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Von Menschen und Schweinen

Schweine (Bild under Gnu by Guido Gerding)

Die erstaunliche Geschichte der LPG.

„Dass nicht unbedingt alles mit rechten Dingen zuging, das wissen wir doch. Schwamm drüber. Es war eine andere Zeit, mit anderen Bedingungen. Ich will ja auch gar nicht über die Schweinefarm des alten Scholtz reden…“
„LPG!“
„Wie?“
„LGP hieß das früher im Osten.“
„Ach so. Natürlich. LP… Dingsbums.“

In der Tat können „Wessies“ wie der wissbegierige Tobais Putze aus Thomas Sabottkas kolkrabenschwarzem Roman „Land, Luft & Leichenschmaus“ mit dem Schlüsselbegriff der DDR-Landwirtschaft selten etwas anfangen.
Die Entstehung dieser Betriebe wurde 1945 mit einer Bodenreform eingeleitet, bei der Großgrundbesitzer (mehr als 100 Hektar) enteignet wurden.

Die „frei“ gewordenen Flächen verteilte man in Kleinststeilen auf Kleinbauern und Flüchtlinge, um die Bauern- und Arbeiterklasse zu stärken. 1952 beschloss die SED-Regierung dann die (schon von Marx vorgegebene) Kollektivierung der Landwirtschaft: Bauern sollten sich in „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“ zusammenschließen, die wiederum in drei Stufen unterteilt wurden. Entweder man brachte nur sein Land (Typ I), sein Land inklusive Maschinen (Typ II) oder den gesamten Produktionsbesitz (Typ III) in die Genossenschaft mit ein, wobei Letzteres favorisiert wurde.

Da die im Zuge der Bodenreform entstandenen Besitztümer oft zu klein waren, um sie profitabel zu bewirtschaften, bestand unter den „Neubauern“ durchaus Interesse an einem Zusammenschluss. Um aber auch die übrigen Landwirte für die Kollektivierung zu „begeistern“, griff das Regime zunächst auf Steueranreize und später auf radikalere Methoden zurück: Im sogenannten „Sozialistischen Frühling“ zogen 1960 Agitationstrupps durch das Land, um die Bauern zum Eintritt in LPGs zu nötigen – mit Erfolg: Bereits im Mai verkündete Ulbricht stolz, dass mehr als 250.000 Bauern neu eingetreten wären. Die landwirtschaftliche Kollektivierung war Realität geworden.

Strukturell basierten die LPGs auf einem gesetzlich vorgeschriebenen Musterstatut, das u.a. den Austritt aus der Genossenschaft vom Votum der Mitgliederversammlung abhängig machte. Weiterhin wurden Aussteigern nicht die Nutzungsrechte am ehemals eigenen Boden, sondern lediglich an einer äquivalenten Fläche garantiert, was aufmüpfigen Gedanken effektiv einen Riegel vorschob.
Allerdings hatten die LPGs für die Bauern nicht nur Nachteile: Auf politische Anordnung hin boten die Genossenschaften ihren Mitgliedern soziale Hilfestellungen wie Kindergärten, dazu feste Arbeitszeiten und mehr Möglichkeiten für Urlaub.

Die Landwirtschaft der DDR war ein wichtiger Bestandteil der staatlichen Propaganda. Jahr für Jahr wurde die alljährliche „Ernteschlacht“ (militärisches Vokabular war in den Berichterstattungen üblich) gepriesen, spezialisierte Agrarfotografen fingen für die Staatsmedien eindrucksvolle Impressionen ein. Dieser ganze mediale Aufwand hatte auch einen Grund: Es fehlten fähige Arbeitskräfte, weil auch Teile der Landbevölkerung bis zum Mauerbau in den Westen flohen. Mit Aufrufen zur Erntehilfe versuchte man die Lücken in den Reihen zu schließen. Später wurde ein dreimonatiger Aufenthalt auf dem Land für Studenten Pflicht. Äußerst problematisch war hierbei allerdings fehlendes Fachwissen, mangelnde Übung und fehlende Motivation unter den „Freiwilligen“.

Mit der Wende lief auch die Zeit der LPGs ab, da sie mit dem westdeutschen Wirtschaftsrecht nicht vereinbar waren. Nach mehreren Rechtsstreiten entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die Ansprüche von LPG-Bauern auf ihr Land uneingeschränkt wiederhergestellt würden – was jedoch keineswegs die Kollektivierung rückgängig gemachte: Aufgrund der mit Selbstständigkeit verbundenen Risiken beschlossen die meisten Bauern in Ostdeutschland, ihre Kollektive in eingetragene Genossenschaften oder GmbHs überzuführen. Schließlich war die Spezialisierung innerhalb der LPGs bereits so weit vorangeschritten, dass die für einen Eigenbetrieb benötigten Allround-Kenntnisse kaum noch existierten. Die Regierung Kohl, die eigentlich die Entstehung von Familienbetrieben wie im Westen favorisiert hatte, beugte sich widerwillig diesem Trend.

Mit dem Wegfall der staatlich geschützten Rahmenbedingungen aus DDR-Zeiten befreiten sich die ehemaligen LPGs schlagartig von ihren nicht-wirtschaftlichen Funktionen und kürzten massenhaft Stellen ein, um konkurrenzfähig zu werden. In der Folge brach in vielen ländlichen Regionen der wichtigste Arbeitgeber weg, was erheblich zu den Strukturproblemen auf dem Land beitrug. Gleichzeitig verhalf es der ostdeutschen Landwirtschaft jedoch zu einer bislang ungeahnten Effizienz. Während im Westen durchschnittlich 5,5 Personen pro Hektar arbeiten, sind es in den neuen Bundesländern gerade mal halb so viele. Das liegt zum einen an den deutlich größeren Betriebsflächen und zum anderen an der gemeinschaftlichen Nutzung der Maschinen. Durch den daraus resultierenden Verschleiß wird häufiger in neue Technik investiert, ohne dass tatsächliche Mehrkosten für den Einzelnen entstehen.
Darüber hinaus haben sich die Post-LPG-Betriebe erfolgreich an die europäische Subventionspolitik angepasst: Um zusätzliche Fördermittel zu erhalten, haben viele Betriebe ihr Angebot um Reiterhöfe, Hotels oder Projekten zur Landschaftspflege erweitert.

Dass erst der marktwirtschaftliche Kontext dem sozialistischen Modell zum Erfolg verhalf, das nennt man wohl Ironie der Geschichte.

Paul Waidelich