Jesko Habert

Über Nachtfalter, den Jakobsweg und die Leidenschaft der Künstler

Ein Interview mit Slam-Poet Jesko Habert.

Es gibt Bücher, die sind so hübsch, dass man sie gar nicht aus der Hand legen möchte. Die Märchen aus einer grausamen Welt von Jesko Habert gehören da dazu. Aber das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss, denn die metaphernreiche Lyrik des Berliner Kiezpoeten ist nah an den Figuren, am Zeitgeist, am politischen Geschehen.
Noch dazu ist es unser erstes „Mitmachbuch“, das da in der Edition MundWerk erscheint: Der Leser wird nämlich dazu angehalten, selbst aktiv zu werden und mit der Schere Verborgenes auf den Seiten freizulegen, mit Hilfe eines Stifts Neues zu entdecken oder hinter das Geheimnis eines Gedichts im Morse Code zu kommen.
Bei so viel überbordender, genialer Kreativität mussten wir dem Autor einfach ein paar Fragen stellen:

JESKO HABERT "Märchen aus einer grausamen Welt" - periplanetaAuf Deinem Cover ist ein Nachtfalter zu sehen. Ist das ein „Selbstporträt“, weil Du gerne abends unterwegs bist, oder wie kam es dazu?
Jesko: Der Nachtfalter entstammt dem Text „Hymne der Nachtfalter“. Er ist ein Symbol für die Poeten und Künstler, die aus ihren Verschlägen ins Scheinwerferlicht flattern. Eigentlich sind Nachtfalter ja schöne Tiere – aber gegenüber den oft grellbunten Schmetterlingen werden sie dann doch eher misstrauisch beäugt. Außerdem gibt es eine Nachtfalterart mit dem herrlichen Namen „Prozessionsspinner“ – und ich finde, das passt auch sehr gut zu uns Bühnenpoeten. Es geht also gar nicht darum, ob ich mich damit selbst darstelle, sondern um einen Lebensstil und die Sicht der Gesellschaft darauf. Aber um es plakativ zu machen: Ja, ich bin auch ein Nachtfalter.

Was schätzt Du an Künstler-Kollegen am meisten?
Jesko: Wenn sie sich auch weiterhin normal mit Nicht-Künstlern unterhalten können. Das ist leider gar nicht so selbstverständlich. Gleichzeitig schätze ich natürlich an vielen, dass sie die Chancen, die sich ihnen bieten, nutzen, um etwas zu verändern. Sei es bei einem einzigen Zuhörer oder bei den Massen. Dass sie Alternativen denken und andere Lebensentwürfe einfach durchziehen, auch wenn man ihnen jahrelang gesagt hat, dass das nicht geht.

Du gibst auch Slam-Workshops. Was möchtest Du dort den Menschen beibringen?
Jesko: Es geht nicht darum, dass jetzt jeder auf einer Slam-Bühne stehen muss. Es ist aber ein tolles Mittel vor allem für jüngere Menschen, aus sich herauszukommen. Schreiben ist eine unglaublich mächtige Tätigkeit, die Dinge aus dir herausholen kann, von denen du nicht mal wusstest, dass sie da sind. Viele Künstler und Poeten waren zu Schulzeiten ja auch eher die Außenseiter, bevor sie dieses Potential für sich entdeckt haben. Wenn man das dann im Slam-Kontext noch damit verbinden kann, die Angst vor dem Laut-Aussprechen zu überwinden und Selbstsicherheit zu gewinnen, ist das eigentlich die perfekte Kombination.

