Wer braucht das? (Berliner Lesungen 2)

Jeden 2. Freitag im Tupac Amaru

Am Freitag wappnete ich mich trotz Tropfnase und röchelndem Kratzhals für die Lesebühne „Wer braucht das?“ auf´m Wedding. Die Lesebühne, die anscheinend sehr selbstkritisch ist, gastiert jeden 2. Freitag im Tupac Amaru, einer extrem hübschen mexikanische Eckkneipe mit Bühne und kuschligen Sitzgelegenheiten.

Ich löste in meinem Bier sieben Sorten Hustenbonbons auf und alles war gut. Immerhin war als Special Guest Alex Klingenberg aus Braunschweig angekündigt. Zudem hatte ich die Stammleser Daphne Elfenbein, Holger Haak und Sami Abu-Bakr auch noch nicht gesehen.

Bei der Lesung gibt es immer ein Thema des Abends, welches bei der vorigen Veranstaltung ausgelost wurde. Diesmal war die schwierige Vorgabe „Willi Windig, der Leuchtturmwärter“, was meines Erachtens am ehesten nach dem Namen eines ostfriesischen Pornostars klang, wozu mir aber sicherlich nichts weiter eingefallen wäre. Die drei Schreiberlinge stellten sich mutig der Aufgabe und hatten auch sichtlich Spaß daran.

Sami Abu-Bakr gab zu, dass er sich mit diesem sperrigen Thema doch eher schwer getan hatte und schaffte es trotzdem, seine Geschichte so auszuweiten, dass er sie in zwei Teilen las. Aber ich muss ja nicht alles verstehen.
Die Moderation übernahm Holger Haak, der mir gleich bekannt vorkam. Das ist doch Nicolas Cage!, dachte ich mir und überlegte kurz, ob ich einer optischen Täuschung durch mein nach Salbei und Gelomyrthol-schmeckendes Bier erlegen bin. Oder ob ich mich damit vielleicht doch schon vergiftet hätte? Doch ich lebte noch und während ich mich dessen versicherte, malte Hoger in einem Horrorszenario für jeden Berliner den Telespargel Weiß-Rot an. Nicolas Cage wäre sicher nicht auf so eine Idee gekommen…

Daphne Elfenbein las einen Krimi, oder war es ein Liebesdrama? Aber solche Themen liegen bei der Liebe ja eh immer sehr nach beieinander. Der für einen Lesebühnen-Text recht komplexe Plot rechtfertigte auch, dass sie ihn auf drei Abschnitte aufteilen musste.

Der Gast Axel Klingenberg durfte seine Themen frei wählen. Puh! Aufatmen. Der Redakteur des satirischen Buchmagazins The Punchliner und Ensemble-Mitglied der Braunschweiger Lesebühne Bumsdorfer Gerüchteküche glänzte ganz hochkarätig mit Geschichten aus der S-Bahn und Familiendramen. Wenn er so auf der Bühne steht und groteske Situationen des Alltags noch grotesker auf den Punkt bringt, macht er fast einen schüchternen Eindruck. Aber er ist eindeutig Profi. Einfach groß!

„Wer braucht das?“ ist eine recht familiäre Lesebühne, klein und beschaulich und ein Gegenpol zu den „jungen Wilden“ und den großen Slam-Bühnen. Manchmal wird allerdings aus dem beschaulich auch schnell ein betulich.  Und wenn dann noch ein wenig belehrende Moral einem langatmigen Text untergerührt wird, wird es dem Zuhörer schon mal ganz anders. Und das lag garantiert nicht am Hustensaft-Bier.

Der Fokus liegt wohl eher auf dem Geschichtenerzählen, sich selbst kreativ ausprobieren und einen netten Abend miteinander zu verbringen. Und schließlich laden sie immer eine Größe der Bühnenliteratur ein, wodurch das Spektrum der Texte gut erweitert wird.

Der Eintritt ist frei.

Von Marion Alexa Müller