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Selbstverwirklichung als Therapie

Interview mit Andreas Keck

Der in München lebende Autor Andreas Keck hat mit seinem Buch „Schneeblind“ ein erstaunliches Erstlingswerk vorgelegt. Die Extravaganz des Themas und das ausgefeilte Psychogramm des Protagonisten Matthias Rehnert überzeugten schon zahlreiche Leser des Romanes. Im Interview ließ der Autor nun etwas tiefer blicken in die Welt seines Anti-Helden, der eigentlich, je länger man sich mit ihm beschäftigt, immer sympathischer wird.

periplaneta: Was für ein Mensch ist Matthias, der Protagonist aus „Schneeblind“ in Ihren Augen?
Andreas Keck: „Er ist ein kleiner Rebell, lebt das aber nicht richtig aus. Im Gedanken ist er rebellisch, in Wirklichkeit aber eher feige, kann nicht das umsetzen, was er denkt. Matthias ist gegen alles, will hinter den Dingen etwas finden und die Welt durchschauen. Er will das Besondere und sucht das Extrem, scheitert jedoch letztendlich am Einfachen. Und weil ihm das Einfache die meisten Probleme bereitet, ist er auch dort gelandet, wo er ist.“

periplaneta: Ja, er landet, so viel kann man schon verraten, in der Psychiatrie. Im Roman geht es dann unterschwellig auch um die Frage, was normal ist und wo die Krankheit anfängt. Wann wird Melancholie zur Krankheit?
Andreas Keck: „Der Protagonist ist eigentlich nicht richtig krank, so habe ich ihn nicht gesehen. Er ist eher trübsinnig, und dies schon seit Wochen. Er weiß nicht, was passiert ist und sucht nach der Lösung des Problems. Es ist nichts geschehen, was diesen Trübsinn hätte auslösen können, also kein Unfall oder schwerer Schicksalsschlag. Es ist alles gleich geblieben, aber in ihm hat sich etwas verändert. Deshalb macht er sich Sorgen, weil er nicht weiß, warum das so ist.“

periplaneta: Im gesamten Roman kommt nicht genau heraus, warum er denn nun trübsinnig ist. Wollen Sie uns verraten, was eigentlich sein Problem ist?
Andreas Keck: „Ich handhabe das bewusst so, dass nicht genau herauskommen soll, was sein Problem ist bzw. dass die Suche nach dem Problem im Vordergrund steht. Ich sehe diese Suche als eine Art Bild für etwas. Matthias sucht nach etwas, das eigentlich gar nicht vorhanden ist, im Guten wie im Schlechten. Er sucht nach einer Wahrheit oder Lösung für das menschliche Leben, und andererseits sucht er das Problem. Diese Suche nach dem Problem ist aber auch ein Trugbild, ist ein Phantom für ihn, dem er hinterher rennt.“

periplaneta: Wie schreiben Sie Romane? Machen Sie Skizzen, planen Sie Szenarien oder schreibt der Autor Andreas Keck einfach drauf los?
Andreas Keck: „Ich hatte es schon mit Skizze und Rahmenhandlung versucht, das hat aber nie geklappt. Es funktioniert also immer nach dem Prinzip, dass ich einfach drauf los schreibe. Irgendwann bewegen sich die Figuren von selbst, fangen sozusagen an zu sprechen, und ich schreibe nur noch das ab, was sie sagen. Das wächst während des Schreibprozesses.“

periplaneta: Wieviel Andreas steckt in Matthias?
Andreas Keck: „Ich würde sagen, bei dieser Frage hat der Autor immer das Recht, die Aussage zu verweigern. Ein Roman ist auch eine Möglichkeit, sich zu verstecken und sich gleichzeitig zu zeigen. Das ist ein ganz schwieriges Spiel, und deshalb will ich auf diese Frage eigentlich keine Antwort geben.“

