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27 Tonnen Taubenschiss oder Alles Gute kommt von oben

Taubenschiss

Weil wir Tiergedichte verlegen … hier ein Artikel über die Taube.

Zeitlupenromantik: Weiß, unschuldig und elegant schwingt sich der Vogel der Hoffnung und des Friedens in die Lüfte. Alle bewundern die Taube für ihre klassische Ästhetik, ihre Symbolkraft, ihre Fähigkeit, Nachrichten zu überbringen … und hassen sie, wenn sie sich dem Idealbild widersetzt und irgendwo hinkackt oder in unkontrollierten Schwärmen auftritt. Dann ist sie lediglich eine keimige Luftratte.

Vor dem exponentiellen Städtewachstum im 20. Jahrhundert und als alle noch weitaus bibelfester als heutzutage waren, hatte die Taube ein hervorragendes Image. Schließlich war es eine Taube, die Noah nach der Sintflut und monatelangem Dümpeln in seiner Arche einen Olivenzweig und damit die Nachricht von bewohnbarem Land brachte. Somit herrscht wieder Eintracht zwischen Gott und der Menschheit, die ihn zuvor durch ihr sündhaftes Verhalten erbost hatte.


Doch ist die Taube als Friedenssymbol keine biblische Erfindung, das Konzept ist viel älter. Es wird angenommen, dass sich die Noah-Episode von der „erhabenen Taube“, eine Erscheinungsform der sumerischen Göttin Inanna, inspirieren ließ. Ihre ursprünglich sexuelle Bedeutung wurde aber von der patriarchischen, alttestamentarischen Weltansicht so stark gefiltert, dass man der Taube die „Befriedigung durch Vögeln“ absprach und nur der biedere „Weltfrieden“ übrigblieb.

Leider bringt diese Adelung zum Friedenssymbol nicht immer Vorteile. Als 1988 die Olympischen Spiele in Seoul eröffnet wurden, ließ man auch 1.200 Tauben frei. Sie setzten sich in ihrer Unschuldigkeit auf die riesige, noch zu entzündene Schale für das olympische Feuer – und Puff wurden die Friedenssymbole bei lebendigem Leib gegrillt. Freiheit kann durchaus tragisch enden. Um diesem „Trugschluss“ entgegenzuwirken, lässt man seitdem keine Vögel mehr fliegen.

Diese Tragödie, sich selbst auf den Grill gesetzt zu haben, kann man nicht darauf zurückführen, dass diese Vögel einfach nur dumm waren. Japanische Wissenschaftler fanden heraus, dass Tauben nach einer Trainingsphase Werke von Monet und Picasso dem jeweiligen Künstler korrekt zuordnen konnten. Da kenne ich so manchen humanoiden Kulturbanausen, der dazu nicht fähig ist … Wer hätte außerdem gedacht, dass Tauben sogar in der Lage waren, Krebs von gutartigen Tumoren unterscheiden zu können?

Tauben haben Wissenschaftler schon immer inspiriert. Leonardo da Vinci studierte ihren Flug, um die Bewegungen in einen menschentaulichen Mechanismus umzusetzen, der Verhaltensbiologe B. F. Skinner bestückte seine Skinnerbox mit ihnen und der Nobelpreisträger und Mathematiker John Forbes Nash stellte aufgrund ihres Verhaltens Formeln zur Spieltheorie auf. Und indirekt trugen sie mit ihren nicht vorhandenen Taubenschissen auch zur Entdeckung des Urknall-Restleuchtens bei.

Skinnerbox

Zudem sind Tauben bei weitem nicht so unhygienisch, wie angenommen: Nach einem Artikel des Rundfunks Berlin-Brandenburg sei es zwar möglich, dass Tauben humanpatologe Keime enthalten. Doch besorgte Eltern und Hypochonder können aufatmen, denn in über zehn Jahren wurde kein einziger Fall von durch Tauben auf Menschen übertragene Krankheiten gemeldet.

Trotzdem sind die Taubenschwärme in Großstädten ein Problem. Viele Tauben bedeuten auch viele Taubenschisse, in Berlin sind das 27 Tonnen Trockenkot im Jahr. Um sie von öffentlichen Gebäuden und großen Menschenumschlagplätzen wie S-Bahnhöfen wegzulocken, sind seit einigen Jahren sogenannte „betreute Taubenschläge“ in Betrieb. Diese bieten den Vögeln Nahrung, Wasser und Brutplätze. All inclusiv sozusagen. Hier hat man die Chance, mithilfe ausgeklügelter Methoden wie Antibabypillen oder Gipseiern, die Vermehrung der Tauben einzuschränken.
Oder man setzt an ausgewählten Orten abgerichtete Falken ein, die sich nicht nur gerne einen gefiederten Snack holen, sondern durch ihre Anwesenheit auch den Rest des Schwarmes vertreiben. In diesem Zusammenhang sind Götz Hindelangs Gereimtheiten „Die taube Taube hört es nicht, was der Tauber zu ihr spricht“ zu empfehlen 🙂

Dass Tauben in Städten so zahlreich auftreten, ist aber letztendlich uns selbst zu verdanken: Wir füttern sie oder werfen achtlos Essensreste auf die Straße. Für sogenannte Kulturfolger ist das natürlich das Paradis.
Also hab Gnade mit den fliegenden Ratten. Und sei ihnen nicht böse, wenn sie mal aus Versehen ihre Ausscheidungen auf dich fallen lassen, diese weiße Flüssigkeit ist entgegen der allgemeinen Annahme nicht ätzend. Denk lieber daran: Das bringt ja Glück 😉

Ein Peripherieartikel von Melanie Jacobsen und Marion Müller