit den geplanten Musikstücken (Komponist, Autor, Titel, Musikverlag), Eintrittspreis, Künstlernamen und Klarnamen der Musiker und eine Meldeadresse (!).
Nach der Veranstaltung muss das alles noch mal geschehen – nicht, dass da ein Song durchrutscht, der nicht auf der Liste stand. Dann stellt die GEMA entweder eine Rechnung, wenn bei der GEMA gemeldetes Material gespielt wurde oder eine Freistellung, wenn kein GEMA-pflichtiges Material zum Einsatz kam. Allerdings ändert sich das Procedere immer mal wieder ein bisschen. Inzwischen muss man bei der Einreichung der Listen kennzeichnen, ob es einfach nur eine Musikfolge ist oder ob es eine Musikfolge ist, für die man eine Feistellung möchte … andernfalls bekommt man einfach eine Rechnung – ob der Interpret nun Mitglied ist oder nicht …

Kleinster GEMA-Traif rechnet mit 150 Menschen

Dieses aufwendige Prozedere wäre an sich noch machbar, allerdings möchte die GEMA sowieso lieber, dass wir einen für uns völlig überhöhten Pauschalbetrag zahlen. Der niedrigste Tarif sind rund 25,- EUR pro eintrittsfreier(!) Veranstaltung und der gilt ab einem gesungenem Lied und für bis zu 150 Sitzplätze – und dann wäre der GEMA auch egal, was gespielt wird. Dieser Betrag mag für 100 bis 150 Leute ok sein. Ist aber in einem Café mit 48 Quadratmeterchen, für das derselbe Tarif gilt, nicht zu erwirtschaften. Ergo müssen wir für jedes Konzertchen dieses Prozedere durchlaufen und emsig darauf achten, dass bei uns nur GEMAfreie Musik gespielt wird.

Hier erklärt Austroberliner Bastian, warum er beziehungsunfähig ist.

Man kann nicht beweisen, dass es etwas nicht gibt

Nun gibt es ein Gesetz, die sogenannte GEMA-Vermutung, welches die Beweislast umkehrt. Das bedeutet, die GEMA geht automatisch, wenn irgendwo etwas angekündigt wird, davon aus, dass dort Musik gespielt wird und dass diese Musik von einem ihrer Klienten stammt. Deshalb muss man der GEMA beweisen, dass das nicht so ist. Und weil sie es kann, macht die GEMA insbesondere uns Kleinveranstaltern das Leben schwer:

  • Du brauchst von jedem Menschen, der in Deinem Büro das Singen anfängt, nämlich Daten, die Du eigentlich gar nicht wissen willst (Name, Adresse, Telefon, E-Mail), egal, ob er GEMA-Mitglied ist oder nicht.
  • Per Post eingesandte Titellisten kommen angeblich nicht an, die Online-Meldungen sind plötzlich gelöscht, dann gibt es Titellisten-Nachforderungen und Strafzahlungen.
  • Nicht GEMA-pflichtige Musik wird aus Versehen als GEMA-pflichtig berechnet, Veranstaltungen werden doppelt berechnet.
  • Es gibt Forderungen zu Lesungen, bei denen gar keine Musik gespielt wurde und Rechnungen von Veranstaltungen, die ausgefallen sind oder vor bis zu drei Jahren stattgefunden haben.

Das nimmt so groteske Auswüchse an, dass beispielsweise einmal eine Künstlerin, die selbst angab, KEIN GEMA Mitglied zu sein, auf einer Säge ein Lied bei einer Lesebühne spielte, nunmehr ToM als den Veranstalter rund 50 € kosten soll, was ungefähr dem Getränkeumsatz an jenem Abend entspräche. Wir wissen nichtmal, ob sie sich an diesen Kurzauftritt erinnert. Wir wissen auch nicht, ob sie weiß, dass die GEMA sie als Mitglied führt. Wir wissen aber ziemlich genau, dass sie von den 50 €, die wir zahlen sollen, nix sehen wird, sofern sie uns nicht angelogen hat. In den meisten Fällen aber ist die Situation klar: Es wurde entweder keine oder eben GEMA-freie Musik gespielt. Nur ist das halt schwer zu beweisen 🙂

Strittige Forderungen in vierstelliger Höhe

Die Korrespondenz umfasst mittlerweile einen prall gefüllten Aktenordner voller Rechnungen, Aufstellungen, Rechnungskorrekturen, Gutschriften, Zahlungserinnerungen, Widersprüchen und Mahnungen. Das geht nun seit Jahren so und diese (wir unterstellen hier mutwillige) Gängelei ist äußerst zeit-und nervenaufreibend. Es gibt leider keine andere Handhabe, sich dagegen zu wehren, außer den Forderungen immer wieder zu widersprechen. In Anbetracht dessen, dass diese Konzerte im kleinen Kreis eher ein Liebesdienst an der Kunst sind und auch ohne Gebührenrechnungen in nunmehr vierstelliger Höhe sich nicht lohnen, stellen wir den Konzertbetrieb nach 10 Jahren nun schweren Herzens ein. Unsere Lesebühnen mit gelegentlicher (GEMAfreier) Musik wird es weiterhin geben, auch wenn das Procedere bei zwei Musikstücken das Gleiche ist wie bei einem Konzert.

  • Ukulelenprediger
  • Hans und Katharina, Vision und Wahn
  • subkultur lesenacht
  • KIKK: Jan Röttger
  • lisamorgenstern by marcus werner
  • Amazing Maze, 01.09.2018
  • VERA bei Vsiion & Wahn (c) Periplaneta
  • Thommi Baake - periplaneta
  • Stefan D. Lange Nacht der Subkultur
  • Thomas Franz
  • Lesebühne "Vision und Wahn" mit Josias Ender
  • Stefan D @ Lange Nacht der Subkultur
  • Bastian Mayerhofer 2019
  • Eva Wunderbar @ Periplaneta Berlin
  • Dorit Jacobs @ Periplaneta 2019

Alle bereits in Planung befindlichen Musikveranstaltungen werden selbstverständlich stattfinden und in Ausnahmefällen wird es sicher noch das ein oder andere Konzert bei Periplaneta geben, insbesondere von den Periplaneta-Artists. Von weiteren Bewerbungen von Musikern, auch wenn sie nicht bei der Gema sind, bitten wir allerdings bis auf Weiteres abzusehen. (Sorry Leute, aber die Verwertungsgesellschaft, die eigentlich für euch da sein sollte, arbeitet da gegen euch.) Wenn wir den Zettelberg abgearbeitet haben – was wir in unserer Freizeit tun müssen – und wenn wir einen Weg finden, wie wir einfacher und preiswerter Musik darbieten können, werden wir uns wieder melden.

Mehr zum Thema:

Kolumne 2012: „Bald sind wir alle arbeitslos …“

Die GEMA Vermutung