Alisha & Laura-Marie Schulz: „Glampain“

Warum Zwillinge nicht ein und dieselbe Person sind.

Interview mit Alisha und Laura-Marie Schulz.

Gerade erscheint mit „Glampain“ der erste gemeinsame Roman der Zwillingsschwestern Alisha und Laura-Marie Schulz. Schon der Titel verrät, dass hier Glamour auf Skandal trifft. Die Protagonisten: das überhebliche Model Olivia Livington und Torina Dawn, eine Frau, die immer an das Gute im Menschen glaubt. Hervorragende Ausgangslage für einen Roman voller Skandale, aufdringlicher Paparazzi, zurückgewiesener Liebe und der ganz großen Frage, woran man heute noch glauben kann.
Nicht nur im Buch versuchen die beiden Autorinnen, darauf eine Antwort zu geben. Auch im Interview mit Periplaneta erklären sie, woran sie ganz persönlich heute noch glauben. Außerdem verraten sie, wie es sich als Zwilling lebt – und was dabei ganz besonders nervt.

Das Setting eures Romans ist die Parfum- bzw. Mode-Branche. Wie wichtig ist das Thema „Mode“ in eurem Leben?
Laura: Lily Collins sagte mal: „Wear your clothes. Don’t let clothes wear you.“ Das drückt so ziemlich meine Einstellung dazu aus. Mir ist mein Stil wichtig, aber Trends spielen dabei keine Rolle, obwohl ich nebenbei in einem Mode-Geschäft arbeite, also Outfitberaterin bin und mitkriege, was so „in Mode“ ist. Die Wirkung meiner Kleidung o.Ä. hängt von mir ab. Insofern könnte ich auch einen Müllsack tragen, solange ich zufrieden damit bin und das ausstrahle.
Alisha: Mode beeinflusst mich nicht. Ich trage, was ich tragen will. Das ist meist vom Wetter abhängig oder welche Stimmung das bei mir auslöst. Oder auch, welchen Lippenstift ich heute tragen will.

Alisha Schulz

Du sammelst Lippenstifte. Was genau hat es damit auf sich?
Alisha: Für mich ist das so ähnlich wie eine Brille: Ich kann ohne gehen, aber irgendwas fehlt dann. Ohne Lippenstift fehlt mir was im Gesicht und ich empfinde es als etwas, das irgendwie zu mir gehört.

Was hat euch daran gereizt, Glampain in New York spielen zu lassen?
Alisha & Laura: New York ist für uns das Sinnbild von Schnelllebig-, Vergänglich- und Oberflächlichkeit. Ohne Erfolg bist du nichts. Als New Yorker bist du gezwungen, dich aus der Masse herauszuheben, um jemand zu sein, und nicht unterzugehen.

Wohin zielt eure Gesellschaftskritik noch?
Laura: Jeder lebt nur noch für sich selbst, sucht für sich den größten Vorteil aus allem. Immer häufiger erlebe ich, dass andere runtergemacht werden, damit ein anderer sich profilieren kann. Die Menschen sind immer weniger in der Lage zu teilen. Jeder redet nur noch, ohne zuzuhören.
Alisha: Die Gesellschaft könnte ohne Vorurteile und Selbstüberschätzung besser funktionieren. Plötzlich glauben viele, sie dürften sich über jede Person eine Meinung bilden und die dann auch in Besserwisserforen rumposaunen. Das ist dumm und sinnlos.

Wie sähe für euch eine gleichberechtigte Gesellschaft aus?
Alisha & Laura: Wenn alle gleich wären, egal welches Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Sexualität und alles, was noch dazugehört. Jeder hätte die gleichen Rechte, könnte alles machen, was er will, bekommt die gleichen Chancen, verdient in gleichen Jobs das gleiche Geld. Dass man mit jedem ohne Vorbehalte interagieren würde. Dass jeder die Farbe tragen kann, die er will und dass jeder lieben kann, was er will, wie er will, wen er will.

Olivia glaubt an sich, Torina an das Gute im Menschen. Woran glaubt ihr?
Alisha: An die Wissenschaft, weil es für alles eine logische Erklärung gibt. Ich bin Studentin der Geisteswissenschaft. Hier beruft man sich meist auf Interpretation und Spekulation, ohne nachweisbare logische Zusammenhänge. Gerade deswegen bin ich fasziniert davon, wie Naturwissenschaften funktionieren. Biologie, Chemie, Physik – es ist möglich, Verknüpfungen zu schaffen und Gesetzmäßigkeiten logisch herzuleiten.
Laura: Ich glaube, an den Glauben in etwas. An menschliches Potential. Wenn ich an etwas glaube und für etwas arbeite und dafür einstehe, kann ich etwas verändern. Solange mich etwas vorantreibt, bin ich nahezu unbesiegbar.

