Pit Pikus und Mark Uriona.

Von Kakerlaken und versoffenen Protagonisten

Ein Interview mit Pit Pikus und Mark Uriona.

Pit Pikus und Mark Uriona haben ihren ersten gemeinsamen Roman ‚Lämmels Syndrom oder Die fünf Dimensionen der Wahrheit‘ bei Periplaneta veröffentlicht. Ihre Hauptfigur Lämmel kann plötzlich durch Dinge hindurchsehen. Das klingt zunächst nach Superheldengeschichte. Ist es aber nicht. Eher ein Gleichnis auf den Zustand der Welt, in der wir leben. Ungeahnte Probleme bereitet Dr. Lämmel dann auch etwas ganz Profanes, nämlich unerwünschtes Getier unter seinem Küchenschrank. Maschenka Tobe war von Anfang an eine glühende Verehrerin von Dr. Lämmel und seinem Syndrom. Deshalb durfte sie das Projekt leiten und sprach dann auch mit den beiden Autoren über Wahrheit, Ungeziefer und das Schreiben als Autorenduo.

Stellt euch vor, ihr bekommt ein Geschenk und könnt schon durch die Verpackung sehen, dass unter dem Geschenkpapier etwas Enttäuschendes lauert. Wie reagiert ihr?
Pit: Ich würde die wunderschöne Verpackung ausgiebig loben.
Mark: Ich packe es aus, staune und bedanke mich für das wunderbare Geschenk. Ich bin ein Feigling.

Der Buchtitel verrät es bereits, in eurem Roman geht es auch um Wahrheit. Was bedeutet Wahrheit denn für euch?
Mark: Wahrheit ist, wenn ich in die Steckdose fasse und eine gewischt bekomme, weil tatsächlich Strom an wa(h)r. [Herr Uriona malt ein „h“ in die Luft]
Pit: Wahrheit ist immer umstritten. Sie ist zum einen ein soziales Konstrukt und zum anderen von der Beobachtungsperspektive abhängig. Das bedeutet aber nicht, dass Wahrheit beliebig ist. Denn sie hat ja immer einen Bezugspunkt in der Realität außerhalb unseres jeweiligen Bewusstseins.
Mark: Und es bedeutet auch nicht, dass der Streit um die Wahrheit unwichtig ist. Dieser Streit, diese Suche, ist alles, was wir Menschen zur Verfügung haben.Pit Pikus -periplaneta

 

Hattet ihr je Probleme mit Ungeziefer in den eigenen vier Wänden?
Pit: Wenige Tage nach einer Rückkehr aus Afrika blickte mich ein Kakerlak an. Er saß in einer Schublade meiner Küche, eine ‚periplaneta americana‘. Ein monströses Tier, ein blinder Passagier aus meiner Reisekiste. Meine Frau erschlug ihn mit ihrem Pantoffel. Das war mutig und vorausschauend. Er hätte sonst den Osten noch vor allen anderen heimgesucht.
Mark: Ich übersehe Ungeziefer grundsätzlich und lasse mich dafür von meiner Frau ausschimpfen. Einmal aber war ich ein echter Held. Mein Kumpel, der Kater Dawai, hatte eine Ratte in die Wohnung gebracht, die es sich im hinteren Bereich des Einbaukühlschranks bequem gemacht hatte. Bald stank es furchtbar und die Gäste blieben aus.

Ach herrje. Wie bist du das Problem losgeworden?
Mark: Der Kater half mir gar nicht. Es folgte nach einigen Tagen ein furchtbarer Kampf durch die ganze Wohnung, an dessen Ende die Ratte unter dem heißen Strahl des Duschkopfes in der Badewanne ertrank. Als ich sie dann so tot sah, stellte ich verblüfft fest, dass ich sie nicht hässlich fand, sondern schön.

