Richard Wiemers - periplaneta

Über Krimis, Groupies und den Einbruch des völlig Unerwarteten

Ein Interview mit Richard Wiemers.

Fans der gepflegten Krimi-Parodie dürfen aufatmen: Der unwiderstehliche Kommissar Bross ermittelt anno 2017 wieder, diesmal hat es ihn allerdings in die Großstadt verschlagen, wo er zwar eigentlich urlauben soll, aber mit seinem untrüglichen Gespür für das Verbrechen und dem treuen Assistenten Keule wieder einer ganz heißen Sache auf der Spur ist. Als dann eines Morgens in einem Hinterhof die sehr leblose Leiche einer Dame gefunden wird, ist das ganze ermittlerische Können des Kommissars gefragt, denn in diesem Fall gibt es nicht nur eine ungewöhnliche Tatwaffe, sondern auch gleich noch einen ganzen Sack voll Verdächtiger…
Richard Wiemers legt also mit „Bross. Endstation Hinterhof“ einen zweiten Teil der Reihe um den charismatischsten nassen Kommissar aller Zeiten vor. Franziska Dreke sprach mit dem Autor über Cybermobbing, Qi-Gong und über die eigene Bibliophilie.

Richard, dein Bross ist ein Slapstickkrimi mit Lokalkolorit. Wie ist es dir seit dem Erscheinen des ersten Teils ergangen? Wirst du auf der Straße erkannt, von Groupies verfolgt, oder bist du als Autor das unbekannte Gesicht hinter deiner strahlenden Hauptfigur?
R.W.: „Also, die Groupies sind definitiv ausgeblieben, und mich gruselt es etwas, wenn ich darüber nachdenke, wen ich da so zu erwarten gehabt hätte … Ich warte auch immer noch auf den Anruf des Produzenten aus Hollywood, der den Stoff verfilmen will. Vielleicht liest einer von denen ja dieses Interview. Ich selbst wäre auch bereit, in dem Streifen eine Statistenrolle zu übernehmen, so wie das der berühmte Steffen König immer tut. Mit der Rolle als unbekannter Autor hinter einer strahlenden Hauptfigur kann ich mich aber sehr gut anfreunden. Und von Menschen, die ich kenne, werde ich immer wieder auf das Buch angesprochen.“

Komissar Bross - periplaneta (by Holger Much)

Du bist ja auch ein Mann mit vielen Interessen: Musizieren, Begleiten, Arrangieren, Chor, Jazztrio, Bigband, Bass im Sinfonieorchester, daneben noch dein Beruf als Lehrer. Schläfst du auch irgendwann mal? Oder mussten deine Dates mit Bross auf die Unterrichtspausen im Lehrerzimmer verlegt werden?
R.W.: „In der Aufzählung fehlen noch der Bildhauer, Fotograf, Mundmaler, Stadionsprecher, Landtagsabgeordneter, Prominentenfriseur… Die Frage habe ich schon lange erwartet … Aber im Ernst: Ich habe Musik studiert und sehe mich als praktizierenden Musiker. Da gehören Dinge wie Arrangieren und Begleitung notwendigerweise dazu. Einige der genannten Tätigkeiten habe ich schon vor längerer Zeit an den Nagel gehängt, andere übe ich nur selten aus. Am ersten Bross habe ich 14, am neuen Bross sogar 18 Monate gearbeitet. Mancher Kollege der schreibenden Zunft, der „nebenbei noch berufstätig“ ist, erledigt das in einem Vierteljahr. Oft habe ich wochenlang überhaupt keine Zeit zum Schreiben.“

Wie entspannst du dich dann, wenn du doch mal Zeit zum Durchatmen hast? Mit Qi-Gong, wie deine schillernde Hauptfigur?
R.W.: „Ich habe tatsächlich mal einen Qi-Gong-Kurs belegt, als Entspannung für mich ein wichtiges Thema wurde; daher meine Kenntnis dieser Technik. Aber das ist nicht der Grund, warum Bross es praktiziert. Der ist vielmehr ein Mann mit vielen Schrullen, und die wirken am witzigsten, wenn sie gerade völlig fehl am Platze sind. Bross stellt Ermittlungen am Tatort an, wo die Leiche noch unangetastet liegt, und macht dann zur allgemeinen Verblüffung ein paar Qi-Gong-Übungen. Ein Einbruch des völlig Unerwarteten. –
Entspannung für mich persönlich sind hingegen – Klischeealarm! – in der Tat Bücher. Oder im Sommer der gemeine Liegestuhl, klassisch, auf dem Rücken in der Horizontalen, ohne irgendwas zu tun.“

bross1 Bad Guy by Holger Much

Haben deine Schüler eigentlich dein Buch gelesen? Und wenn ja, was für Feedback bekommst du aus ihren Reihen?
R.W.: „Meine aktuelle 10. Klasse hat sich für unseren gemeinsamen Segeltörn auf dem Wattenmeer die üblichen Klassenfahrtspullis zugelegt, mit allen Namen auf der Rückseite. Ganz unten prangt in großen Lettern statt meines Namens „Kommissar Bross“.  Und ein elfjähriger Schüler kam vor kurzem aufgeregt in der Pause zu mir und berichtete, er habe sich das Buch in der örtlichen Stadtbibliothek ausleihen wollen, aber man habe es ihm verweigert – mit der Begründung, das sei nur für Erwachsene. Was der arme Junge und vor allem seine Eltern wohl denken mögen nach der Auskunft…?“