Was hältst Du von der Einstellung, dass jeder Mensch ein Künstler sein kann?
Jesko: Oft hört man ja als Künstler, dass man ein „tolles Talent“ habe. Ich finde, das wertet die Arbeit des Künstlers ab – als würde ihm das alles einfach so geschenkt. Da steckt aber viel Arbeit hinter, über Jahre hinweg. Was einem geschenkt wurde, ist vielmehr die Motivation und der Spaß an eben dieser Tätigkeit. Die führt dazu, es einfach immer weiter zu machen.
Ein durchschnittlicher Mathematiker rechnet die Pi-Zahl bis, ähm … (guckt die zweite Nachkommastelle online nach) bis 3,14 und sagt dann: „Jetzt reicht’s aber.“ Einem talentierten Mathematiker reicht selbst die zwanzigste Ziffer nicht, es geht immer noch besser. Natürlich kann also jeder Mensch ein guter Mathematiker sein – wenn er so viel Motivation hat. Haben die meisten Menschen halt nicht.
Das ist nicht anders mit Künstlern: Wir wollen eben immer noch eine Nachkommastelle weiter. Natürlich könnte das jeder. Aber die wenigsten wollen. Das hat was mit Spaß an der Sache zu tun, aber auch mit Leidenschaft, die bis ins Physische geht: Mein früherer Bandkollege hat Kopfschmerzen bekommen, wenn er mehrere Tage nicht Gitarre gespielt hat (deshalb ist er so verdammt gut). Wenn ich zu lange keinen Text mehr geschrieben habe, fühle ich mich matt und müde.
Das ist halt die andere Seite: Man sucht sich seine Leidenschaft eben nicht selber aus.

Der Jesko - periplaneta - Bild: J. HumburgDu bist alleine den Jakobsweg gewandert. Wie hat sich dadurch Dein Blick auf die Großstadt Berlin verändert?
Jesko: Interessanterweise kann man tausend Kilometer allein laufen, an manchen Tagen keinem Menschen begegnen, und ist trotzdem nicht einsam. In einer Stadt wie Berlin ist das oft anders: Wir versinken im Alltag, huschen von der Arbeit in die U-Bahn in unsere bildschirmbeleuchteten Zimmer, und merken vielleicht gar nicht, dass unser Nachbar genauso Lust auf ein gemeinsames Kochen hätte. Das kann dir auf so einer Wanderung halt nicht passieren.

Wenn man Deine Texte liest, hat man den Eindruck, dass Du Konsum gegenüber kritisch eingestellt bist. Was ist für Dich Luxus?
Jesko: Zeit.

Was glaubst Du: Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus?
Jesko: Das kommt drauf an, ob ich gerade optimistisch bin und mit (klugen) Kindern rede, oder pessimistisch mit verstockten Erwachsenen … Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus zwei Extremtypen sein: In Europa werden wir zwar mehr Zeit für Künste und soziales Engagement haben, vielleicht einen kostenlosen Nahverkehr und einen bedeutenden Teil erneuerbarer Energien, zivile Drohnen versorgen selbst abgelegene Regionen mit nötigen Waren und die Wirtschaft wird allein aus Effizienzgründen nachhaltiger geworden sein. Gleichzeitig werden ebendiese Drohnen die Städte mit Kameras überwachen und nur von den unvorhersehbaren, zunehmenden Unwettern zu Fall gebracht werden. Die Mauern um Europa werden dichter, und jenseits der Grenzen wird es ähnlich (schlecht) aussehen wie heute. Oder schlimmer. Außer in China, das uns wirtschaftlich überholt haben wird, aber sich mit den sozialen Errungenschaften trotzdem Zeit lassen wird. Es wird keine Filmdystopie, aber auch nicht der Traum der gerechten und nachhaltigen Gesellschaft. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, und in zehn Jahren sind wir den noch nicht mal ansatzweise gelaufen.

Jesko Habert Vision & Wahn

Bonusfrage – Du bist ja Lyriker: Fällt Dir spontan ein Vierzeiler zu „Reimzwang“ ein?

Jesko:
Wenn man sich sicher ist, dass man ohne es nicht sein kann
Der Kopf verliert den Fokus, so wie wenn man zu viel Wein trank
Man es zu lange bleiben ließ, zum Schein dann Prosa reinzwang
Dann: Ist man sicherlich ein Opfer eines Zwangsneurosen-Reimzwang‘

Periplaneta ist kollektiv begeistert 🙂

Vielen Dank, Jesko, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast!

Das Interview führte Marry.