Matthias Niklas

Über Verlagswesen, Nacktmulle und militärische Einheiten in Krisengebieten

Die ganze Wahrheit über das Veröffentlichen von Büchern.

Matthias Niklas ist Bühnenpoet, zertifizierter Übersetzer, Autor und – v.a. Ex-Praktikant bei Periplaneta. Obwohl Letzteres schon einige Jahre her ist, schöpfte er aus seinen Erfahrungen und trug auf unserer Jubiläumsparty zum 10-jährigen Verlagsbestehen ein nicht ganz objektives (und sehr witziges) Essay darüber vor, wie …

 

… Ein Buch entsteht

Eine kurze Geschichte mit Anmerkungen aus dem kleinen Wörterbuch des Verlagswesens mit freundlicher Unterstützung von de.wikipedia.org sowie de.wiktionary.org.

[Anmerkung eins: Verlagswesen sind Wesen, die in oder im Dunstkreis von Verlagen existieren, wie etwa Lektoren, Herausgeber, Layouter, Kuchenmäzene oder Groupies. Autoren gehören nicht zu den Verlagswesen, sie dienen allerdings gelegentlich als Nahrung oder bieten Anlässe zur Heiterkeit.]

Am Anfang schreibt der Autor ein Buch.

[Anmerkung zwei: Ein Autor ist der Verfasser oder geistige Urheber eines sprachlichen Werkes, das aber auch illustriert sein und zuweilen mehr Bilder als Text enthalten kann. Meist verfassen Autoren im weitesten Sinn „literarische“ Werke, die den Gattungen Epik, Drama und Lyrik oder auch der Fach- und Sachliteratur zugeordnet werden.
Autoren sind generell und überhaupt fluffige, sozial engagierte Altruisten, denen Geltungsdrang, Selbstüberschätzung und Narzissmus völlig fremd sind und deren Schaffen alleine von dem Bedürfnis geleitet wird, die Welt zu einem besseren Ort, die Menschen zu besseren Menschen, und besseres X für Y zu schaffen, wobei Y für eine dem individuellen Autor wichtige Gruppe von Entitäten steht – z.B. Kinder, Tiere, Bäume; spezielle Kinder wie etwa vierjährige Kinder alleinerziehender Väter Mitte dreißig im Prenzlauer Berg, spezielle Tiere wie etwa Nacktmulle, spezielle Bäume wie etwa … keine Ahnung, Birken?; und Y für das, was ihnen fehlt, also etwa bessere Klavierlehrer für vierjährige Kinder alleinerziehender Väter Mitte dreißig im Prenzlauer Berg, bessere Pullis für Nacktmulle, oder besserer… keine Ahnung – Regen für Birken.]

Am Anfang schreibt der Autor ein Buch. Das geht ganz schnell, ohne Selbstkritik, nachträgliche Überarbeitungen oder mehrjährige Pausen, sondern ist üblicherweise locker in zwei bis drei Abenden zu schaffen. Dieses Buch schickt der Autor als Manuskript –

[Anmerkung drei: Ein Manuskript im Verlagswesen ist ein hand- oder maschinenschriftlicher Beitrag eines Autors, der als Vorlage zur Vervielfältigung dient.
Tipps für Autoren zum Verfassen eines Manuskriptes: Handschriftlich ist besser als maschinenschriftlich, Lektoren lieben Herausforderungen und haben so außerdem die Möglichkeit, den Charakter eines Autors von einem Graphologen deuten zu lassen.
Sollten Sie einen schlechten Charakter haben, ist maschinenschriftlich jedoch sinnvoller, aber Autoren haben, wie wir wissen, generell und überhaupt einen guten Charakter. Falls Sie sich doch für maschinenschriftlich entscheiden, so wählen Sie eine Schriftart, die handgeschrieben aussieht – Brushs Script MT, Comic Sans, Wing Dings – sowie eine Schriftgröße unter 8 oder über 14.
Weitaus entscheidender über den Erfolg eines Manuskriptes bei Lektoren sind allerdings sekundäre Charakteristika wie die angemessene Papiersorte – bei einem Werk über das Leiden der Nacktmulle unter der Urbanisierung traditionell braun-graues, faseriges Umweltpapier, sonst bitte chlorgebleicht –, und ausreichende Parfümierung. Bedenken Sie, dass die Parfümierung mehrere Tage in der Post und mehrere Monate ungelesen auf einem Lektorenschreibtisch Bestand haben muss, bevor sie wahrgenommen wird, und dosieren Sie entsprechend.
Kleine Aufmerksamkeiten wie Pralinen, Gutscheine oder Bargeld sind ebenfalls nicht verkehrt, schließlich liest endlich mal jemand Ihr Buch.]

Dieses Buch schickt der Autor als Manuskript an den Verlag.

[Anmerkung vier: Ein Verlag ist ein Medienunternehmen, das Werke der Literatur, Kunst, Musik, Unterhaltung oder Wissenschaft vervielfältigt und verbreitet.
Zu den Dingen, die Verlage nicht verlegen, gehören Fliesen, Teppichböden, Rohre, Netzwerkkabel, Handys, Haustürschlüssel, Termine und militärische Einheiten in Krisengebiete.]

Im Verlag angekommen, wird das Manuskript von einem Lektor mit Sorgfalt und Hingabe gelesen.