Naja, die Eltern haben wohl Angst bekommen und der Junge völlig falsche Erwartungen.  Dabei ist der Kommissar doch eigentlich ein ganz straighter Typ, obwohl er nicht sehr technikbegeistert zu sein scheint. Nie benutzt er das Internet, moderne Überwachungstechnik ist ihm fremd. Das mutet schon komisch an bei der Konkurrenz von all diesen Serienhelden von CSI, NYPD oder Typen wie dem aalglatten, smartphoneaffinen Sherlock. Warum ist dein Kommissar so old-school?
R.W.: „Er und sein Assistent Keule sind die Gegenentwürfe zu den glatten CSI-Ermittlern oder den NYPD-Cops oder auch den depressiven Kommissaren der Schwedenkrimis. Das sind profillose, gestelzte Schablonen – auch die Schweden, obwohl sie im anderen Gewand daherkommen – während Bross und Keule ambivalente Persönlichkeiten darstellen. Sie haben viel von Don Quixote und Sancho Pansa: die lächerliche Grandezza, die unbedingte Loyalität und mehr. Das verlangt, glaube ich, nach eher traditionell angelegten Figuren und Handlungsweisen. Eine Fokussierung auf moderne Technologie, bloß um dem Zeitgeist Genüge zu tun, könnte diese Absicht überlagern. Der Verzicht darauf ist sozusagen die Reduktion auf das Wesentliche, Brot und Butter, das Handwerk des Ermittelns, das Bross nach seinem Selbstverständnis zur Perfektion pflegt. Und hat eine solche Figur nicht viel mehr Charme als ein High-Tech-Cop?“

Du selbst wirst ja als Lehrer ständig mit der zunehmenden Digitalisierung konfrontiert: Handys in den Klassenzimmern, Darknet, Online-Spiele, Cybermobbing … alles Probleme neueren Ursprungs. Wie empfindest du den Einfluss dieser Entwicklung auf die heutige Jugend?
R.W.: „Insgesamt vielleicht weniger problematisch, als es manche Kollegen oder Bildungspolitiker sehen. Es sind einfach die Anforderungen der Zeit, und denen hat man sich zu stellen. Aber zwei Entwicklungen finde ich tatsächlich beängstigend. Das zunehmende Cybermobbing hat dazu geführt, dass es gesellschaftsfähig ist, seine Mitmenschen psychisch zu quälen und auszugrenzen. Das Schlimme ist, die allgemeine Abstumpfung wirkt vor allem auf die Erwachsenen, die dieser Entwicklung bei ihren Kindern viel zu wenig entgegentreten. Das andere Problem zeigt sich in der eklatant nachlassenden Fähigkeit der Kinder, sich auf einen Gegenstand etwas länger als nur flüchtig einzulassen. Ein Reiz hat eine verschwindend geringe Halbwertzeit und muss schnell von einem neuen Reiz abgelöst werden, sonst reagiert der Mensch sofort mit Unruhe und Unwohlsein.“

Verdrängen die digitalen Medien das Buch? Sind heutige Schüler leseunlustiger?
R.W.: „Glaube ich beides nicht. Vor fünfundzwanzig Jahren haben die meisten Schüler auch nicht gern gelesen. Damals war es das Fernsehen, heute sind es die von dir genannten Medien. Und die vor Jahren geäußerten entsprechenden Befürchtungen der Verleger haben sich ja nach den aktuellen Statistiken zum Glück nicht bestätigt. Das Buch wird immer leben, davon bin ich überzeugt.

Welche Bücher magst Du?
R.W.: „Ich liebe aufwendig gestaltete, gut recherchierte und fotografierte Bildbände. Der letzte, den ich bekommen habe, war „Genesis“ von Sebastiao Salgado. Unglaublich gut! Nun würde mich z.B. über ein Buch zur Geschichte des Panamakanals interessieren. Und der Kurzgeschichtenband von Stephan Hähnel, meinem neuen Kollegen in der Edition Totengräber, steht übrigens auch weit oben auf meinem Wunschzettel. Zum Glück ist ja bald Ostern.“

Bross verschlägt es in deinem neuen Buch in die Großstadt, und diesmal jagt er sogar einen Mörder. Hat der Kommissar mit den stets nassen Zigaretten das Zeug dazu, der brillante Ermittler in weiteren Fällen zu werden?
R.W.: „Auf jeden Fall! Schließlich lauert das Verbrechen überall. Jeder Spur muss nachgegangen werden. Zur Not auch, bevor es sie überhaupt gibt. Es kann nicht angehen, dass Fälle unaufgeklärt bleiben. Der Bross’sche Ansatz „Überwachung, Sicherung, Analyse, Vorsatz, Einsatz und Zugriff” ist – in dieser Reihenfolge – der Garant für den Ermittlungserfolg. Und wer sollte bei der Entschlüsselung von kriminalistischen Rätseln brillieren, wenn nicht er?“

Vielen Dank für das Interview.

Franziska Dreke