Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Periplaneta: Haben Schaben ein Bewusstsein?

Schaben und anderen Insekten sind alles, nur nicht primitiv

Mancher tierliebende Laie geht da sogar noch weiter. Und auch Wissenschaftler können mitunter vom gängigen Meinungsklischee, dass nur höheres Leben lebenswert ist, abweichen. Bei vielen Menschen fängt die Frage der Ethik eigentlich erst bei den höheren Säugetieren an (und zwar bei denen, die sie nicht eklig finden und nicht essen). Betrachtet man die historische Entwicklung wissenschaftlich fundierten Ansichten, so scheinen im Laufe der Zeit immer mehr Wesen in den erlauchten Kreis schmerzempfindender, denkender und bewusstseinstragender Individuen Einzug zu halten.

Selbst  wenn man sich ausschließlich auf die „Wissenschaft“ als „Institution“ bezieht, so ist die Erkenntnis, dass Neger auch Menschen sind, eher jüngeren Datums, zumindest im Kontext der gesamten Evolution betrachtet.(1) Die Krone der Schöpfung ist, was ihre Irrtümer angeht, mit einer Form zweckmäßiger Vergesslichkeit gesegnet.

Und auch die Frage, ob Kühe Schmerzen empfinden, ist inzwischen zwar eindeutig mit „Ja“ beantwortet, jedoch ist die Schlussfolgerung, dass sie auch wissen, dass es Schmerz ist, was sie da empfinden, immer noch umstritten. Wurden einst Menschen belächelt, die andere Primaten mit dem Attribut „menschenähnlich“ adeln wollten, so sind sich viele  Homo Sapiens Sapiens heute nicht mehr ganz so sicher, ob nicht auch ein niederes, nicht menschliches Leben lebenswert ist.

In diesem Zusammenhang zitierte Spiegel Online den Wissenschaftler Alun Anderson, der es durchaus für möglich hält, dass Schaben ein Bewusstsein haben. Anderson äußerte sich  diesbezüglich in der  Internetzeitschrift Edge (2), die in einer Artikelserie renommierte Denker fragt, was Sie glauben, aber nicht beweisen können. Edge basiert auf dem Konzept der „Third Culture“. (3) Ihr Gründer John Brockman schrieb in seinem gleichnamigen Buch, dass eine Kommunikation zwischen den beiden vorherrschenden Denkkulturen durch permanente Entfremdung nicht mehr möglich sei. Demzufolge bedarf es einer neuen Kultur, die zwischen naturwissenschaftlicher und literarischer Denkweise vermitteln kann und diese wieder vereine.

Im Gegensatz zu populärwissenschaftlichen, spirituellen und esoterischen Ansätzen, bei denen oftmals aus Prinzip eine gegensätzliche Position zur Lehrmeinung eingenommen wird, basiert die „Third Culture“ auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen, geht aber über diese hinaus, da in ihrem Kontext auch Glauben, Vermuten und Spekulieren wieder kultiviert wird. Brockman hat die Arbeit mit den Themen seines Buches später mit Edge online fortgesetzt. Führende Wissenschaftler und Denker vermitteln dort ihre Ideen in einfacher Sprache.

So auch Adam Anderson:
„Ich glaube, dass Schaben bewusst sind. Das mag ein wenig reizvoller Gedanke sein für irgendjemanden, der mitten in der Nacht das Küchenlicht einschaltet und gerade noch sieht, wie eine Schabenfamilie Deckung sucht. Doch in Wirklichkeit steht es als Kurzformel dafür, dass viele sehr einfache Tiere bewusst sind, darunter auch attraktivere wie Bienen und Schmetterlinge.“

Anderson meint zwar, dass dies auch beweisbar sei, hält aber auch jenseits davon es für intellektuell und „poetisch“ reizvoll, sich damit auseinanderzusetzen, wie „einfache“ Tiere sich selbst und ihre Umwelt wahrnehmen. Alles, was Tiere spüren, hat für sie eine Bedeutung, denn ihre Evolution besteht darin, sich ihrer Welt anzupassen und sie neu zu erschaffen. Laut Anderson, der  diese Anschauung auch auf eigene Beobachtungen von Bienen gründet, hat dies nichts mit antropomorphen Tendenzen zu tun, denn die Insekten leben in komplett anderen Welten, die keine Motive der menschlichen Wahrnehmung beinhalten. Selbst die Welt der Bienen, die sehr viele optische Reize beinhaltet, unterscheidet sich völlig von der Welt der Spinnen, die sich eher auf Schwingungen und Luftströme fokussiert.

Den Schaben bescheinigt Anderson, der von 1992 bis 2005 Chefredakteur des Magazins „New Scientist“ war, u.a. die „Fähigkeit“, unter Stress zu leiden. So wie unsere Freunde aus dem Schabenforum weiß auch er, dass die Krabbler in Hierarchien leben und ihre kleinen Reviere sehr genau kennen.  Wenn sie also fliehen, sollte man es sich zweimal überlegen, ob man eine andere Welt einfach so auslöschen will. Vielleicht bescheinigt die Tatsache, dass Schaben in der uns gegenwärtigen Form bereits die Saurier überlebt haben, dass deren Welt eigentlich schon ziemlich lange perfekt ist  oder dass sich unsere Welt auch in den frühen Formen der Evolution irgendwas dabei gedacht hat …

(1) Hochschild, Adam, Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines fast vergessenen Menschheitsverbrechens, Hamburg 2002

(2) Edge Foundation

(3) Wikipedia über „The Third Culture“

Spiegel Online: Schaben haben ein Bewusstsein

 

Schreibe einen Kommentar