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Über leidenschaftliche Phantastologie

Interview mit Philipp Multhaupt.

Herrn Murmelsams Fieberträume ist der erste Kurzgeschichtenband von Philipp Multhaupt und gleicht einer Schatzkiste aus der Kindheit: voller Fantasie und vergessener Träume. Sarah Strehle sprach mit ihm über Bäume vor dem Fenster, Märchen auf Poetry-Slam-Bühnen und die Phantasiearmut in unserer heutigen Gesellschaft.

In deinem Buch beschreibst du einen völlig neuen, wissenschaftlichen Beruf: „… der Phantastologe [versteht sich] auf die Kunst des fundierten Fabulierens und weiß der ziellos gebrauchten Vorstellungskraft des [laienhaften] Phantasten ernsthafte, akademische Forschungsarbeit im Bereich der Einbildung entgegenzusetzen.“ Siehst du dich selbst als einen Phantasten oder einen Phantastologen?

Philipp Multhaupt: Ich glaube, dass sich die beste Position irgendwo in der Mitte befindet: ein Phantastologe, der nicht vergisst, dass er selbst irgendwann als Phantast begonnen hat. Und genau das möchte ich sein.
Ich habe selbst beobachten können, dass zu viel „ernsthafte, akademische Forschungsarbeit“ die emotionale Leidenschaft abtöten kann. Ein Phantast mit „laienhaftem Interesse“ verliert diese hingegen nicht so leicht, weil seine wild wachsende Begeisterung aufrichtiger ist als die kultivierte und fundierte des Phantastologen.

Du betreibst ja „ernsthafte, akademische Forschungsarbeit“ und studierst Literaturwissenschaft. Inwiefern hilft dir das bei deinen eigenen Geschichten?

PM: Ein Literaturwissenschaftler hat nicht automatisch das Zeug zum Schriftsteller. George Bernard Shaw hat ja so schön bösartig gesagt: „Those who cannot do, teach.“ Aber man lernt beim Analysieren, wie eine Geschichte funktioniert. Und ich finde es sehr wichtig, dass man als Schreibender einen Überblick über die gesamte Literaturgeschichte hat. Man sieht, was möglich ist, was schon da war, was sich wie entwickelt hat, man findet Vorbilder und Geistesverwandte. Natürlich braucht man aber für all das nicht notwendigerweise die Uni, Schriftsteller gibt es ja schon weitaus länger als Literaturwissenschaftler. Goethe und Hoffmann haben Jura studiert und es ist trotzdem was aus ihnen geworden.

Philipp MulthauptDeine Protagonisten sehen sich häufig einer kalten, grauen Realität gegenüber und retten sich gern in eine Phantasiewelt. Empfindest du unsere heutige Gesellschaft als phantasielos?

PM: Ich sehe mich selbst nicht als Gesellschaftspessimisten oder vollendeten Misanthropen, aber ich glaube schon, dass es in der Gegenwart eine starke Tendenz zu emotionaler Erkaltung und Phantasiearmut gibt.
Das hat der großartige Michael Ende bereits vor über vierzig Jahren erkannt: Momo ist kein harmloses Kinderbuch, sondern eine scharfe Abrechnung mit der dauergestressten Leistungsgesellschaft, die ihre Prioritäten falsch setzt und sich leider bis heute in dieser Form gehalten hat.
In eine Phantasiewelt zu flüchten, die diese Missstände ausklammert oder leugnet, ist natürlich keine Lösung. Aber sie in phantasievoller Form zu verarbeiten, dabei Kritik anzubieten, aber nicht aufzuzwingen – das halte ich für sehr sinnvoll.

Was ist für dich überhaupt „Realität“?

PM: Etwas vollkommen Subjektives. Erkenntnisphilosophie hat ein bisschen was von weltfremdem Luxus: objektive Fakten zu hinterfragen, kann man sich zwar in der Einführungsvorlesung Philosophie leisten, aber im Alltag macht es schlicht lebensunfähig, wenn man sich ständig fragen muss, ob es den Baum vor dem Fenster wirklich gibt.
Wie ich jetzt aber diesen Baum vor dem Fenster persönlich wahrnehme, ist etwas völlig anderes. Literatur – oder Kunst allgemein – ist der Versuch, die Wirklichkeit einzufangen, und zwar nicht die objektive, sondern die subjektive.
Realität findet immer zuerst im Kopf statt, genau wie Phantasie. Deshalb sind die beiden auch keine Todfeinde, wie gerne behauptet wird, sondern einfach nur zwei Seiten derselben Medaille.

Angenommen, man würde wie in deiner Geschichte „Revolution“ das Träumen verbieten. Glaubst du, dass auch heutzutage, in unserer Konsumgesellschaft, die Menschen für die Freiheit ihrer Gedanken kämpfen würden?