Sarah Strehle Periplaneta[Anmerkung fünf: Verlagslektorinnen und Verlagslektoren bzw. VerlagslektorInnnen bzw. Verlagslektor_innen bzw. Verlagslektor*innen bzw. Verlagslektorixs bzw. Verlagslektorchen (von lateinisch lector ‚Leser‘), meist nur Lektorinnen und Lektoren bzw. LektorInnnen bzw. Lektor_innen bzw. Lektor*innen bzw. Lektorixs bzw. Llektorchen genannt, sind in der Verlagsbranche tätige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bzw. MitarbeiterInnnen bzw. Mitarbeiter_Innen bzw. Mitarbeiter*innen bzw. Mitarbeitixs bzw. Mitarbeiterlein zur Auswahl, Korrektur und Bewertung von Manuskripten.
Zu den Dingen, die Lektoren nicht auswählen, gehören Manuskripte, in denen in übertriebenem Maße gegendert wird.
Zu den Dingen, die Lektoren nicht korrigieren, gehören Geltungsdrang, Selbstüberschätzung und Narzissmus von Autoren, es sei denn, die Lektoren haben einen schlechten Tag oder heißen Tom.
Zu den Dingen, die Lektoren nicht bewerten, gehört eigentlich nichts, Lektoren bewerten Essen, Mode, die Qualität von Toilettenpapier und die Lebensumstände von Birken, das Sargsortiment von Bestattungsinstituten sowie gelegentlich das eine oder andere Manuskript oder sogar sich selbst.]

Der Lektor liebt das Manuskript und empfiehlt dem Verlag, das Buch herauszugeben.

[Anmerkung sechs: Ein Herausgeber (abgekürzt meistens Hrsg., seltener Hg. oder ed. für edidit bzw. Edd. für ediderunt) ist eine Person oder Personengruppe, die schriftstellerische, publizistische oder wissenschaftliche Texte oder Werke von Autoren und Künstlern zur Publikation vorbereitet.
Zu den Dingen, die Herausgeber nicht herausgeben, gehören z.B. Wechselgeld, die Rechte an einem Text, wenn sie diese erst einmal haben, und Erstgeborene, die sie in einem Tauschhandel erstanden haben.]

Tom ManegoldDer Verlag folgt der Empfehlung und lädt den Autoren ein, um ihm die freudige Botschaft zu überbringen und den Autorenvertrag zu unterzeichnen.

[Anmerkung sieben: Ein Autorenvertrag wird hier nicht näher erläutert, da ein Teil dieser Erläuterung die Bevölkerung verunsichern könnte.]

Lektor und Autor arbeiten produktiv und konstruktiv zusammen, um das ohnehin schon hervorragende Manuskript noch besser zu machen.

[Anmerkung acht: Quellenangabe benötigt.]

Das nun hervorragende Manuskript wird dem Layouter übergeben.

[Anmerkung neun: Layouter, meist als Spross eines Hurenkindes und eines Schusterjungen geboren, sind Menschen, die ein mit Liebe gestaltetes, handgeschriebenes Manuskript in ein kaltes, seelenloses Massenprodukt verwandeln, dem jede Individualität abgeht, weil sie zwar 2.000 Schriftarten zur Verfügung haben, sich aber schon zu Beginn ihrer Karriere für zwei oder drei entschieden haben, die sie immer benutzen.
Mit Lektoren (siehe dort) über den endgültigen Text eines Buches zu streiten, ist immer eine lohnenswerte Sache, mit einem Layouter über die endgültige Erscheinungsform zu streiten, eher nicht: Erstens schicken am Ende sie das Buch in die Druckerei, und außerdem sind sie argumentativ totschlagend veranlagt. Beliebt sind etwa Äußerungen wie: „Das passt nicht ins Corporate Design”, oder: „Das geht nicht, da müsste ich die Laufweite proportional reduzieren, und das produziert an dieser Stelle Sturzbäche.”]

Das fertige, hervorragende Buch wird in Druck gegeben und der Verkauf kann beginnen, unterstützt von ausgeklügeltem Marketing.

Marry

[Anmerkung zehn: Marketing ist ein Konzept der ganzheitlichen, marktorientierten Unternehmensführung zur Befriedigung der Bedürfnisse und Erwartungen von Kunden und anderen Interessengruppen.
Im Falle eines Buches bedeutet „ganzheitlich“ etwa Braille-Ausgaben für Blinde, Hörbücher für Taube und Autofahrer, E-Books für Menschen mit Papierallergie und Ausgaben in einfachem Deutsch für Kinder und Twilight-Fans.
Marktorientiert heißt, das Buch mit dem Cover in Richtung des nächsten Wochenmarktes auszurichten.
Unternehmensführung ist das, was Marry macht, keine Ahnung, worum es da geht. Befriedigung der Bedürfnisse und Erwartungen von Kunden ist der schwerste Teil, weil manche Kunden gar nicht wissen, was ihre Bedürfnisse sind, und erwarten, ganz andere Bedürfnisse befriedigt zu bekommen, als sie in Wirklichkeit haben.
So ist Marketing beispielsweise dann ausgeklügelt, wenn jemand hier herein (Anm. Periplaneta: ins Literaturcafé) kommt, um ein Bier zu trinken, und am Ende all sein Geld für Bücher ausgibt.]

Wie die meisten Bücher wird auch dieses ein Bestseller.

[Anmerkung elf: Bestseller ist ein Anglizismus für einen theoretischen Handelsartikel, dessen Absatzvolumen überdurchschnittlich hoch ist.
Bestseller sind Sagengestalten aus dem Gründungsmythos des Verlagswesens und noch nie in freier Wildbahn dokumentiert worden; Kryptozoologen vermuten das natürliche Habitat des Bestsellers irgendwo am Ende eines Regenbogens versteckt zwischen dem Rheingold und dem Weltfrieden.]

Und wenn sie nicht gestorben sind, machen sie noch zehn Jahre so weiter.

Matthias Niklas, 15.09.2017

 

Periplaneta sagt: Danke, Matthias, und genau so isses 🙂