Wie geht es dir rückblickend mit deiner Tat?
Mark: Es tat mir leid, sie getötet zu haben und ich war außerdem sehr verwirrt, weil hässliches Leben nicht weniger wertvoll ist als schönes. Seit meiner Heldentat habe ich furchtbare Träume.

Mark Uriona - periplanetaApropos Trauma: Autoren stellt man sich ja zumeist mit der Welt im allgemeinen und der eigenen Vergangenheit hadernd,  in der Abgeschiedenheit ihrer Schreibkammer einsam vor sich hintippend vor. Erzählt mal von eurer Co-Autorschaft. Wie hat das Schreiben zu zweit funktioniert?
Pikus: Gut. Wir hatten Hilfe. Rotwein. Lämmel hatte einen ganz schlechten Einfluss auf uns. Er säuft ständig im Buch.
Mark: Beim Schreiben hatten wir oft das Gefühl, dass sich die Geschichte von selbst erzählt hat, wozu Rotwein natürlich eine gute Grundlage bietet. Es muss aber der richtige Rotwein sein. Spanisch geht. Argentinisch auch. Am Besten ist portugiesischer Wein.

Apropos Alkohol: Mark, du hast früher als Ghostwriter für Politiker geschrieben. Heute schreibst du lieber Romane. Hast du das Genre des Geldes wegen gewechselt? 😉
Mark: Ja klar, aus genau dem Grund. Lämmel sagt ja: ‚Geld ist nicht alles im Leben, aber ohne Geld ist alles nichts.‘ Nach diesem Spruch hätte ich in der Politik mein sicheres Auskommen gehabt. In der Politik wird aber viel zu viel Geld verdient. Es ist nicht ehrbar, über Gerechtigkeit zu schreiben, die niemals eintritt und dabei Steuergelder zu verprassen, die niemals wiederkommen. Also schreibe ich jetzt nur noch Romane. Da deckt sich das erzählte Elend wenigstens mit den persönlichen Erfahrungen.

Und ist der inhaltliche Unterschied zwischen politischem Schreiben und dem literarischen Schreiben groß?
Mark: In der Politik erzählst du Märchen und behauptest, es handele sich um Fakten. In der Literatur ist es umgekehrt.

Wie hat es sich angefühlt, im Romanuniversum Gott zu spielen?
Pit: Das Gefühl hatten wir nur ganz selten. Wir haben nur an ganz wenigen Stellen diese gestalterische Funktion gehabt, also das Gefühl, die Geschichte könnte jetzt so oder so abbiegen und es kommt auf uns an, was geschieht.

Und wie war es an den übrigen Stellen?
Pit: Lämmel hat uns gesagt, was er erlebt hat und wir haben es nur aufgeschrieben und dabei aufgepasst, dass die Geschichte vollständig ist. Wir waren also maximal Erzengel, aber keine Götter im Romanuniversum.
Mark: Am Stärksten war dieses Gefühl für mich beim Schluss der Handlung. Wir wussten, wir hatten ein Ende. Aber wir wussten, es war noch nicht das Ende. Irgendwas fehlte, was danach kommen musste.

 Pit Pikus und Mark Uriona - periplaneta

Wie fandet ihr dann doch noch ein Ende?
Mark: Es kam zu uns. Wir hatten den ganzen Vormittag geschrieben und uns dann kurz aufs Ohr gehauen. Ich lag auf der Couch im Arbeitszimmer. Pikus schnarchte im Zimmer nebenan. Ich wachte plötzlich auf, ging zum Computer und tippte das Ende. Ich hatte selbst keine rechte Ahnung, was ich da schrieb. Dann ging ich wieder schlafen. Als ich aufwachte, saß Pikus am Computer und las und sagte: ‚Ja, genau so ist es. Das ist das Ende.‘ Und das war es dann auch.
Pit: So ein Quatsch. Ich habe nicht geschnarcht!

Wir hoffen jedenfalls, dass euch noch viele gute Romanenden beim Mittagsschlaf heimsuchen. Vielen Dank euch beiden für das Gespräch!

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