PM: In gewisser Weise sind wir ja schon auf dem Weg dorthin. Das Träumen ist zwar noch nicht verboten, aber es wird immer mehr vereinheitlicht: Die Medien setzen uns Traum- und Wunschideale vor. Wir haben lukrative Jobs zu wollen, einen gestählten Luxuskörper, eine dauerfeuchte Freundin mit Modelmaßen und das neueste Smartphone. Wer dagegen neben der Spur träumt, von einem Leben als brotloser Künstler, der wird schräg angeschaut.
Ich glaube nicht, dass es noch möglich ist, dagegen zu revoltieren, jedenfalls nicht im gesellschaftlichen Kollektiv. Wir alle, und da nehme ich mich selbst nicht aus, sind einfach zu bequem geworden, und je revolutionärer und weltgewandter und hipper wir uns geben, desto festgefahrener sind wir in unserem Denken.

An was denkst du, wenn es dir nicht gutgeht? Bzw. hast du einen Leitsatz, der dir über schwierige Situationen hilft?

PM: Von meinem Englischlehrer habe ich eine schöne Redensart gelernt, die sich für mich bisher immer als wahr erwiesen hat: „The darkest hour is right before the dawn.“ Aber Krisensituationen sind so schön vielgesichtig und flexibel, dass sich nicht immer wieder die gleiche Lebensweisheit zu ihrer Linderung anwenden lässt.
Bücher helfen mir sehr. Wenn es die richtigen sind, findet man darin immer einen Satz, den man auf die eigene Situation beziehen kann.

Herrn Murmelsams Fieberträume widmest du dir selbst, allen anderen und ganz besonders dem Mädchen mit dem Mondscheinlächeln. Aber wer ist sie?

PM: Eigentlich ist sie kein realer Mensch; sie ist eine Personifikation der Nacht, des Träumens, ein weibliches Idealbild, ein bisschen wie die imaginäre Ehefrau, die sich Professor Felizius in „Die letzte Seite“ wünscht. Aber ich habe mich letztes Jahr in ein wunderbares Mädchen verliebt. Sie ist alles, was ich mir immer gewünscht habe, und meinem Gefühl nach gilt die Widmung ihr. Auch wenn das faktisch nicht stimmt, weil ich etwa vier Jahre an Herrn Murmelsam gearbeitet habe und der Wortlaut dieser Widmung schon feststand, bevor ich sie überhaupt kannte. Aber in manchen Beziehungen herrscht vielleicht so etwas wie autonome Zeiterfassung?

Multhaupt, PhilippDu stehst auch auf Poetry-Slam-Bühnen. Was hat dich dazu veranlasst?

PM: Ich habe einfach eine Plattform gesucht, um meine Texte überhaupt präsentieren zu können. Auch diese Idee vom durch die Lande reisenden Dichter fand ich einfach sehr schön. Slammer sind ja so eine Art moderne Wanderpoeten. Nur mit Smartphones und mehr Kraftausdrücken.

Märchen für Erwachsene fallen doch aber sicherlich aus dem üblichen Poetry-Slam-Format. Oder schreibst du dafür andere Texte?

PM: Nein, die meisten Murmelsam-Geschichten sind ursprünglich tatsächlich Slamtexte gewesen, manche in gekürzter Form.
Obwohl die Slam-Bühne für alle Textarten prinzipiell offen ist, hat sich mit der Zeit so etwas wie eine typische Slamrhetorik entwickelt – und ja, da fallen meine Texte ein bisschen raus. Aber ich habe nach meinen ersten Auftritten sehr positive Rückmeldungen bekommen, das hat mich bestärkt, bei meinen Märchen für Erwachsene zu bleiben.

Du sagst selbst, dass du als Teenager in die Weltschmerzlyrik abgedriftet bist. Was müsste passieren, damit du sie veröffentlichst?

PM: Ich müsste Distanz nehmen. Mich ein bisschen lustig machen, das Pathos etwas entschärfen, gleichzeitig aber den Menschen, der ich einmal war, nicht bösartig bloßstellen; dem war das ja damals sehr ernst, ein Herzensbedürfnis. Ein spannendes Experiment wäre es natürlich, mich jetzt als Mittzwanziger noch mal an diese Gattung heranzuwagen und dann beide Lebensabschnitte einander gegenüberzustellen.

Wenn eine gute Fee deinen Weg kreuzt, was würdest du dir wünschen?

Herrn Murmelsams BuchpremierePM: Vielleicht lieber gar nichts? In Märchen geht das ja selten gut aus, weil die Menschen einfach zu dumm sind und sich immer das Falsche wünschen.

Lässt du Herrn Murmelsam fiebrig weiter träumen oder gibt es andere zukünftige Projekte?

PM: Nein, Herr Murmelsam ist wieder wach und gesund und zurück in seinem Büro. Im Moment arbeite ich an zwei neuen Projekten: Einem Roman und an einer weiteren Kurzgeschichtensammlung.

Dann wünschen wir dir noch viel Gesundheit, Brot und Phantasie bei der Verwirklichung deiner künstlerischen Träume.

Das Interview führte Sarah Strehle.