Ihr seid Zwillinge. Wie unterschiedlich bzw. ähnlich seid ihr euch?
Alisha & Laura: Da wir uns auch lange ein Zimmer geteilt haben, haben wir viel von dem mitbekommen, was der andere macht und wie er ist. Da wir aber auch noch andere Einflüsse unabhängig voneinander haben, sind wir uns zwar ähnlich, aber charakterlich sehr unterschiedlich gestrickt. Wir wissen, wie der andere funktioniert, ohne wie derjenige zu sein.

Das war wahrscheinlich so eine Zwillings-Klischee-Frage. Welche Klischees könnt ihr nicht mehr hören?
Alisha & Laura: Dass Zwillinge sich gleich anziehen müssen oder es von sich aus tun. Wir haben nicht den gleichen Geschmack, was Kleidung angeht. Individualität muss sein.
Das Muster wird auch gern auf andere Bereiche übertragen: Dass wir beispielsweise die gleiche Musik, die gleichen Filme und Bücher mögen. Sicherlich gibt es Überschneidungen, aber wir sind nicht dieselbe Person. Was am meisten nervt, dass grundsätzlich jeder glaubt, wir wüssten alles übereinander. Also absolut alles: Wo ist der andere gerade? Was isst der andere heute zum Mittag? Was zieht er heute an? Was hat der andere heute noch vor? …

Wie lebt es sich allgemein als „Zwilling“?
Alisha: Ein bisschen anders: Manchmal sind wir wie Geschwister, manchmal habe ich eher das Gefühl, wir wären verheiratet. Wir haben beide unsere eigenen Hobbys. Laura steht zum Beispiel total auf Anime, ich habe massenhaft Kosmetik. Wir treffen Freunde unabhängig voneinander, aber auch zusammen. Nichtsdestotrotz ist es uns wichtig, Zeit zusammen zu verbringen. Wir kennen einander am besten und haben auch ein gutes Verständnis für die Gedanken des jeweils anderen. Das ermöglicht uns auch, Bücher zusammen zu schreiben.

Gutes Stichwort. Wie sieht euer gemeinsamer Schreibprozess aus?
Alisha & Laura: Er entsteht sehr spontan und irgendwann gibt es immer mindestens drei Versionen eines Roman. Die erste entsteht immer sehr spontan. Meistens hat einer von uns ein Werk angefangen und der andere meint: Hey, das gefällt mir, da wär Platz für eine zweite Hauptfigur. Dann wird die ganze Idee noch mal gemeinsam ummodelliert. Anschließend machen wir uns mündlich einen groben Überblick, worum es gehen soll, und legen ein erstes großes „Ereignis“ fest und schreiben bis zu diesem Punkt. Währendessen kommen uns meistens noch mehr Ideen, die wir dann besprechen. So kommen wir nie ins Stocken. Und wenn das doch passiert, wissen wir, dass unsere Idee nicht funktioniert hat, und gehen zurück.
In der ersten Version geht es nur darum, die Geschichte zu beenden und überhaupt herauszufinden, was wichtig ist. Da sind natürlich noch Logikfehler drin. Aus dieser Rohversion filtern wir wichtige Ereignisse. Bevor wir uns dann an die zweite Version machen, plotten wir tatsächlich die ganze Geschichte. Da klappt auch nicht immer alles, aber die Probleme sind deutlich geringer, da wir einen Rahmen haben und die Figuren kennen. In der dritten Version überarbeiten wir die zweite, korrigieren und kürzen und lassen sie dann testlesen.

Laura-Marie Schulz

Und zum Schluss natürlich noch die wichtige Frage: Wie geht ihr mit aufdringlichen Paparazzi um?
Alisha: Ich bin dankbar, dass ich keine habe. Wenn ich welche hätte, würde ich mich wohl dauerhaft maskieren, damit keiner mich auf der Straße erkennt. Ich hab gern meine Ruhe.
Laura: Kommt auf meine Tagesform an. An manchen Tagen sehe ich mich in der Lage, mich vor eine Kamera zu stellen und mir Mühe zu geben, ein paar Fragen zu beantworten. An anderen halte ich den Paparazzi eine Rede darüber, wie absolut respektlos und schamlos ich ihre aufdringliche Art finde. Zuletzt würde ich mich wohl ebenfalls maskieren, mir einen Bodyguard zulegen und immer schnell wegrennen, weil aufdringliche Menschen ganz schöne Panik in mir auslösen können.

Knips! Danke für das Interview!