periplaneta: Das ist ja auch Ihr gutes Recht, aber man kann es ja mal probieren. Denken Sie, dass es im menschlichen Verhalten so etwas wie Altruismus gibt?
Andreas Keck: „Ich habe Philosophie studiert und befasse mich deshalb natürlich auch mit solchen Fragen. Altruismus betrachte ich insofern als problematisch, als ich auch im guten Handeln immer einen Zweck sehe. Auf meinen Roman bezogen würde ich sagen, dass Matthias zwar nicht unbedingt sympathisch ist, er will aber trotzdem das Gute. Er zieht sich aus Gruppen zurück, flüchtet immer wieder und schottet sich ab, sucht aber dennoch nach dem Guten. Dieses Gute ist aber schwierig zu beschreiben. Für ihn hat das immer etwas mit Stärke, mit absoluter Klarheit zu tun. Daher kommt ja auch der Titel „Schneeblind“.

periplaneta: Ist es nicht so, dass Matthias schon zu Beginn des Romans eine Wahrheit sein Eigen nennt, die ihn verzweifeln lässt?
Andreas Keck: „Darauf könnte der Roman hinauslaufen. Matthias hat tatsächlich schon eine Wahrheit für sich gefunden, worauf der Titel schon hindeutet. Er sieht alles in einer Couleur, in einer Façon, und lebt damit einfacher. Das ist seine Idee, seine Rezeptur für das Leben. Tatsächlich scheitert er an dieser großen Lösung, die er immer für alles sucht. Das ist sicherlich ein Grund für seine Verzweiflung, was er sich aber nicht eingestehen wird.“

periplaneta: Was inspiriert Andreas Keck?
Andreas Keck: „Die Beobachtung, also das Dasitzen in einer gewissen Starre und die Betrachtung der Menschen. Das funktioniert hauptsächlich dann am besten, wenn man selber nicht in Kontakt tritt. Dies ist vielleicht auch eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Protagonisten. Der Autor kann umso besser beobachten, je weniger er in Kontakt tritt.“

periplaneta: Sie arbeiten in der stationären Psychiatrie. Da sich die Thematik des Romanes damit befasst, liegt es nahe, dass Sie diese Arbeit auch inspiriert hat …
Andreas Keck: „Ja, das war auf jeden Fall eine Hauptinspiration. Ich betreue Menschen mit psychischer Erkrankung einzeln zu Hause, bin aber auch oft in der Psychiatrie und sehe die Menschen dort, was mit ihnen passiert und wie sie sind. Das ist immer ein Wechselspiel, einerseits von Faszination, aber andererseits auch von viel Leid.“

periplaneta: Sie hatten Ihr literarisches Schaffen ein Jahr lang unterbrochen, sind jetzt aber wieder aktiv …
Andreas Keck: „Ja, das ist eine interessante Sache. Ich habe jahrelang versucht, einen Verlag zu finden, was mir nicht gelungen ist. Daraufhin ließ ich es erst einmal sein mit dem Schreiben.“

periplaneta: Nun ist Ihr Roman bei periplaneta erschienen- wie ist es dazu gekommen? War das Zufall?
Andreas Keck: „Zu dieser Verbindung mit periplaneta kam es, weil mein Bruder jemanden kennt, der bei diesem Verlag arbeitet. Es lief also über persönliche Kontakte.

periplaneta: Darf man davon ausgehen, dass demnächst ein weiterer Roman von Andreas Keck erscheinen wird?
Andreas Keck: „Ja, davon kann man auf jeden Fall ausgehen. Die Protagonisten sind wieder Menschen, die das Andere, das Besondere suchen, sozusagen die Welt hinter der Welt. Matthias Rehnert sucht das wahre Leben im falschen. Dadurch entsteht eine Verdopplung, und das kann eigentlich nicht funktionieren. Er sagt nicht, was er denkt, und lebt nach außen hin ein konventionelles, fast biederes Dasein. Innerlich hat er aber eine ganz andere Position. Er sollte einfach mehr aus sich herausgehen. Meine Romane drehen sich alle um das Thema der Selbstverwirklichung, und demnächst wird auch ein Roman über einen Künstler erscheinen, der in einem ähnlichen Problemfeld steckt, weil auch er versucht, er selbst zu werden als Mensch.“

periplaneta: Vielen Dank.

Das Interview führte Jasmin Bär.

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